Badelt

"Die Unis werden der Republik das Messer ansetzen"

Interview | Rosa Winkler-Hermaden, 28. November 2011, 18:08

Entweder müssen die Uni-Budgets "dramatisch" ausgeweitet oder der Zugang geregelt werden, sagt Christoph Badelt

Obwohl die Zahl der Studenten an der Wirtschaftsuniversität Wien fast fünf Mal so hoch ist, wie die vorhandenen Kapazitäten, durfte Christoph Badelt bisher weder Plätze beschränken, noch bekam er mehr Geld für seine Uni. Und das, obwohl Zugangsbeschränkungen in der Leistungsvereinbarung der WU mit dem Ministerium festgeschrieben waren. Die SPÖ hatte diesen aber nicht zugestimmt. Den Umstand nahm der Rektor der WU zum Anlass, auf dem Rechtsweg eine Budgeterhöhung einzuklagen. Ihm wurde nun Recht gegeben. (derStandard.at berichtete) Was das für künftige Leistungsvereinbarungen aller Unis bedeutet und wie SPÖ und ÖVP nun handeln sollen, sagt er derStandard.at.

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derStandard.at: Haben Sie mit dem Urteil der Schlichtungsstelle gerechnet? 

Badelt: Es hat sich abgezeichnet in den letzten Verhandlungen, dass so ein Urteil kommen wird. Ich freue mich sehr darüber. Es sind sehr viele rechtliche Klarstellungen getroffen worden, die die Universitäten in eine viel bessere Situation in der Zukunft versetzen werden. Es ist jetzt klar gestellt, dass das eine verfassungsrechtlich zweifelhafte Vorgangsweise ist, wenn der Staat den Universitäten Aufgaben übergibt, ohne sie entsprechend zu finanzieren. Wir brauchen daher drastisch mehr Geld oder Zugangsregeln.

derStandard.at: Was bedeutet das für künftige Leistungsvereinbarungen?

Badelt: Die WU und auch andere Universitäten werden sich auf diesen Spruch berufen und daher der Republik das Messer ansetzen: Entweder müssen die Budgets dramatisch ausgeweitet oder der Zugang geregelt werden.

derStandard.at: Die WU sollte laut Urteil statt der sechs Millionen Euro eigentlich 64,4 Millionen Euro mehr bekommen. Werden Sie das einklagen?

Badelt: Der Unterschied 64 oder sechs Millionen macht mir gar nichts. Viel wichtiger ist die rechtliche Klarstellung. Ob wir auf den Bescheid noch einmal mit einer Beschwerde beim Verfassungs- oder Verwaltungsgerichtshof reagieren werden, kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen, weil wir das noch von unseren Juristen prüfen lassen. 

derStandard.at: Glauben Sie, dass die Zugangsregeln nun näher sind?

Badelt: Sagen wir so: Persönlich habe ich meine Zweifel, dass die Republik in Zeiten, wo Budgets konsolidiert werden, tatsächlich eine derartige Ausweitung der Budgets finanzieren können. Alleine bei der WU wäre das eine Erweiterung um zwei Drittel. Da müssen Sie noch die Uni Wien, die Uni Graz, die Uni Linz - um ein paar wichtige Beispiele zu nennen - dazu nehmen. Keine Zugangsregeln und kein Geld, das wird es nicht mehr geben. 

derStandard.at: Ab wann könnte es Zugangsregeln geben?

Badelt: Das müssen sie die Politiker fragen, aber die Leistungsvereinbarungsgespräche finden nächsten Herbst statt. Der Entwurf der Leistungsvereinbarung muss bis April erstellt sein. 

derStandard.at: Was werden Sie mit den sechs Millionen Euro machen?

Badelt: Wir müssen abwarten, ob der Bescheid nicht angefochten wird. Wir werden im Stillen überlegen. Aber wir werden das Geld auf jeden Fall für die Verbesserung der Studienbedingungen einsetzen.

derStandard.at: Minister Töchterle hat auch sehr positiv auf das Urteil reagiert. Wie bewerten Sie das?

