Trockentraining für Um­gang mit sparsamen Gästen

28. November 2011, 17:40
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Trotz fehlenden Schnees könnten heuer ähnlich viele Gäste kommen wie im vorigen Winter. Aus Angst vor der Krise werden sie aber weniger ausgeben

Trotz fehlenden Schnees könnten heuer ähnlich viele Gäste ins Land kommen wie im vorigen Winter. Aus Angst vor der Krise werden sie aber weniger ausgeben, sagen Touristiker. Noch unklar ist, wie damit umgegangen werden soll.

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Wien - In Hochstimmung ist derzeit nur das Wetter. Eine ausgeprägte Schönwetterlage und fast fünf Wochen ohne nennenswerte Niederschläge lassen den Alpenbogen in schmutzigem Braun statt in strahlendem Weiß erscheinen. Obwohl zahlreiche Ski-Openings wegen des fehlenden Schnees bereits verschoben werden mussten, quälen die Touristiker derzeit noch ganz andere Nöte.

"Wirtschaftskrise, Sparpakete, Schuldenbremse, Euro-Sorgen: Das geht am Tourismus nicht spurlos vorbei. Überall wird gespart", sagte der Tourismusexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts, Egon Smeral, dem Standard. "Im Urlaub wird das nicht anders sein".

"Es wird nicht am Urlaub gespart, es wird im Urlaub gespart", teilt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner die Einschätzung von Smeral. Allerdings habe sich der Tourismus schon einmal als krisenresistent erwiesen, nämlich während der Rezession 2009, nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers. Da sei es sogar gelungen, Marktanteile zu gewinnen, da andere Mitbewerber schlechtere Tourismusergebnisse einfuhren. "Das könnte sich heuer wiederholen", sagte Mitterlehner. Und noch etwas: Auch der Winter 2006 auf 2007 sei ein durchaus schneearmer gewesen, mit ersten größeren Niederschlägen erst Mitte Jänner. "Dennoch wurde am Ende der Saison bei den Ankünften ein neuer Rekord erzielt und bei den Nächtigungen das zweitbeste Ergebnis", sagte Mitterlehner.

Die Österreich Werbung (ÖW), die zu drei Viertel dem Bund und zu einem Viertel der Wirtschaftskammer gehört, muss jedenfalls nicht fürchten, dass sie wegen der Schuldenbremse kürzertreten muss. "Das Budget ist fixiert", sagte Mitterlehner im Anschluss an eine Pressekonferenz mit der Geschäftsführerin der ÖW, Petra Stolba, dem Standard.

Die Aussicht auf mehr Geld, wie das die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) seit langem für die Marketingaktivitäten der ÖW fordert, dürfte allerdings auch für längere Zeit unerreichbar sein. Derzeit hat die ÖW etwa 50 Mio. Euro pro Jahr zur Verfügung; addiert man die Budgets der neun Landestourismusorganisationen und diverser Tourismusverbände dazu, sind es etwa 150 Mio. Euro. Der Mitteleinsatz soll künftig besser koordiniert und damit effektiver eingesetzt werden, verspricht ÖW-Chefin Stolba. Ziel sei es, die Zahl der Ankünfte bis 2020 um 6,6 Millionen oder 20 Prozent auf rund 40 Millionen zu erhöhen.

Dazu gehöre auch die Bearbeitung neuer Märkte. So soll der Zuwachs an Gästen bis 2020 zur Hälfte aus Mittel- und Osteuropa sowie den Fernmärkten kommen. Dass Ende November noch kein Schnee liege, sei schade, aber nicht saisonentscheidend, sagte Stolba. Der Anteil des Monats November an den Winternächtigungen liege bei nur sechs Prozent.

"Die Vorweihnachtszeit ist der Schnittlauch auf dem Butterbrot", sagte ÖHV-Präsident Sepp Schellhorn. "Auch wenn jetzt Schnee läge, heuer wird kein Jubelwinter, die Wirtschaftskrise wirft zu lange Schatten". Die Herausforderung sei, mit der Sparsamkeit der Gäste am besten umzugehen. Dass gespart werde, habe man bereits im Sommer gesehen. Die Nachfrage nach Ferienwohnungen habe massiv zugenommen.

Trotz der Krisenerprobtheit der Branche sieht Tourismusexperte Smeral einen Unterschied gegenüber dem Rezessionsjahr 2009: "Damals wurde der konjunkturelle Kaufkraftrückgang teils durch Zugriff auf das Sparbuch kompensiert. Das ist jetzt nicht mehr der Fall." Ängstlichkeit und Unsicherheit über die Zukunft führe zu Konsum-Enthaltung - zumindest bei den Dingen, die nicht unbedingt notwendig sind.

Nicht nur bei den Nebenausgaben werde gespart. Smeral: "Wer im vorigen Winter in einem Vier-Sterne-Hotel genächtigt hat, steigt heuer vielleicht in einem Drei-Sterne-Hotel ab. Ich rechne bei gleichbleibender Nächtigungszahl mit einem Rückgang der realen Umsätze um ein bis zwei Prozent." (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2011)

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    Wie hier in Flachau sieht es in den meisten Skigebieten Österreichs aus. Selbst für die Herstellung von Maschinenschnee waren die Außentemperaturen in den letzten Wochen meist zu hoch.

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