Der große Mediatheken-Vergleich

28. November 2011, 17:00
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Das Urheberrecht setzt der Idee des freien Zugangs öffentlich-rechtlicher TV-Inhalte strikte Grenzen

Auf dem Weg zum Allroundversorger hat inzwischen jeder größere Sender einen digitalen TV-Außenposten eingerichtet, auf dem mindestens 24 Stunden lang Eigenproduktionen nach Ausstrahlung online zur Verfügung gestellt werden. Erst seit wenigen Jahren präsent, gewinnen die sogenannten Mediatheken durch boomende Zugriffszahlen kontinuierlich an strategischer Bedeutung. derStandard.at hat die wichtigsten deutschsprachigen Plattformen einem qualitativen Vergleich unterzogen.

Das beste Beispiel einer vorbildlichen Mediathek findet man derzeit in Deutschland. Der Senderverbund ARD hat mit der ARD Mediathek eine echte Benchmark geschaffen. Auf dem Portal werden die Angebote aller Landesrundfunkstellen sowie die digitalen Spartensender, Radios und zahlreiche Podcasts zum individuellen Abruf im Internet gebündelt. Fünf Rubriken bilden den Ausgangspunkt der Navigation. In der "Übersicht" der Startseite können tagesaktuelle Inhalte wie Nachrichten, Magazinbeiträge und Reportagen gefunden werden, unter "Fernsehen" werden Eigenproduktion empfohlen und alphabetisch sortiert aufbereitet und es gibt eine Vorschau auf die Streams der kommenden Woche. Gut gelöst ist auch das Eintauchen in die Mediathek nach Interessensgebieten: Achtzehn Kategorien wie Lifestyle, Kinder oder Wissen bieten einen guten Überblick über das Angebot.

Vorbildfunktion

Neben den wechselnden Inhalten bilden das Clip-Ranking, die Navigationsleiste für regionale Angebote sowie eine tagesaktuell wertende Stichwortwolke die Fixelemente der aufgeräumt wirkenden Webseite. Auch technisch übernimmt die ARD eine Vorbildfunktion. Der integrierte Player bietet neben den üblichen Funktionen Stopp, Pause, Play, schneller Vor- und Rücklauf, Zeitbalken und Laustärkenregelung auch die individuelle Regulierung von Farbsättigung, Kontrast und Bildhelligkeit. Zusätzlich wird in den Player-Einstellungen automatisch die Bildqualität an die Übertragungsgeschwindigkeit angepasst. Der Vollbildmodus ist bei jedem angebotenen Video möglich. Ein tolles inhaltliches Feature ist, dass viele Videos als Audio-Podcasts zur Verfügung stehen.

Die Mediathek des ZDF, welche die Inhalte von ZDF, ZDF neo, kultur, info und 3Sat bündelt, liegt vom Angebotsumfang mit der ARD Kopf an Kopf. Auf der Startseite werden im schlichten hierarchischen Stil neben ausgewählten Sendungen die aktuellsten und beliebtesten Clips empfohlen. Um tiefer zu dringen, stehen eine alphabetische Suchfunktion, 24 Themenbereichen sowie elf Rubriken von "Serien" über "Politik" bis zu "Sport" zur Auswahl. Das Webdesign der Seite wirkt modern und auch inhaltlich hat sich die Redaktion liebenswürdige Features Marke Eigenbau einfallen lassen. Um dem User etwa eine Brücke über die verpassten TV-Momente zur bereitgestellten Episode zu bauen, versucht der ZDF dem Diktat der sieben Tage mit Hintergrundgeschichten, Bildgeschichten oder kurzen Trailern ein Schnippchen zu schlagen.

ZDF punktet mit Bildqualität

Technisch gehen die Standards allerdings auseinander. In puncto Bildgröße und Auflösung schneidet das ZDF am besten ab, manche Inhalte werden sogar in HD-Qualität bereitgestellt, dafür stellt einem die Navigation mancherorts eine Denksportaufgabe. 2008 wurde die ZDF-Mediathek mit folgender Begründung für den Grimme Online Award nominiert: "Der Zuschauer kann selbst Kriminalfälle lösen, die "Gustloff" erkunden oder ergänzende Videoausschnitte zu Dokumentationen finden. Auch den nächsten Schritt ist das ZDF bereits gegangen: Bei einigen Fernsehsendungen gilt inzwischen 'online first'."

Reichweitenkaiser in Österreich

Die erste hausgemachte ORF-TVthek wurde 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf der Startseite wird eine Übersicht mit Fokus auf Reportagen und das Nachrichtensegment präsentiert und ähnlich dem ZDF ist in den oberen Teil ein Clipranking integriert. Das Archiv lässt sich nach Sendungen und Themenschwerpunkten durchsuchen. Inhaltlich stellt der ORF alle Eigen-, Auftrags- und Co-Produktionen als Video-On-Demand bereit, bei denen die Onlinerechte vorhanden sind. Weit vorne ist der österreichische Öffentlich-Rechtliche in puncto Barrierefreiheit. So werden zu einer beachtlichen Anzahl von Videos Textmanuskripte für Gehörlose angeboten. Bei technischer Navigation, Design und dem Niveau der Bildqualität rangiert der ORF im guten Mittelfeld.

