"In der Unesco sind alle willkommen"

28. November 2011, 17:29
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Die UN-Bildungsorganisation steht zum Beitritt Palästinas – USA und Europa könnten Einfluss verlieren

"Kultivieren wir den Frieden!", steht auf Französisch in großen Lettern über den vier Liften, die im Pariser Unesco-Hauptquartier in die Verwaltungsetagen führen. Menschen aller Herkunft und aller Hautfarbe eilen an Alberto Giacomettis "Gehendem Mann" vorbei. Sie achten auch nicht auf die fünf Ausstellungsfiguren in Rot, Orange, Violett, Blau und Gelb, welche die Themen Wissen, Minderheiten, Ozeanografie, Pressefreiheit und Frieden verkörpern.

Ruhe und Frieden dominieren in dem legendären Gebäude in Y-Form unweit des Eiffelturmes aber mitnichten, seitdem die Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur den Palästinensern im Oktober die Vollmitgliedschaft eingeräumt hat. Die USA haben ihren Mitgliederbeitrag - 22 Prozent des Unesco-Budgets - gestrichen, Kanada will nachziehen; Israel zahlt nur noch einige hunderttausend Dollar an ein einziges Holocaust-Projekt und hat als Vergeltungsmaßnahme den Bau von 2000 neuen Wohnungen in den besetzten Gebieten bewilligt.

Explosive Anträge

Palästina, nun im Besitz ei-ner wichtigen UN-Mitgliedschaft, plant seinerseits über ein Dutzend ziemlich explosiver Anträge für die Aufnahme religiöser und historischer Stätten wie Bethlehem oder Hebron ins offizielle Welterbe.

Die Unesco selbst muss "drastische Sparmaßnahmen" ergreifen, wie die bulgarische Generaldirektorin Irina Bukova angekündigt hat. Ein Viertel des Budgets fehlt auf einen Schlag, nachdem die Amerikaner den Geldhahn sogleich zugedreht haben.

Der Rest des Jahres werde hart, schätzt Eric Falt im 6. Stockwerk des Hauptquartiers mit Blick auf den Flaniergarten, der von Geschenkgaben Henri Moores oder Alexander Calders gesäumt ist. Erstmals überhaupt muss die 3000 Mitarbeiter zählende Organisation die vorgeschriebene Rücklage von 30 Millionen Dollar verwenden. Auch so fehlen noch 35 Millionen. "Wir haben sofort sämtliche Konferenzen und Anlässe gestrichen, die nicht absolut unerlässlich sind" , meint Falt, "Reisepläne und Missionen werden resolut zusammengestrichen." Am Palästina-Entscheid wird aber nicht gerüttelt. "Dieser Beschluss liegt hinter uns" , erklärt Falt.

Keine Schuldzuweisung

Der spontane Applaus während der Abstimmung, als Palästina die Zweidrittelmehrheit erreicht hatte, spricht Bände über die Stimmung in der Unesco: Niemandem käme es in den Sinn, die Palästinenser für den Verlust der 65 Millionen Dollar verantwortlich zu machen. "In der Unesco sind alle willkommen" , meint ein fernöstlicher Ausstellungsbesucher in der Eingangshalle. "Punkt, Schluss."

Auch wenn an allen Ecken und Enden gespart wird, hat die Unesco bisher kein einziges Fachprojekt gestrichen. Die Organisation tut alles, um eine Zäsur zu vermeiden. Sie speckt auch nicht erst seit Oktober ab. Sichtbar ist das zum Beispiel im Pressebüro, wo früher Löhne von 10.000 Euro im Monat - steuerfrei - gang und gäbe waren, wie Insider erzählen. Schon vor der Palästina-Entscheidung waren nur noch drei - schlechter bezahlte - Angestellte in dem heute viel zu weiten Großraumbüro übriggeblieben.

Um die Löcher zu stopfen, ruft die Unesco auf ihrer Homepage erstmals zu Spenden auf. US-Bürger, aber auch Kleinstaaten wie Timor haben hohe Summen gespendet. "Wir haben viele Freunde" , schmunzelt Eric Falt, der damit rechnet, dass die finanzielle Notlage schon Anfang nächsten Jahres unter Kontrolle sein dürfte. Auch langfristig ohne die USA. Ein amerikanisches Gesetz verbietet Beiträge an Uno-Instanzen, die Palästina die Vollmitgliedschaft gewähren, und das dürfte sich nicht so schnell ändern.

Falt betont aber, die Obama-Administration bleibe der Unesco wohlgesinnt. Auch ein EU-Botschafter meint, von kaltem Krieg sei am Unesco-Sitz "nichts mehr zu spüren" . Damit spielt er auf die achtziger Jahre an, als die USA unter Ronald Reagan vorübergehend aus der Unesco ausgetreten waren. Eine österreichische Diplomatin bezeichnet es als "absurd, dass ausgerechnet eine US-Regierung, die Unesco-Projekte zu Geschlechtergleichheit oder Bildung aktiv förderte, sich heute nicht weiter beteiligen kann." Dass sich die beiden Diplomaten nur anonym äußern, zeigt indes, wie heikel die Frage bleibt.

Die USA, aber auch die Europäer könnten in der Unesco an Einfluss verlieren. "Aufstrebende" Länder wie Indonesien haben bereits zu erkennen gegeben, dass sie bereit sind, die Lücken zu füllen und ihre Finanzbeiträge zu erhöhen. Und wer zahlt, befiehlt. Westliche Anliegen wie Religionsfreiheit oder Klimawandel könnten schnell einmal ins Hintertreffen geraten. Das ist die unvorhergesehene Nebenwirkung des Beitritts der Palästinenser zu dieser UN-Organisation. Die Europäer müssten rasch gegensteuern - was sich bei der aktuellen Sparpolitik im Euroraum alles andere als einfach darstellt. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2011)

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