Orlando Figes

Der Krimkrieg: Letzter Kreuzzug und erster Nato-Krieg

Josef Kirchengast, 28. November 2011, 17:16
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    foto: roger fenton

    "The Valley of the Shadow of Death": In seiner wohl berühmtesten Aufnahme aus dem Krimkrieg zeigte der englische Fotograf Roger Fenton eine mit Kanonenkugeln übersäte Straße. Kampfszenen waren beim damaligen Stand der Fototechnik nicht möglich, Bilder von Verwundeten oder Toten verboten.

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    gemälde von franz krüger

    Zar Nikolaus I.: Selbsternannter Retter der Christenheit (Gemälde von Franz Krüger, 1852).

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    foto: r. fenton

    "Times"-Reporter William Howard Russell: ungeschminkte Berichte (Foto von R. Fenton, 1855).

Der Krimkrieg (1853-56) wirkt bis heute im Verhältnis der Großmächte nach und prägt Russlands geopolitischen Anspruch

Mit seinem neuen Buch legt der britische Historiker Orlando Figes ein weiteres Meisterwerk vor.

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Wien - Der erste Kampfeinsatz der Nato lag fast 150 Jahre in der Zukunft, der letzte "klassische" Kreuzzug mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte zurück. Der Krimkrieg von 1853 bis 1856 hatte von beidem etwas, wenn man Motive und Allianzen der Beteiligten betrachtet; in ihm trafen Mittelalter und Moderne aufeinander, mit geballter ideologischer Wucht aus der Bibel, verstärkt und verbreitet durch mediale Propaganda, und teilweise neuzeitlicher Kriegstechnik, aber fatalen militärischen Fehlern, über die ebenfalls erstmals aktuell und detailliert von Zeitungen berichtet wurde.

Die Bilanz: mehr als eine Million gefallener Soldaten, ungezählte tote Zivilisten - und ein bis heute nachwirkendes tiefes Misstrauen zwischen dem Westen und Russland.

Religiöse Dimension

In weitgehender Verkennung seiner geopolitischen Dimension war der Krimkrieg bisher ein eher vernachlässigtes Kapitel der europäischen Geschichte. Der herausragende britische Historiker und Russland-Kenner Orlando Figes (Tragödie eines Volkes, Die Flüsterer) widmet sich in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen neuen Buch* vor allem den religiösen und weltanschaulichen Aspekten des Krieges.

Im Kern ging es um die "orientalische Frage": wie sich die europäischen Großmächte gegenüber dem Osmanischen Reich, dem "kranken Mann am Bosporus", verhalten sollten, dessen baldiges Hinscheiden von vielen erwartet wurde. Russland sah die Chance gekommen, seine Einflusszone nach Süden auszuweiten - aber nicht in erster Linie als weltliche Großmacht. In der Person von Zar Nikolaus I. erfuhr der Anspruch der russischen Orthodoxie, das wahre Christentum zu vertreten, seine ideale Personifizierung.

Laut Figes begann der Krieg für Nikolaus tatsächlich als Kreuzzug - er gebrauchte das Wort selbst - zur Befreiung der orthodoxen Slawen von der islamischen Herrschaft der Ottomanen. Wunschziel war die Wiedereroberung Konstantinopels, das die Russen Zarstadt nannten. Es sollte wieder zum Ostrom werden, womit sich die historische Mission des "Heiligen Russland" als Retter der Christenheit erfüllen würde. Letztlich habe Nikolaus davon geträumt, Russland als dominante Macht im Heiligen Land zu etablieren. Damit allerdings stellte er sich gegen das katholische Frankreich, das sich, in der Tradition der Kreuzzüge des Mittelalters, seinerseits als legitimen Verwalter und Beschützer der heiligen Stätten in Palästina sah.

Nikolaus versuchte bis zuletzt, die Briten auf seine Seite zu ziehen - durchaus auch unter Ausnützung der britisch-französischen Erbfeindschaft. Das christliche England sollte eigentlich das gleiche Interesse haben, den Einfluss der türkischen Muselmanen zurückzudrängen. Er irrte gewaltig. Ein (bis zuletzt geheim gehaltener) Besuch bei Königin Viktoria in London scheiterte.

Der Zar unterschätzte die Russophobie, die sich in England über Jahrzehnte aufgebaut hatte, laut Figes damals "das ausgeprägteste und hartnäckigste Element der britischen Einstellung zur Außenwelt". Hauptquelle dieser Angst waren die rasche territoriale Expansion des Russischen Reiches im 18. Jahrhundert und der militärische Sieg über Napoleon.