Arte enttäuscht technisch

Arte, das seine Plattform Arte7+ bereits 2007 launchte, gehört zu den europäischen Vorreitern im Nutzen neuer digitaler Kanäle. Die Mediathek wird in einer deutsch- und einer französischsprachigen Version angeboten und lässt alphabetisch, nach Programmen, Themen und Events nach Beiträgen suchen. Als inhaltliche Ergänzung werden zu allen Beiträgen werden kurze Teaser-Clips angeboten und manchmal noch durch redaktionelle Textbeiträge ergänzt. Zudem sind einzelne Formate auch als Podcast abrufbar. Für die Filmrubrik stehen kurze Trailer zur Verfügung, einzelne Filme dürfen auch hier aufgrund des Urheberrechts nicht in voller Länge gezeigt werden. Inhaltlich erfüllt die Seite alle qualitativen Anforderungen, technisch enttäuscht sie jedoch durch niedrige Bildübertragungsraten, sodass Beiträge immer wieder ins Stocken geraten und die Bildqualität dem Gezeigten kaum gerecht wird.

Spielfilme beim Privatsender

Auch die privaten Fernsehsender haben in den vergangenen Jahren Mediatheken gestartet. Das beste Resultat kann die Sat1ProSieben-Gruppe präsentieren. Als einzige Plattform werden neben der Bereitstellung von eigenproduzierten Formaten und Fernsehfilmen auch rund hundert Spielfilme zum Streamen angeboten. Davon profitiert auch der österreichische Sender Puls4, der 2007 in die Media AG integriert wurde. Auf einem eigenen Videoportal stehen neben Eigenproduktion und diversen Kultfilmen auch ein "World of Red Bull"-Channel zur Auswahl. Die Suche nach einem bestimmten Clip erfolgt nach Stichwort oder unter dem Sendungsnamen.

RTL goes "Freemium"

Einen gänzlich anderen Weg ist die RTL Gruppe gegangen. Auf RTL Now, Vox Now, RTL2 Now und SuperRTL Now werden nach dem Internet-Geschäftsmodell "Freemium" Eigenproduktionen, Filme und Serien teils gratis, teils kostenpflichtig angeboten. Die Bezahlpflicht wird auch in der alphabetischen Ordnung der Inhalte konsequent mit der Kennzeichnung "Free" weitergeführt. Für einen Einzelabruf einer Serie sind 0,99 € zu bezahlen, Spielfilm kosten mindestens 1,99 €. Als Extra wird ein Seasonpass pro Serienstaffel um 29,99 € angeboten.

Sozialfall ATV

Der österreichische Sender ATV hat neben der Vermarktung der Eigenproduktionen besonders das soziale Moment in den Fokus gestellt. Ebenso wie Puls4 wird der hauseigenen Videocommunity auf der Website viel Platz eingeräumt. Außerdem gibt es neben jedem Clip eine Reihe von Möglichkeiten, Videos zu favorisieren, zu bewerten und in sozialen Netzwerken mit anderen zu teilen.

Der österreichische Sender Okto startet sein Mediathek-Angebot erst, bisher wurde nur live gestreamt und Austria9 präsentiert ebenso wie Servus TV in angenehmen Website-Design ihre Eigenproduktionen. 

Wachstumsbremse: Urheberrecht

Die Zukunft der Mediatheken liegt sicherlich in ihrer Erreichbarkeit durch internetfähige Fernseher. Im medialen Wandel tun sich jedoch noch weit wichtigere Fragen auf, insbesondere zum Themenkomplex Urheberrecht. Wie kann man zukünftig Urheberrechte regeln, damit aktuelles Material und vielleicht sogar Senderarchive dauerhaft einer breiten Öffentlichkeit weltweit zugänglich gemacht werden können? Die Lösungen dafür können nur auf europäischer Ebene gefunden werden. (Tatjana Rauth/derStandard.at/28.11.2011)

Info

Derzeit betreiben folgende deutschsprachige TV-Stationen eine Online-Mediathek (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): ATV, PULS4, AUSTRIA9, SERVUS TV, ORF, ARD, ARTE, BR, COMEDY CENTRAL, Das Erste, DMAX, KabelEins, KIKA, MDR, MTV, NDR, N24, NTV, PHOENIX, PRO SIEBEN, RTL, RTL II, SAT 1, SF, SR, SWR, TOGGO, VIVA, VOX, WDR, ZDF, 3SAT.

  • ARD-Leitfaden: Die Maus erklärt die Mediathek. >>> Zum Video
    foto: screenshot

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