Badelt: Ich kenne die politischen Auffassungen von Minister Töchterle. Insofern bin ich über seine Reaktion nicht überrascht. 

derStandard.at: Er schiebt den Ball der SPÖ zu und will Gespräche mit den Sozialdemokraten führen, um Zugangsregeln einzuführen. 

Badelt: Ich glaube, es liegt an der Bundesregierung eine konsistente österreichische Hochschulpolitik zu betreiben. Ich würde da nicht einseitig Schuld zuweisen. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 28.11.2011)

Kommentar posten
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Degerl
00
2.12.2011, 17:23
Interessieren sich alle Studienanfänger für Forschung?

Viele Studienrichtungen unserer Universitäten wurden zur ausschließlichen Berufsausbildung degradiert (bis vor 15 Jahren wurden hohe Studierendenzahlen honoriert!). Die Fachhochschulen könnten die Berufsausbildung übernehmen, ohne Forschungsgelder zu verbrauchen und die Unis könnten sich mit weniger Studierenden der Förderung der wissenschaftlichen Kreativität widmen. Diese Rollenteilung wird leider nicht konsequent umgesetzt (z.B.: es beginnen in Ö.jährlich über 1000 Studierende die Fachrichtungen Maschinenbau, aber es gibt nur etwa 60 einschlägige Studienplätze an FHs - ich glaube nicht, dass dieses Verhältnis Interesse und Bedarf für Forschung und Ingenieurtätigkeit widerspiegelt).

Garfield2
52
29.11.2011, 13:19
Ein Rechenbeispiel

Die Dropoutrate (DOR) bei Massenstudien beträgt rd. 50%. Das heisst, dass man damit rechnen kann, dass von 2000 Anfängern 1000 fertig werden - wann auch immer. Zugangsbeschränkungen, wie zB bei Medizin, haben dazu geführt, dass die Leute nicht nur schneller fertig werden, sondern auch, dass die DOR auf rd. 5% gesunken ist. Das heisst, es reicht wenn man statt 2000 nur rd. 1052 zulässt und hat unterm Strich den gleichen Output, ohne dass sich rd. 950 Leute mehrere Semester quälen nur um unterm Strich sowieso aufzuhören und dabei noch andere stören, weil sie deren Plätze blockieren.

Zusätzlich ist es ja nicht so, dass Zugangsbeschränkungen nur ein paar Leute generell zum Studium zulassen. Es können halt nicht alle alles studieren!

yotix
 
12
29.11.2011, 14:34

Das liegt auch an hundeschlechten Gesetzen!

In Österreich kannst 2 Semester erfolgreich Jus oder Medizin studieren und dann draufkommen, dass es doch besser sagen wir BWL wäre.

Dann wechselst das Studium - die Jus-Zeugnisse sind dann wertlos, die Anatomie auch, du giltst für die Statistik als Abbrecher, weil du ja ein Studium inskribiert und nicht verlängert hattest. BWL-Student bist trotzdem eh auch.

Im englischsprachigen Raum ist weitverbreitet, dass *jeder* Studierende im ersten Studienjahr Einführungslehrveranstaltungen aus drei verschiedenen Fakultäten (!) zu absolvieren hat ... und wenn er sich dann für ein anderes Hauptfach entscheidet, kriegt er *alles* angerechnet und verliert keine einzige Semesterwochenstunde.