Mitentscheidend für die öffentliche Meinung und letztlich auch für die reale Politik gegenüber Russland in England wie in Frankreich war ein gefälschtes Testament Peter des Großen. Dessen Ziel sei die Beherrschung der Welt durch Russland gewesen, legte die Fälschung nahe.

Unheilige Allianz

So wurde der - von Russland provozierte - Krimkrieg auch für den "Westen" zum Kreuzzug: gegen ein zur globalen Bedrohung hochstilisiertes Zarenreich, das imperiale Ziele hinter religiösen Motiven verstecke. Dabei war die antirussische Allianz eine durchaus unheilige: An der Seite Englands, Frankreichs und, ab 1855, Sardiniens (Vorläufer des späteren Italien) stand - das islamische Osmanische Reich. Vor allem in England, das auch um seine Handelswege fürchtete, hoffte man auf liberale Reformen in der Türkei, wozu es Ansätze gab.

Die Hoffnungen erfüllten sich allerdings nicht - damals. Sie erinnern frappant an die heutige EU-Türkei-Debatte, wie auch an die Rolle, die sich das Nato-Mitglied Türkei im Arabischen Frühling und generell als neue regionale Großmacht zugedacht hat.

Verblüffend ist auch eine andere Parallele. Es war, laut Figes, der erste Krieg der Geschichte, der durch den Druck der Presse und der öffentlichen Meinung herbeigeführt wurde. Ein Großteil der britischen Presse betrieb mit antirussischen Reflexen massive Kriegshetze. Der Morning Advertiser, die Boulevardzeitung jener Zeit, verlangte sogar die Hinrichtung von Viktorias Prinzgemahl Albert wegen angeblicher prorussischer Haltung. Der Appell der Königin an die Herausgeber, die Kriegshetze einzustellen, blieb erfolglos. "Die Herausgeber selbst hatten die Artikel gebilligt und sie in manchen Fällen sogar eigenhändig geschrieben, denn durch solche Texte stiegen die Verkaufszahlen" (Figes). Einem Beobachter der heimischen Medienszene kommt das bekannt vor.

Keine Heldensagen

Eine positivere Rolle spielten Teile der britische Presse nach Kriegsausbruch. Times-Reporter William Howard Russell berichtete direkt von den Schlachtfeldern - allerdings nicht die von den Militärs gewünschten Heldensagen. Seinen Bericht vom Einsatz der Light Brigade bei Balaklava, der zum Desaster mit großen Menschenopfern wurde, verarbeitete der britische Dichter Alfred Lord Tennyson zu einem Gedicht. Das trug zur Ernüchterung bei. So wie das Engagement der britischen Krankenschwester Florence Nightingale zur Verbesserung der Verwundetenversorgung die Rezeption des Krieges in der europäischen Öffentlichkeit veränderte.

Die ersten jemals von einem Krieg aufgenommenen Fotos lieferte der englische Fotograf Roger Fenton. Schlachtszenen waren beim damaligen Stand der Technik nicht möglich, Bilder verwundeter oder toter Soldaten verboten. Aber Fentons Aufnahme einer mit Kanonenkugeln übersäten Straße ist in ihrer stummen Eindringlichkeit eines der bewegendsten Kriegsdokumente. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. November 2011)


* Orlando Figes: "Krimkrieg - Der letzte Kreuzzug", Deutsch von Bernd Rullkötter, 747 Seiten, € 37,10, ISBN 978-3-8270-1028-5, Berlin Verlag 2011.

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Drago+
00
7.12.2011, 21:46
Erster Nato-Krieg,

ach so..? Und wann entsteht das deutsche Kaiserreich, wann setzt die europaweite Isolation Frankreichs wie damals nach 1871 ein, wann fängt wieder die legendäre deutsch-französische Erzfeindschaft an? Killt euch, Deutsche und Franzosen, das ist eurer Schicksal, eure Bestimmung! Ich mein ja nur.. wenn schon solche Parallelen gezogen werden...

F S 3
17
30.11.2011, 12:00
Gefälsche Testamente damals und Brutkästen, sowie Viagrageschichten heute lassen eine ganz anders geartete Parallele auferstehen, die eigentlich VOR all diesem "Religions"-Brimborium…

…für die kleinen Kinder für die europäische Politik seit 100en von Jahren maßgeblich war:

Die Angst des (tatsächlichen) Weltbeherrschers England vor unliebsamer Konkurrenz und der Annäherung Russlands (=eingebildeter, bzw.gespinter Weltbeherrscher) an Deutschland:

http://derstandard.at/plink/297... 26/7248425



So gesehen hat sich heute nichts verändert, weil wir aus der Geschichte nicht lernten, da sie kaum jemand wirklich kennenlernen durfte. Russland stellt gerade wieder mal Raketen an den Grenzen zur EU auf, und GB hatte es nie darauf angelegt der EURO-Zone anzugehören.

