Der Krimkrieg (1853-56) wirkt bis heute im Verhältnis der Großmächte nach und prägt Russlands geopolitischen Anspruch
Mit seinem neuen Buch legt der britische Historiker Orlando Figes ein weiteres Meisterwerk vor.
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Wien - Der erste Kampfeinsatz der Nato lag fast 150 Jahre in der Zukunft, der
letzte "klassische" Kreuzzug mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte zurück. Der
Krimkrieg von 1853 bis 1856 hatte von beidem etwas, wenn man Motive und
Allianzen der Beteiligten betrachtet; in ihm trafen Mittelalter und Moderne
aufeinander, mit geballter ideologischer Wucht aus der Bibel, verstärkt und
verbreitet durch mediale Propaganda, und teilweise neuzeitlicher Kriegstechnik,
aber fatalen militärischen Fehlern, über die ebenfalls erstmals aktuell und
detailliert von Zeitungen berichtet wurde.
Die Bilanz: mehr als eine Million gefallener Soldaten, ungezählte tote
Zivilisten - und ein bis heute nachwirkendes tiefes Misstrauen zwischen dem
Westen und Russland.
Religiöse Dimension
In weitgehender Verkennung seiner geopolitischen Dimension war der Krimkrieg
bisher ein eher vernachlässigtes Kapitel der europäischen Geschichte. Der
herausragende britische Historiker und Russland-Kenner Orlando Figes
(Tragödie eines Volkes, Die Flüsterer) widmet sich in seinem jüngst auf
Deutsch erschienenen neuen Buch* vor allem den religiösen und weltanschaulichen
Aspekten des Krieges.
Im Kern ging es um die "orientalische Frage": wie sich die europäischen
Großmächte gegenüber dem Osmanischen Reich, dem "kranken Mann am Bosporus",
verhalten sollten, dessen baldiges Hinscheiden von vielen erwartet wurde.
Russland sah die Chance gekommen, seine Einflusszone nach Süden auszuweiten -
aber nicht in erster Linie als weltliche Großmacht. In der Person von Zar
Nikolaus I. erfuhr der Anspruch der russischen Orthodoxie, das wahre Christentum
zu vertreten, seine ideale Personifizierung.
Laut Figes begann der Krieg für Nikolaus tatsächlich als Kreuzzug - er
gebrauchte das Wort selbst - zur Befreiung der orthodoxen Slawen von der
islamischen Herrschaft der Ottomanen. Wunschziel war die Wiedereroberung
Konstantinopels, das die Russen Zarstadt nannten. Es sollte wieder zum Ostrom
werden, womit sich die historische Mission des "Heiligen Russland" als Retter
der Christenheit erfüllen würde. Letztlich habe Nikolaus davon geträumt,
Russland als dominante Macht im Heiligen Land zu etablieren. Damit allerdings
stellte er sich gegen das katholische Frankreich, das sich, in der Tradition der
Kreuzzüge des Mittelalters, seinerseits als legitimen Verwalter und Beschützer
der heiligen Stätten in Palästina sah.
Nikolaus versuchte bis zuletzt, die Briten auf seine Seite zu ziehen -
durchaus auch unter Ausnützung der britisch-französischen Erbfeindschaft. Das
christliche England sollte eigentlich das gleiche Interesse haben, den Einfluss
der türkischen Muselmanen zurückzudrängen. Er irrte gewaltig. Ein (bis zuletzt
geheim gehaltener) Besuch bei Königin Viktoria in London scheiterte.
Der Zar unterschätzte die Russophobie, die sich in England über Jahrzehnte
aufgebaut hatte, laut Figes damals "das ausgeprägteste und hartnäckigste Element
der britischen Einstellung zur Außenwelt". Hauptquelle dieser Angst waren die
rasche territoriale Expansion des Russischen Reiches im 18. Jahrhundert und der
militärische Sieg über Napoleon.
Mitentscheidend für die öffentliche Meinung und letztlich auch für die reale
Politik gegenüber Russland in England wie in Frankreich war ein gefälschtes
Testament Peter des Großen. Dessen Ziel sei die Beherrschung der Welt durch
Russland gewesen, legte die Fälschung nahe.
Unheilige Allianz
So wurde der - von Russland provozierte - Krimkrieg auch für den "Westen" zum
Kreuzzug: gegen ein zur globalen Bedrohung hochstilisiertes Zarenreich, das
imperiale Ziele hinter religiösen Motiven verstecke. Dabei war die antirussische
Allianz eine durchaus unheilige: An der Seite Englands, Frankreichs und, ab
1855, Sardiniens (Vorläufer des späteren Italien) stand - das islamische
Osmanische Reich. Vor allem in England, das auch um seine Handelswege fürchtete,
hoffte man auf liberale Reformen in der Türkei, wozu es Ansätze gab.
Die Hoffnungen erfüllten sich allerdings nicht - damals. Sie erinnern
frappant an die heutige EU-Türkei-Debatte, wie auch an die Rolle, die sich das
Nato-Mitglied Türkei im Arabischen Frühling und generell als neue regionale
Großmacht zugedacht hat.
Verblüffend ist auch eine andere Parallele. Es war, laut Figes, der erste
Krieg der Geschichte, der durch den Druck der Presse und der öffentlichen
Meinung herbeigeführt wurde. Ein Großteil der britischen Presse betrieb mit
antirussischen Reflexen massive Kriegshetze. Der Morning Advertiser, die
Boulevardzeitung jener Zeit, verlangte sogar die Hinrichtung von Viktorias
Prinzgemahl Albert wegen angeblicher prorussischer Haltung. Der Appell der
Königin an die Herausgeber, die Kriegshetze einzustellen, blieb erfolglos. "Die
Herausgeber selbst hatten die Artikel gebilligt und sie in manchen Fällen sogar
eigenhändig geschrieben, denn durch solche Texte stiegen die Verkaufszahlen"
(Figes). Einem Beobachter der heimischen Medienszene kommt das bekannt vor.
Keine Heldensagen
Eine positivere Rolle spielten Teile der britische Presse nach
Kriegsausbruch. Times-Reporter William Howard Russell berichtete direkt
von den Schlachtfeldern - allerdings nicht die von den Militärs gewünschten
Heldensagen. Seinen Bericht vom Einsatz der Light Brigade bei Balaklava, der zum
Desaster mit großen Menschenopfern wurde, verarbeitete der britische Dichter
Alfred Lord Tennyson zu einem Gedicht. Das trug zur Ernüchterung bei. So wie das
Engagement der britischen Krankenschwester Florence Nightingale zur Verbesserung
der Verwundetenversorgung die Rezeption des Krieges in der europäischen
Öffentlichkeit veränderte.
Die ersten jemals von einem Krieg aufgenommenen Fotos lieferte der englische
Fotograf Roger Fenton. Schlachtszenen waren beim damaligen Stand der Technik
nicht möglich, Bilder verwundeter oder toter Soldaten verboten. Aber Fentons
Aufnahme einer mit Kanonenkugeln übersäten Straße ist in ihrer stummen
Eindringlichkeit eines der bewegendsten Kriegsdokumente. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. November 2011)
* Orlando Figes: "Krimkrieg - Der letzte Kreuzzug", Deutsch von Bernd
Rullkötter, 747 Seiten, € 37,10, ISBN 978-3-8270-1028-5, Berlin Verlag 2011.
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