DSK, Freudentänze und ein Blackberry

28. November 2011, 18:08
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Eine obskure Verschwörungstheorie soll Strauss-Kahn entlasten - das Timing passt

Von JFK zu DSK: Der amerikanische Investigativjournalist Edward Jay Epstein hält nicht nur den Mord am ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy für eine Verschwörung, sondern neuerdings auch die Sexaffäre des französischen Ex-Währungsfondsdirektors Dominique Strauss-Kahn im New Yorker Sofitel.

Zwei Wachleute hätten vor der betreffenden Suite kurz nach dem Vorfall einen drei Minuten dauernden und "außergewöhnlichen Freudentanz" aufgeführt, wie eine Videokamera in dem Hotel festgehalten habe. Sodann sei das Zimmermädchen Nafissatou Diallo mehrfach beim Betreten des Nebenzimmers gefilmt worden.

Eine "Freundin" in der Sarkozy-Partei UMP habe den sozialistischen Präsidentschaftsanwärter Strauss-Kahn zudem am Morgen des fraglichen 14. Mai gewarnt, eine seiner SMS an seine Gattin Anne Sinclair sei in der UMP - also bei den politischen Rivalen - gelandet. Der Blackberry, von dem aus die SMS gesendet wurde, sei verschwunden und nach Strauss-Kahns Auschecken aus dem Hotel seltsamerweise gesperrt worden.

Die Geschichte wurden von Medien rund um den Planeten übernommen. Bis zum Sydney Morning Herald wurde spekuliert, dass Strauss-Kahn in eine von Sarkozy-Vertrauten gestellte Falle getappt sei; die Leser der Financial Times Deutschland, die ein minutiöses Protokoll von Strauss-Kahns "Schicksalstag" druckte, befanden in einer Umfrage mehrheitlich auf "Komplott" ; nur ein Viertel hält das Ganze für "Quatsch" . Laut dem Protokoll hatte Strauss-Kahn allerdings nur sechs Minuten Zeit, dassZimmermädchen sexuell zu belästigen.

"Nur weil er (Strauss-Kahn, Anm.) sein Telefon verlegt hat, ist das noch lange kein Komplott" , meinte hingegen Nicolas Sarkozys Innenminister Claude Guéant, der Epsteins Bericht als "reine Fantasie" abtut. Die französische Sofitel-Betreiberin Accor ließ verlauten, Diallo habe das Nebenzimmer zweimal betreten, einmal am Morgen und dann um die Mittagszeit, nachdem der Gast abgereist sei.

Wie zahlreiche Medien am Montag berichteten, "droht" nun Epstein damit, das fragliche Video mit der "Freudenszene" zu veröffentlichen. Worin die Drohung besteht, ist allerdings fraglich: Wie der sonst eher Sarkozy-kritische TV-Sender France-2 berichtet, hat einer der Sicherheitsleute angegeben, man habe in der fraglichen Szene "ein Sportresultat gefeiert" .

Mit Klägerin nicht geredet

In Paris begann man sich am Montag auch zu fragen, worauf sich Epstein bei seinen Behauptungen überhaupt stütze. Laut Le Figaro wurde der US-Journalist von den Anwälten Strauss-Kahns informiert. Dies würde erklären, warum er eventuell im Besitz von Sofitel-Videoaufnahmen ist. Bei seinen Recherchen traf der Journalist auch den DSK-Biografen und -Anhänger Michel Taubmann, nicht aber die Anwälte des Zimmermädchens und angeblichen Opfers Diallo.

Während auch ehemalige DSK-Anhänger wie der Sozialist Jean-Christophe Cambadélis die Komplotttheorie gestern in Abrede stellten, meldete sich nach langem Schweigen wieder der "Club DSK" zu Wort, um eine öffentliche Untersuchung des angeblichen "Blackberrygate" zu verlangen.

Strauss-Kahn äußerte sich bisher nicht zu Epsteins Bericht. Im September hatte er in einem TV-Auftritt spekuliert: "Eine Falle? Das ist möglich. Ein Komplott? Wir werden sehen." Die Verschwörungstheorie ist auf jeden Fall ein Argument gegen Diallos anhängige Zivilklage gegen den ehemaligen Währungsfondschef.

Dies dürfte nicht das einzige Motiv gewesen sein, die Komplotttheorie zu fördern. Epsteins Theorien lenken von "Folgeaffären" ab: In Paris hat ein Staatsanwalt "sexuelle Aggression" gegen die Journalistin Tristane Banon durch Strauss-Kahn befunden, in Lille ist er in eine Affäre um einen Callgirl-Ring verwickelt. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2011)

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    Einst Konkurrenten um das Amt des französischenPräsidenten: Dominique Strauss-Kahn und Nicolas Sarkozy im Februar 2011.

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