Resteverwerter
15
29.11.2011, 14:08

a) das sind keine belegten Zahlen

b) selbst wenn es so wäre, stellte sich die Frage, wer diese dropouts sind. wenn wir auf diese Weise pro Jahrgang 2000 gute Absolventen verlieren, kostet uns das langfristig viel mehr als wir dadurcn einsparen

Ich bin nur einer von Vielen, die wegen der Zugangsbeschränkungen in einem anderen Land in Österreich studiert haben und ich habe dem Staat in den letzten 10 Jahren Steuereinnahmen im 8-stelligen Bereich (über mein Unternehmen und privat) und den Mitarbeitern Gehaltszahlungen in der selben Größenordnung beschert. Ohne den freien Uni-Zugang hierzulande hätte ich das woanders oder vielleicht gar nicht geschafft. Es ist um jeden einzelnen Studenten schade, das sollte man wissen.

aculus populus
 
21
29.11.2011, 13:39
tja aber dann

auch studiengebühren in der höhe von 20.000 im jahr...dann sind die unis kostendeckend, es werden nur die notwendigsten adeligen führungskräfte gebildet und alles hat seine ordnung.

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
02
29.11.2011, 13:37

Stimmt zwar.

Man kann aber auch das erste Semester als große 4-Monatige-Zulassungsprüfung verstehen. Ich finds fair, 4 Monate sagen mehr aus, als ein eintägiger Test.

Es kommt drauf an, wie mans definiert. Wenn sie nur 50% aufnehmen, ist ja praktisch die Dropout schon von Anfang an 50%.

smea_gol
04
29.11.2011, 13:23

haha, sie sind in österreich, glauben sie wirklich was sie da sagen?

abgesehen davon sind menschen die das studium abbrechen - warum auch immer - auch menschen, die etwas mehr wissen und erfahrung angehäuft haben. die wirtschaft wird sich bedanken.

aculus populus
 
02
29.11.2011, 12:27
Oberstes Ziel

von Badelt ist es aus der WU eine Elite Uni zu machen die weiter in den Rankings steigt. Dafür braucht er 2 Instrumente, Studenten anziehen (Magnet) und dann aus der Masse die besten auswählen (Sense). Bildungsauftrag sieht anders aus, aber das ist schon längst nicht mehr ein Anliegen der WU. Gell?

obibiber
13
29.11.2011, 13:34

aus der masse die besten auswählen bedeutet allerdings: die, die der wirtschaft am besten zu gesichte stehen. das sind allerdings in der regel alles andre als "die besten".

aculus populus
 
00
29.11.2011, 14:46
auch wieder wahr

dafür gibt's +

FS 4
00
29.11.2011, 14:45

Eine Universität müßte selbstverständlich in ihrem eigenen Interesse nicht die der Wirtschaft am beste zu Gesichte stehenden Studenten auswählen, sondern die für wissenschaftliche Arbeit geeignetsten Studenten. ;)

Got Your Nose!
01
29.11.2011, 19:44

das ist aber nicht von der gesellschaft gewünscht. man meint keine wissenschaft zu brauchen, was gewünscht ist sind unmittelbar in der wirtschaft einsetzbare namensschilder die möglichst wenig können, außer ihren eng definierten aufgabenbereich bis zur frühpension abzuarbeiten.

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
00
29.11.2011, 13:09

Ja, das mag ich auch nicht. Aber in der Sache hier hat er von Engel gelernt, statt seine eigenen Ansichten reinzumengen die Position des Rektors folgerichtig zu vertreten und zu argumentieren:

Wie es gelöst wird, ist ein Politikum und mir egal, entweder mehr Geld oder weniger Studies. Aber egal wie, so kann ich den Betrieb nicht auf Dauer aufrechterhalten in der Qualität die ihr von mir wünscht.

aculus populus
 
00
29.11.2011, 13:36
Ich kenne das Argument

aber das Verhalten von Badelt und der Uni widerspricht leider diese eigene Ideologie denn das Studienangebot wurde in den letzten Jahren maßgeblich "erweitert" und ich habe auch davon gehört dass sogar im Ausland "Werbung" für ein Studium auf der WU gemacht wurde. D.h. der Studentenansturm ist etwas hausgemacht oder besser gesagt von der WU gefördert. Jetzt fehlt nur noch die "Sense".

smea_gol
01
29.11.2011, 13:42

überall wirbt die wu...
das ist richtig.

