Rendezvous im Weltall

28. November 2011, 18:13
posten

Zäh: "Solaris" von Stanislaw Lem im Vestibül der Burg

Wien - Eine Weltraumstation ist selten genug Schauplatz am Theater. Stanislaw Lems Roman Solaris für die Bühne zu adaptieren, ist dennoch keine so große Überraschung. Der Sciencefiction-Klassiker (1961) behandelt mit wenig Personal einen großen Menschheitstraum: die Suche nach extraterrestrischem Leben, einem Spiegel für unser eigenes Menschsein.

Bevor am vergangenen Wochenende das Mars-Mobil Curiosity von Cape Canaveral zu einer neuen Mission ins All gestartet ist, landete am Freitagabend Lems Astronaut Kelvin in einer Inszenierung Alexander Wiegolds auf der Solaris im Vestibül des Burgtheaters. Hier macht er im weißen Overall seltsame Entdeckungen. Über die Längsfassade des Raumes ziehen beunruhigende Computerprojektionen (z. B. "Life Function Critical"), und siehe da, einer der insgesamt nur drei hier stationierten Kollegen hat sich auch schon umgebracht. Die zwei Verbliebenen, Sartorius und Snaut, gebärden sich eigenartig.

Dafür gibt es einen Grund: Der fast zur Gänze von einem "intelligenten" Ozean bedeckte Planet Solaris, so haben die Forscher bisher festgestellt, bedient sich nächtens des in den Träumen auftauchenden Wissens bzw. der Erinnerung der hier Schlafenden, um diese dann tagsüber damit zu konfrontieren. Im Fall von Kelvin erscheint nach der ersten Nacht seine vor Jahren durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Frau Harey (Christiane von Poelnitz).

Mit groß projizierten Bildern aus dem Mikroskop zeigt Professor Sartorius (Ignaz Kirchner), dass diese scheinbar aus Zellen und Blutkörperchen gebaute weibliche Person in letzter Instanz leider aus "nichts" besteht, also lediglich eine Materialisierung von Kelvins Vorstellungen seiner Frau ist. Im schönen hellgelben Sommerkleid kommt diese langsam hinter mehreren Rauchglasschwingtüren (Bühne: Stefanie Grau) zum Vorschein. Das Nicht-Reale der Person in diffusen Spiegelungen und Verdunkelungen darzustellen, ist gut gelungen. Doch schafft es der Abend nicht, aus seiner extraterrestrischen Starre (betreffend Körperbewegung, Dialoge, Mimik) herauszufinden. Er eröffnet kaum Möglichkeiten, sich für die Anliegen der handelnden Figuren tatsächlich zu interessieren.

Während Sartorius und der Kybernetiker Snaut (Marcus Kiepe) das Ziel verfolgen, die "Gäste", also das ungebetene personifizierte Gewissen, baldmöglichst los zu werden, findet Kelvin nämlich Gefallen an der "Wiedergeburt" seiner Frau. Doch bei diesem zentralen Moment, in dem das Menschsein den Wissenschaftler aushebelt, wurde klar: Die technoide, mechanisierte, ganz auf Weltallstimmung getrimmte Äußerlichkeit der Inszenierung wird ihr selbst zum Verhängnis. Die Figuren werden nicht als Menschen erkennbar, sie sind und bleiben papierene Hypothesen in einem Gedankenexperiment. Das verhinderte jede Empathie, der Abend wurde zunehmend zäh. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 29. November 2011)

Share if you care.