Vom Unmöglichen und der Kraft der Imagination

28. November 2011, 18:31
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Christian Mayer (35) erhielt in Salzburg den Kardinal-König-Preis - Kamen Stoyanov (34) wird am Mittwoch in Wien mit dem Otto-Mauer-Preis ausgezeichnet

Wien - Nach Kamen Stoyanovs Kochshow Cultural Moussaka kann man nicht unbedingt Moussaka kochen. Aber wie heißt es so schön: Nichts ist unmöglich - zumindest der Theorie nach. Und so interessiert sich Stoyanov für die Praxis des Verunmöglichens, für die Ursachen eines Phänomens mit System. In seinen Videos, Performances und Installationen bemüht sich der 34-jährige Künstler, der am Mittwoch mit dem Otto-Mauer-Preis der Erzdiözese Wien (mit 11.000 Euro dotiert) ausgezeichnet wird, darum, Umstände und Hintergründe des Verunmöglichens sichtbar zu machen: Daraus entstehen oftmals absurde Narrative, wie im Fall der Cultural Moussaka. Die Zutaten sind aber alle real: Als er im Vorjahr zur Aichi Triennale im japanischen Nagoya geladen wurde, bot ihm die bulgarische Vertretung in Tokio an, ihm zur Unterstützung eine Köchin zu schicken. Nicht etwa Geld, sondern eine Köchin.

"Auf Weltausstellungen repräsentiert sich Bulgarien immer mit Esskultur, Naturprodukten und Folklore - mehr Ideen haben sie nicht", erklärt sich Stoyanov diese Kuriosität, aus welcher der in Wien und Sofia lebende Künstler auch eine Arbeit entwickeln wollte. Das Potential des großzügigen Angebots erwies sich vor Ort als flüchtig: Die botschaftliche Köchin weilte im Urlaub in Sofia.

In Japan assoziiere man zwei Dinge mit Bulgarien: Joghurt (das bekannteste heißt sogar "Bulgarien") und Kootoshu, ein bulgarischer Sumo Ringer mit Star-Status in Japan. Stoyanov kochte also selbst (und zwar Kootoshus Leibspeise), begleitet von Kochhinweisen für den künstlerischen Erfolg und garnierte zum Schluss mit ein paar Löffeln bulgarischen Joghurts der Sorte "Kultura".

Kein Topfen ist, dass Mikrobiologe Stamen Grigorov 1905 das Joghurt Lactobacillus bulgaricus entdeckte und man ihn 2010 in Sofia ein Denkmal errichtete. Dies und neuerliche Kulturbudgetkürzungen in seiner Heimat veranlassten Stoyanov zu seinem Kulturexport: Zu einer Ausstellung in Maribor brachte er einen Kofferraum voller "Kultura" mit. Eine Speise mit Symbolwert: Stoyanov sammelt in den leeren Bechern Spenden für das Kulturministerium; also für jene Institution, die kein Problem damit hatte, dass eine Privatperson den bulgarischen Pavillon der Biennale Venedig 2011 realisierte, also die offizielle Repräsentation übernahm.

Impossible Stories heißt die Preisträgerausstellung. Sie präsentiert einige von Stoyanovs Kultur- und Gesellschaftspolitik sowie das Betriebssystem Kunst thematisierenden Arbeiten: "konzeptuell-reflektiert wie humorvoll und ironisch-leichtfüßig" (Jury).

Obwohl auch Christian Mayer (geb. 1976) in seinen Arbeiten Fragmente der Realität und der Geschichte montiert, ist der Charakter seiner Installationen völlig anders: Die formal durchkomponierten Settings sind reduzierter, wirken dadurch strenger. Mit Versatzstücken wie historischen Tapeten oder kulturellen Artefakten, die mit verschiedensten Vorstellungen von der Welt aufgeladenen sind, steckt er einen Rahmen ab. Ein fixes Narrativ verweigert er; Mayer provoziert und thematisiert lieber das "imaginäre Begehren", etwa den Wunsch, sich die "neue Welt", Länder wie Brasilien, auszumalen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Jeder Betrachter bringe seine eigene Perspektive mit.