Ben Chihovsky
23
29.11.2011, 12:09

Ich finde, wenn Töchterle unbedingt Studiengebühren einführen möchte, dann müssten gleichzeitig alle Akademiker, die in Österreich studiert haben und keine Studiengebühren gezahlt haben, diese jetzt nachträglich gestaffelt zahlen. Nennen wir das halt ein Solidaritätsbeitrag der österreichischen Elite.
Ich sehe nicht ein, dass die Politiker, die damals gratis studieren durften jetzt die Jugend zur Kassa bitten wollen. Auch die Pensionisten sind mehrheitlich für Studiengebühren. Dann können Sie doch mal anfangen ihren Beitrag zu leisten.

ein Freund (der echte)
03
29.11.2011, 13:23
Außerdem sollten die,...

...die früher Studiengebühren gezahlt haben, von denen, die jetzt keine zahlen, auch so etwas wie einen Solidarbeitrag erhalten. Ist doch nur fair, oder?

vertifx
22
29.11.2011, 11:57
Bezeichnend...

Dem Hrn. Rektor ist es egal, ober 6 oder 64 M kriegt, Hauptsache, er kann den Zugang beschränken.

Karl Krammer
21
29.11.2011, 11:52
für den Führerschein sind 1000€ kein Problem

selbst 1500€ für A+B, wie es viele machen, wird bezahlt. Und dafür bekommt man 20 Fahrstunden und einen Kurs. Und trotz der Kosten macht heute fast jeder den Führerschein, auch wenn damit später keine spezielle Erwerbstätigkeit verbunden ist. Also wird man wohl auch ein Studium, mit dem ja später Geld verdienen kann, in sagen wir 20 Kurse unterteilen können und dafür je 500€ nehmen dürfen. Privatisieren könnte man die Unis dann gleich auch.

großkotzige
11
29.11.2011, 22:10

Für Sie sind 1000 EUR vielleicht kein Problem, aber 1000 EUR sind auch für viel Berufstätige net grad wenig Geld.

Jehona Jericho
10
29.11.2011, 14:34
führerschein IST NICHT GLEICH hochschulausbildung

FS 4
00
29.11.2011, 14:47

Und schon gar nicht ist er Bildung geschweige denn sagt er aus, daß der Inhaber geistig und körperlich in der Lage wäre ein Fahrzeug zu lenken.

okumonux
11
29.11.2011, 11:32

..."Bildung ist Alles" eingeklopft werden. Dann lieber; "Bildung ist nur für Privilegierte", und du lässt dich zum Systemadministrator bei Humbold AUSbilden.

okumonux
03
29.11.2011, 11:29

Die momentane Atmosphäre auf der WU ist grenzwertig. Die Reduzierung der Prüfungsantritte in Verbindung mit Knock-Out-Prüfungen treibt aus meiner Beobachtung so manchen Kollegen in den Wahnsinn. Stellen Sie sich mal in der Prüfungswoche vor die Uni und lauschen Sie den Gesprächen der Studierenden; Wer den ersten Antritt versemmelt hat (auf Grund der Gestaltung der Prüfungen muss das nicht immer auf mangelnde Vorbereitung zurückzuführen sein) steht vor ernormen Druck beim zweiten Antritt zu bestehen. Hier bleiben Leute auf der Strecke, die können und wollen; von wegen "Orientierungsphase". Wenn man den Zugang zu Bildung beschränken möchte (und DAS wird mittelfristig der Fall sein), darf den Kids auch nicht mehr der Leitspruch...

Rosa Stahl
11
29.11.2011, 12:50

Mit ein bisserl Willen und Hirn (beides sollte ein Student haben) schafft man es spätestens beim zweiten Anlauf. Ich weiß, wovon ich red, hab auch dort studiert und absolut niemals fünfmal antreten müssen. Spätestens beim zweiten Mal hat es geklappt.

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