Sexualdelikte: Ein Fünftel der Tatverdächtigen jünger als 21 Jahre

28. November 2011, 16:06
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"Minderwertigkeitskomplexe und furchtbares Mann-Frau-Bild" als Ursachen - Kritik an Jugendwohlfahrt

Bei Sexualstrafdelikten ist fast ein Fünftel der Tatverdächtigen jünger als 21 Jahre. ExpertInnen empfehlen daher, mehr Geld für Tätertherapie auszugeben - Wiederholungstaten könnten dadurch verhindert werden.

Viele erwachsene Missbrauchstäter hätten eine jahrzehntelange Tätergeschichte hinter sich, sagt Peter Wanke vom Verein Limes, der jugendliche Sexualstraftäter betreut. Fange man schon im Jugendalter an, mit diesen Tätern therapeutisch zu arbeiten, dann könnten so viele weitere Taten verhindert werden, so Wanke. "Täterarbeit ist Opferschutz", formuliert es Christine Bodendorfer, Psychotherapeutin beim Verein Limes.

Nur noch Verurteilte im Programm

Österreich gehe jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Vor fünf Jahren kündigte die Jugendwohlfahrt Limes den Vertrag. Davor hatten auch jene jungen Täter, deren Opfer sich nicht zur Polizei trauten, Zugang zu Therapie. "Seither erreichen wir nur noch die Täter, die schon verurteilt sind", sagt Wanke. "Die Jugendwohlfahrt hält sich heraus, sie wartet ab", kritisiert Wanke. Die mögliche Folge: Die Täter suchen sich weitere Opfer. Nur zehn Jugendliche pro Jahr könnten ins Programm aufgenommen werden, für mehr reiche das Geld nicht. Zum Vergleich: Allein im Vorjahr wurden 49 Täter im Alter von bis zu 17 Jahren wegen Sexualstraftaten gerichtlich verurteilt.

Sexuelle Gewalt passiere meistens geplant und nur selten spontan, erklärt Wanke. Nur eine Minderheit der Taten sei als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung im strafrechtlichen Sinne zu fassen, der Großteil geschehe subtiler und ohne Androhung körperlicher Gewalt - "Gewalt ist es aber natürlich trotzdem", sagt Wanke. Die Opfer leiden im Stillen und sprechen aus Scham meist gar nicht oder erst viel später über das Erlebte - und oft ist dann schon zu viel Zeit verstrichen, um den Täter zur Verantwortung ziehen zu können. Umso wichtiger wäre es, präventiv vorzugehen, meint Bodendorfer.

Vom Opfer zum Täter? "Stimmt nicht"

Dass die meisten jungen Täter selbst Missbrauchsopfer wären, stimme so nicht, sagt Ruud Bullens, Professor an der Universität Leiden: Zwischen 70 und 90 Prozent der Täter seien selbst nie Opfer sexueller Übergriffe gewesen, sagt Bullens. Therapeut Wanke hält andere Faktoren für entscheidend: "Junge Missbrauchstäter haben meist ein extrem ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl und ein furchtbares Männer-Frauen-Bild." Dazu komme ein schlechter Umgang mit den eigenen Aggressionen - "sie geben den anderen die Schuld, wenn sie aggressiv werden". Das setze sich im Missbrauchsverhalten fort: "Da heißt es dann schnell, das Mädchen hat mich verführt", erklärt Therapeutin Bodendorfer. In der Tätertherapie werde versucht, diese verzerrten Selbstwahrnehmungen aufzubrechen.

Im Jahr 2010 ermittelte die Polizei 3.169 Tatverdächtige wegen Sexualstrafdelikten. 607 Tatverdächtige waren jünger als 21 Jahre.  (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.11.2011)

  • Durch Therapie könnten jugendliche Missbrauchstäter lernen, nicht mehr rückfällig zu werden - doch das Angebot für nicht verurteilte Täter ist karg
    foto: standard/corn

    Durch Therapie könnten jugendliche Missbrauchstäter lernen, nicht mehr rückfällig zu werden - doch das Angebot für nicht verurteilte Täter ist karg

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