"Vorsätzliche Nato-Attacke"

28. November 2011, 18:01
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Islamabad erwägt Boykott von Afghanistan-Konferenz

Islamabad / Neu-Delhi - Nach der Attacke der Nato-Truppe Isaf auf zwei pakistanische Grenzposten verschärft sich die Krise zwischen Islamabad und Washington. Pakistans Militär erhob am Montag schwere Vorwürfe. "Ich kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass dies eine vorsätzliche Attacke der Isaf war" , sagte der Sprecher, Generalmajor Athar Abbas.

Die Nato sei über den Standort der Armeeposten informiert gewesen. Bei dem Angriff könne es sich kaum um ein Versehen gehandelt haben, meinte er. Die Operation habe zudem mehr als zwei Stunden gedauert, und die Nato habe das Feuer auch nicht eingestellt, als lokale Kommandeure sie dazu aufgefordert hätten.

Bericht über Erstangriff

Nato-Helikopter hatten Samstagnacht im pakistanischen Grenzgebiet Mohmand zwei Kontrollposten beschossen und 24 pakistanische Soldaten getötet. Es war der blutigste Grenzvorfall seit Beginn des Isaf-Einsatzes vor zehn Jahren. Die Nato will untersuchen, wie es zu dem Blutbad kommen konnte. Abbas wies einen Bericht des Wall Street Journals zurück, wonach die Pakistaner zuerst gefeuert hätten. "Dies ist nicht wahr. Sie suchen nur Ausreden." Das Blatt berief sich auf drei anonyme afghanische und einen westlichen Vertreter.

Aus Protest hatte Pakistan bereits am Samstag die Nachschubrouten der Nato nach Afghanistan geschlossen und über 300 Lastwagen gestoppt. Die Nato transportiert bisher knapp 50 Prozent ihrer Versorgung durch Pakistan, will aber nun verstärkt auf Alternativrouten ausweichen. Die Attacke hat in Pakistan große Wut geschürt. Demonstranten verbrannten US-Flaggen und riefen "Nieder mit Amerika" .

Islamabad erwägt auch, die Afghanistan-Konferenz kommende Woche in Bonn zu boykottieren. Afghanistan drängte das Nachbarland, seine Teilnahme nicht abzusagen. Das Treffen sei entscheidend für Afghanistans Zukunft und Pakistan spiele eine Schlüsselrolle, weil es großen Einfluss auf einige Taliban-Gruppen habe, erklärte die Regierung in Kabul.

Demonstrativ stellte sich China, das sich gerne als neue Macht positionieren würde, aufseiten Pakistans und zeigte sich "zutiefst schockiert" über den Nato-Angriff. Pakistan hat angekündigt, seine Zusammenarbeit mit dem Westen zu überprüfen. Das fast bankrotte Land ist allerdings auf die Milliardenhilfen der USA angewiesen. Die meisten Beobachter glauben daher nicht, dass es zu einem offenen Bruch mit den USA kommt. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2011)

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    Pakistans Militärsprecher Athar Abbas.

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