Mission accomplished? - Fast jedenfalls, mit dem einzigen Unterschied, daß heute mehr Menschen denn je wissen, daß Politik immer dem GELD folgt.

diamant
00
1.12.2011, 13:53
Bizarres 'Detail' ihrer Ausfuehrungen ist, dass zu Zeiten des Krimkrieges 'Deutschland' im modernen Sinne gar nicht bestand.....

diamant
10
1.12.2011, 11:32

'Die Angst des (tatsächlichen) Weltbeherrschers England vor unliebsamer Konkurrenz und der Annäherung Russlands (=eingebildeter, bzw.gespinter Weltbeherrscher) an Deutschland'

Ihre Probleme moecht ich nicht haben....

Drago+
00
7.12.2011, 21:50

So Unrecht hat er nicht. In Großbritannien geht seit dem 19. Jh. das Schreckgespenst eines kontinentaleuropäischen Imperiums umher.

Intelligenzplebejer
16
29.11.2011, 18:26
Die mitteleuropäische Tragödie

Die Heilige Allianz zwischen den drei konservativen Monarchien Russland, Österreich und Preußen hätte niemals zerbrechen dürfen. Das deutsche Mitteleuropa war geschützt, Russland konnte eine aggressive, anti-englische Politik in Asien betreiben, die ein Bündnis der beiden Flügelmächte verunmöglichte. Die beiden Westmächte mussten konsterniert einsehen, dass der konservative Block in Europa nahezu unangreifbar war und sich nicht die Bohne für die Herren in den Salons von Paris, London oder Brüssel interessierte. Der unglaubliche Fehler Wiens, während des Krimkriegs nicht eine strikte, russlandfreundliche Neutralität zu halten, zerstörte die Allianz mit einem Schlag und legte den Grundstein für das Bündnissystem, das zum 1. Weltkrieg führte.

woifee 0.0
21
29.11.2011, 18:52

Ja, das typische hät i, dad i, war i. Zum kotzen. Die Geschichte ist gelaufen, find dich damit ab.

BK W. Shoyssel
00
29.11.2011, 16:19
1878 - Friede von San Stefano (Yesilköy)

Der Russisch-Türkische Krieg von 1877-78 war aber noch die viel interessantere Episode.

Bernhard Wolfgang
00
29.11.2011, 15:59
Parikmaher

..und wieder ein Feldzug. Diesmal der Gegenschlag: http://www.youtube.com/watch?v=G1wmrNE_SKk

1,3,7-Trimethylxanthin
03
29.11.2011, 11:45
Zu 100% empfehlenswert ist jedenfalls...

..."Die Tragödie eines Volkes" ebenfalls von Orlando Figes.
Das beste, was es über die Russische Geschichte zu lesen gibt.
http://www.amazon.de/Die-Trag%... 462&sr=8-3

Kirtag
00
5.12.2011, 13:52

danke für den tipp - auch ein grund, warum ich die postings hier so gerne lese

thys
01
29.11.2011, 11:42
und was hat sich geändert?

"Die Herausgeber selbst hatten die Artikel gebilligt und sie in manchen Fällen sogar eigenhändig geschrieben, denn durch solche Texte stiegen die Verkaufszahlen"

traurig ist nur: Kr0n3 & co. bedienen lediglich das Bedürfnis der Allgemeinheit nach einer Schwarz-Weißen Welt mit eindeutig identifizierbaren Feindbildern und ohne der Notwendigkeit eigenständigen Denkens

anders and
 
11
29.11.2011, 11:03
auch der österreichische Aspekt ist interessant:

anders and
 
24
29.11.2011, 11:25

obwohl die Österreicher ohne die Russen ganz Ungarn verloren hatten brachen sie 1853 ihre Beistandsverpflichtung und kassierten Teile des heutigen Rumänien

Erika Rothen
011
29.11.2011, 13:14
Die Habsburger-Monarchie zeigte sich in ihrer ganzen verlogenen und kurzsichtigen Hinterfotzigkeit:

Sie konzentrierte, gegen jegliche Dankbarkeit für die russische Hilfe 1848, 300.000 Mann an der russischen Grenze, band dadurch starke russische Kräfte und ermöglichte so den Sieg der Franzosen und Engländer.

