"Wollten keinen witzelnden Kommissar"

Interview28. November 2011, 17:16
1 Posting

In der ZDF-Serie "Der Kriminalist" kümmert sich Christian Berkel um Opfer - der Schauspieler über Quotendruck und "Inglourious Basterds"

STANDARD: "Der Kriminalist" klingt ähnlich wie "Der Kommissar", und er ist ja ein bisschen so: Unaufgeregt, korrekt, knochentrocken. Sehen Sie sich in der Tradition?

Berkel: Ich hätte kein Problem damit. In der Herangehensweise ist er intuitiver, emphatischer und hat eine spezielle Methode, sich auf die Opfer zu konzentrieren. Die Erzählformen sind anders, aber ich mochte den Kommissar.

STANDARD: Der TV-Krimi-Tradition folgt "Der Kriminalist" insofern, als er den Ermittler nicht mit Privatem überfrachtet. Den „gebrochenen" Kommissar gibt es nicht?

Berkel: Das wird seit Jahren strapaziert. Uns war klar, dass wir keine privaten Handlungsstränge und keinen witzelnden Kommissar wollten.

STANDARD: Weil die nerven?

Berkel: Es ist ja ok, wenn man Witz in Krimis bringen will, aber irgendwann wurde das in Deutschland übertrieben. Es gab nur noch Witze, und vor lauter Privatengeschichten gab es keinen Krimi.

STANDARD: Die spezielle Methode des „Kriminalisten" ist der Blick auf die Opfer?

Berkel: Für die Opfer interessiert sich keiner - im Film, wie in der Gesellschaft. Dieser Zugang war anfangs für unsere Autoren nicht einfach, denn sie sind gewohnt, Geschichten von der Seite der Täter aufzuziehen. 

STANDARD: Eine klassische Szene im Krimi verunglückt oft: Der Ermittler muss Hinterbliebene informieren. Wie spielt man das?

Berkel: Dieser Moment ist in vielen Fällen relativ unspektakulär. Alles geht so schnell, dass da wahrscheinlich wenig passiert. Ich denke, man überspringt es am besten ganz bewusst.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Quotendruck um?

Berkel: Den gibt's. Ich komme vom Theater, und vor leeren Häusern zu spielen, ist nicht schön. Wenn die Quote allerdings zum Gradmesser für alles wird, ist es ein Problem. Es gibt diese Tendenzen, und da muss man aufpassen.

STANDARD: Was hat sich für Sie nach "Inglorious Basterds" verändert?

Berkel: Die Wahrnehmung. Für meine Arbeit hat sich nicht furchtbar viel verändert. Das hat damit zu tun, dass der Markt in Deutschland nicht so wahnsinnig viele tolle Geschichten hergibt. 

STANDARD: Wie steht es mit Risikobereitschaft hier?

Berkel: Nicht so toll. Ich habe vor zwei Jahren Der letzte Angestellte, einen Horrorfilm gedreht. Wenn man den Film richtig unterstützt hätte, hätte man einen kleinen Erfolg haben können. So ist er untergegangen. Das Eis für gewagtere Projekte ist sehr dünn. 

STANDARD: Was tun?

Berkel: Natürlich muss sich Arthouse-Film um sein Publikum bemühen. Ich mag Tom Tykwer und Oliver Hirschbiegel, wobei die alle ins Ausland abdriften. Aber das hat ja Gründe. Es gibt zu wenige gute Autoren.

STANDARD: Woran liegt das?

Berkel: Ein Grund ist Zeit und Geld. Die Produktionsstruktur ist so aufgebaut, dass Autoren von der Hand in den Mund leben und nicht sehr viel verdienen. Sie können es sich nicht leisten, ein, zwei Jahre an einem Buch zu schreiben. Und es gibt ein historisches Problem. Wir Deutsche sind nicht unbedingt ein Volk der Erzähler. Wir sind stärker im Formalen, Theoretischen und Analytischen. Dass man Realität erzählend verarbeitet, nicht analytisch, kommt aus dem angelsächsischen und romanischen Raum.

STANDARD: Manche beklagen die Einmischung von Redakteuren?

Berkel: Ich habe ein paar dieser Sitzungen miterlebt, wo jeder etwas dazu sagt. Der Autor hört sechs, sieben, jede für sich duchaus schlüssige, aber insgesamt sich zum Teil widersprechende Argumentationen. Ja, was mach' ich denn damit? 

STANDARD: Sie haben zu Hause ein Kino eingerichtet. Was läuft denn grade?

Berkel: Es ist ein Beamer mit großer Leinwand und Tonanlage. Ich war leider die letzte Zeit viel unterwegs, dass wir meistens schubweise schauen. Im Moment haben wir eine Westernphase. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 29.11.2011/Langfassung)

CHRISTIAN BERKEL (54) spielte in US-Kinoproduktionen wie "Inglourious Basterds" und "Flight Plan". In "Der Kriminalist" geht er freitags im ZDF auf Mörderjagd. Die Fälle sind ebenfalls auf zdf.de/ZDFmediathek abrufbar. Berkel lebt in Berlin mit der Schauspielerin Andrea Sawatzki und zwei Söhnen.

  • Ihn interessieren die Opfer: Christian Berkel als Hauptkommissar Bruno Schumann in der ZDF-Krimireihe "Der Kriminalist".
    foto: zdf

    Ihn interessieren die Opfer: Christian Berkel als Hauptkommissar Bruno Schumann in der ZDF-Krimireihe "Der Kriminalist".

Share if you care.