Parallele Zeitebenen

Für den vom Kardinal-König-Kunstfonds in Salzburg biennal ausgelobten Preis (10.000 Euro) hat er nicht seine neueste, sondern ganz bewusst eine Arbeit gewählt, die die Geschichte der Kirche, zumindest vom Kontext her streift: In the instant of memory, everything was swirling and dissolving thematisiert er die Auslöschung einer Jesuitenmission in Brasilien samt indigener Bevölkerung durch die Portugiesen und mit Billigung des Papstes. Unter dem Titel The Mission wurde das 1986 Hollywood-Filmstoff.

Mayer nutzt die Polaroids, die am Filmset entstanden sind, als Reflektionsebene für die Gegenwart, für Unrecht und Gewalt, die den kolumbianischen Darstellern im Film inzwischen nicht mehr von Militärs, dafür von kommerziellen Unternehmen drohen. Die Vorstellung von Zeit als etwas linear Voranschreitendes existiere heute nicht mehr, sagt Mayer. Ihm sei es wichtig, dass sich in seinen Arbeiten die Zeitebenen so verschränken, dass nicht mehr klar ist, in welchem Raum und welcher Zeit man sei. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 29. November 2011)

  • "Impossible Stories", Jesuitenfoyer, Bäckerstr. 18, 1010 Wien, Eröffnung 2. 12., 19.00

Der mit 10.000 Euro dotierte Kardinal-König-Kunstpreis für bildende Kunst wird seit 2005 alle zwei Jahre vom Kardinal-König-Kunstfonds in Salzburg vergeben. Der heuer zum vierten Mal ausgelobte Preis zeichnet ein Werk aus, das die Anforderung, "eine für den zeitgenössischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Diskurs wichtige Position" darzustellen, in höchstem Maße erfüllt. Das Ausleseverfahren sieht eine Nominierung durch zehn Kunstexperten vor, eine fünfköpfige Jury wählt daraus den Sieger. Bisherige Preisträger sind Hans Schabus, Nicole Six und Paul Petritsch und Marko Lulic. 

Der Otto Mauer Fonds der Erzdiözese Wien verleiht seit 1981 den Msgr. Otto Mauer-Preis für bildende Kunst für das "gesamte bisherige Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers unter 40 Jahren". Als besondere Aufgabe sieht es die Einrichtung, "den Dialog zwischen Kirche, Kunst und Wissenschaft lebendig zu halten und weiterzuführen". Unter den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern befinden sich Erwin Bohatsch, Erwin Wurm, Gunter Damisch, Franz West, Peter Kogler, Brigitte Kowanz, Martin Walde, Lois Renner, Heimo Zobernig, Otto Zitko, Dorit Margreiter, Simon Wachsmuth, Esther Stocker, Ursula Mayer oder im Vorjahr Katrina  Daschner. Insgesamt rund 90 Vertreter aus dem zeitgenössischen Kunstbereich waren in den vergangenen 31 Jahren in der jährlich wechselnden Jury vertreten. (APA)

  • Kulinarische Erfolgsrezepte: Mit Humor und Ironie nähert sich Kamen 
Stoyanov der traurigen kulturpolitischen Realität an.
    foto: kamen stoyanov

    Kulinarische Erfolgsrezepte: Mit Humor und Ironie nähert sich Kamen Stoyanov der traurigen kulturpolitischen Realität an.

  • Christian Mayer benutzt eher historische Vorstellungen und Versatzstücke, um aktuelle Blicke auf die Welt zu schärfen.
    foto: standard/heribert corn

    Christian Mayer benutzt eher historische Vorstellungen und Versatzstücke, um aktuelle Blicke auf die Welt zu schärfen.

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