Dies allerdings ohne sich der Dankbarkeit der unterstützten Westmächte zu versichern, geschweige denn ein Bündnis oder wenigstens gute Beziehungen anzustreben.

Folgen: verachtungsvolles Misstrauen des Zarenreiches, Desinteresse seitens der Westmächte, nachhaltige Zerrüttung der Staatsfinanzen wegen der immensen Kosten des Aufmarsches. Und letztendlich europäische Isolation, als es 1866 zum Showdown gegen Preußen und Italien kam.

Ein "Meisterstück", frappant an die tollpatschige Hilflosigkeit der heutigen Regierung errinernd!

Wunderbare Welt
 
04
29.11.2011, 13:50
absolut richtig......

die unfähigkeit der politischen führung zeigte sich in österreich gerade am fall krimkrieg. man hat was bündnisse betrifft damals alles verloren und verspielt.

yotix
 
12
29.11.2011, 13:36

Franz Joseph war halt schon ein Volltr**el, bevor er senil wurde und aus eigener Schuld seinen Thronfolger verlor, und dann den WK1 auslöste :-(

Erika Rothen
02
29.11.2011, 16:11
Fast richtig.

Also Zustimmung darin, dass FJ1 wahrscheinlich der inferiorste Habsburgerherrscher überhaupt war.

Den WK-I hat er jedoch nicht ausgelöst; es ist ihm vielmehr nicht gelungen, ihn zu verhindern, weil - siehe oben. ;)

Bumbu
 
01
30.11.2011, 08:18
der inferiorste Habsburgerherrscher

Wie war das mit Gütinand dem Fertigen?

Erika Rothen
00
5.12.2011, 00:12
Schwer zu sagen; das ist natürlich ein bisschen eine Frage des

"was wäre gewesen, wenn..."

Ferdinand war möglicherweise nicht ganz so unfähig, wie die zeitgenössische Sicht ihn darstellte. Er war vielleicht ein bisschen vergleichbar mit Faymann: persönlich ganz nett, und vollkommen untätig, wodurch er nichts voranbrachte, aber wenigstens auch keinen außergewöhnlichen Schaden anrichtete. Jetzt einmal seeeehr vereinfacht ausgedrückt ;)

Igor Gassner
03
29.11.2011, 12:15
Welche Teile Rumäniens haben wir 1853 kassiert ?

Österreich machte mobil und garantierte die Flankensicherung für die Westmächte sonst wäre aus dem Krimkrieg eine Schlacht vor Istanbul geworden und das mit sehr ungewissen Ausgang für die Westmächte.

anders and
 
11
29.11.2011, 20:10

die Österreicher sind 1854 als "neutrale Vermittler" in den Donaufürstentümern eingerückt (gleiches Schema wie später in Bosnien), konnten sich dort aber nicht halten. Da bei der Aktion nix herauskam ist sie auch nur selten in geschichtlichen Darstellungen zu finden.

Wozu ein "Flankenschutz" gegen einen Verbündeten gut sein soll verstehe ich allerdings wirklich nicht. Österreich war doch nicht Teil oder Partner der Westmächte, eher im Gegenteil!

Adolf Ogi
01
29.11.2011, 23:00
stimmt

das war aber eine komplizierte Sache. Die Rumänen waren damals, nach der ungarischen 1848er-Revolution, tendenziell österreichfreundlich und der Fürst der Wallachei Barbu Stirbei hat sich ins Exil nach Wien geflüchtet und ist dann durch österreichische und osmanische Truppen wieder auf den Thron gehievt worden. Die Donaufürstentümer waren damals der Schlüssel zu Konstantinopel, wie sich dann im russisch-osmanischen Krieg 1877-78 zeigen sollte. Statt Österreich war aber dann plötzlich Russland der Befreier vom osmanischen Joch und die Rumänen sind langsam ins anti-österreichische Lager gedriftet, was später für die Siebenbürgenfrage gravierende Folgen haben sollte.

Krokodilgott Offler
02
29.11.2011, 10:36

Forward, the Light Brigade!"
Was there a man dismay'd?
Not tho' the soldier knew
Some one had blunder'd.
Theirs not to make reply,
Theirs not to reason why,
Theirs but to do and die.
Into the valley of Death
Rode the six hundred.

Krokodilgott Offler
02
29.11.2011, 09:32

________________________________________
Half a league, half a league,
Half a league onward,
All in the valley of Death
Rode the six hundred.
"Forward the Light Brigade!
Charge for the guns!" he said.
Into the valley of Death
Rode the six hundred.

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