Britisch-österreichisches Forscherteam entdeckte Zusammenhang zwischen Megalithkreis und sogenanntem Cursus
Wien - In der näheren Umgebung des berühmten Steinkreises von Stonehenge in Südengland existierten bereits lange vor der heute sichtbaren Anlage jungsteinzeitliche Strukturen. Ein britisch-österreichisches Forscherteam untersuchte Monumente, die bereits etwa 500 Jahre
vor der Errichtung der Steine entstanden sind. Mit Hilfe von magnetischen
Analysemethoden und Bodenradar konnten die Wissenschafter zeigen, dass große Gruben genau dort
ausgehoben wurden, wo - vom Steinkreis aus gesehen - die Sonne am Tag der
Sommersonnenwende auf und unter geht.
Bereits seit vergangenem Jahr arbeiten die Wissenschafter von der Universität Birmingham und dem Ludwig Boltzmann Institut für
Archäologische Prospektion in Wien an der großflächigen Vermessung der Umgebung von Stonehenge,
wie der Direktor des Boltzmann Instituts, Wolfgang Neubauer, erklärte. Die Forscher haben eine bereits bekannte, rund
1,5 Kilometer nördlich des Steinkreises gelegene noch ältere Struktur - den
sogenannten Cursus - erstmals vollständig mit den magnetischen Methoden und
Bodenradar vermessen.
Überraschende Leere
Bei dem Cursus handelt es sich um eine etwa 100 Meter breite und drei
Kilometer lange Anlage, die mit einem Graben und einem Wall abgegrenzt war.
Datiert wird ihre Entstehung auf etwa 500 Jahre vor der Errichtung des weltweit
berühmten Monuments. Bei ihren aktuellen Untersuchungen waren die Wissenschafter
von der Leere der Anlage überrascht, so Neubauer, denn außer zwei großen Gruben
konnten keine größeren Strukturen gefunden werden.
Diese Gruben seien so gebaut, dass darin vermutlich große hölzerne Strukturen
- ähnlich den Monolithen - gestanden haben. Ihre besondere Lage deutet aber
darauf hin, dass der Ort bereits vor der Errichtung der Steine mit großer
Bedeutung aufgeladen war und auch in Verbindung mit dem Platz, wo sich heute der
Steinkreis befindet, stand: Zwei gerade Linien zwischen dem sogenannten "Heel
Stone" in Stonehenge und den beiden Gruben markieren genau die Orte von
Sonnenauf- und -untergang am Tag der Sommersonnenwende. Verbindet man den Mittelpunkt zwischen den beiden Gruben mit dem
Zentrum von Stonehenge, zeigt diese Linie genau zum höchsten Sonnenstand an
diesem Tag also exakt nach Süden.
Vorläufer des Steinkreises
Die britischen Wissenschafter vermuten nun, dass am Tag
der Sommersonnenwende Prozessionen entlang des Cursus - vom Sonnenaufgangspunkt
über das Mittag-Zentrum bis zum Sonnenuntergangspunkt - stattgefunden haben
könnten. Der Steinkreis und der Cursus wurden früher "als zwei unterschiedliche
Dinge wahrgenommen", so Neubauer, für den der Cursus "auf jeden Fall ein
Vorläufer des Steinkreises gewesen ist". Es stelle sich nun die Frage, was an
dessen Stelle dort früher war. Auch in der kreisförmigen Anlage hat es Monumente
aus Holz gegeben.
"Das ist ein weiterer Puzzlestein in der Gesamtlösung der Bedeutung von
Stonehenge", so Neubauer, der das Ziel verfolgt, das gesamte Areal rund um das
Monument zu untersuchen, um zu einer "Gesamtinterpretation dieser Landschaft" zu
gelangen. "Wir werden aber nicht nach zwei Jahren die Lösung haben", so der
Archäologe. Die Untersuchungen würden aber das Wissen über Stonehenge
grundsätzlich verändern.
Die Entwicklung von Methoden zur großflächigen Untersuchungen von
archäologisch bedeutsamen Landschaften, ist der Forschungsfokus von Neubauer und
seinen Kollegen. Neben Stonehenge analysiert das Ludwig Boltzmann Institut in
Kooperation mit verschiedenen österreichischen und internationalen Partnern
beispielsweise auch Ausgrabungsstätten aus der Wikingerzeit in Norwegen und
Schweden. In Carnuntum konnte mit diesen Methoden zuletzt die Gladiatorenschule
entdeckt werden. (APA, red)