Polizeigewalt in Demokratien

Pfefferspray - Der neue Wasserwerfer

Bericht | Florian Niederndorfer, 28. November 2011, 16:08
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    foto: foto: julian stratenschulte dpa/lni

    Pfefferspray-Einsatz gegen Atomkraftgegner im deutschen Niedersachsen am Wochenende.

2011 ist das Jahr des Pfeffersprays - Wenn Demokratien gegen Demonstranten vorgehen, greifen sie zu dem Reizgas, das harmlos aussieht, aber töten kann

"Wir leben im Zeitalter des Pfeffersprays, nicht im Zeitalter der Kugeln", bringt der US-Popkulturforscher Robert Thompson in der New York Times ein Phänomen auf den Punkt, das sich in diesem Krisenjahr so geballt beobachten lässt wie bisher noch nie. Pfefferspray gegen deutsche Atomkraftgegner, Pfefferspray gegen #occupy-Demonstranten im New Yorker Zuccotti-Park, Pfefferspray gegen die Blockierer der serbisch-kosovarischen Grenze: wo auch immer demokratische Staaten anno 2011 ihre Macht gegen delinquente Demonstranten einsetzten, mit Wasser gebundenes Reizgas war fester Bestandteil der Szenerie.

So auch vor zwei Wochen, als der US-Polizist John Pike eine Sitzblockade demonstrierender Studenten am Campus der Universität von Kalifornien in Davis mit einem gezielten Strahl aus seiner Pfefferspraypistole auflöste. Weltweite Empörung war die Folge. Kamran Loghman, ein US-Unternehmer, der in den 80er-Jahren gemeinsam mit der US-Bundespolizei FBI den Einsatz von Pfefferspray als Polizeiwaffe in die Wege leitete, sieht sich seit dem Vorfall um sein Lebenswerk betrogen. "Ich habe bis dahin noch keinen so regelwidrigen Einsatz gesehen."

Pfefferspray: was nach harmlosem Gewürz klingt, ist ein hoch konzentrierter chemischer Kampfstoff. Der Wirkstoff Oleoresin Capsicum, kurz OC, ist ein Extrakt des synthetischen Chili-Wirkstoffs Capsaicin, bis zu 5,3 Millionen so genannte Scoville-Grade scharf. Zum Vergleich: einer handelsüblicher Tabascosauce wohnen knapp 3.000 Scoville-Grade inne. Mit Ethanol und Wasser vermischt, reizt OC Augen und Schleimhäute, macht kampfunfähig - oder tötet sogar.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. John Mendelson, Suchtmediziner am renommierten California Pacific Medical Center in San Francisco wies 2009 durch Tierversuche nach, dass OC in Kombination mit Drogenkonsum oder der Einnahme von Psychopharmaka wie Beruhigungsmitteln häufig tödlich wirkt.

Dutzende Tote

Schon 2003 hat das US-Justizministerium, damals vom Republikaner John Ashcroft geführt, eine Studie veröffentlicht, in der 63 Todesfälle nach Pfefferspray-Einsätzen in den USA dokumentiert sind. Die meisten davon, so die Behörde, litten an Asthma oder reagierten aufgrund ihrer Drogensucht so stark auf das Reizgas, dass sie starben. Alleine in Kalifornien sind nach Angaben einer Bürgerrechtsbewegung in den ersten beiden Jahren nach der Aufnahme von Pfefferspray in das Waffenarsenal der US-Cops Mitte der 90er-Jahre 26 Menschen ums Leben gekommen. Auch in diesen Fällen waren es Wechselwirkungen mit anderen Drogen oder Medikamenten.

Exzessiver Einsatz von Pfefferspray ist freilich keineswegs eine Domäne der US-Polizei. Allein 2010 soll die Polizei des deutschen Bundeslandes Niedersachsen, in dem das Atommüllendlager Gorleben liegt, 2.200 Kanister Pfefferspray verbraucht haben. Zu Recht, ist sich die deutsche Polizei sicher. "Pfefferspray verhindert den Einsatz schärferer Mittel", sagt der Polizeigewerkschafter Rüdiger Reedwisch.

Während Pfefferspray für seine Verteidiger ein gelindes Mittel zur Durchsetzung polizeilicher Maßnahmen darstellt, sehen Kritiker darin einen gefährlichen Kampfstoff, der die Hemmschwelle eines Beamten, Gewalt auszuüben, sinken lässt. Ana Yanez-Correa von der Anti-Pfefferspray-NGO Texas Criminal Justice Coalition sagte jüngst dem US-Magazin Wired, dass "Polizisten ihr restliches Training vergessen, wenn sie in einer Gefahrensituation einen Pfefferspray am Gürtel hängen haben."

Eine andere Studie ergab, dass US-Polizisten um ein Drittel öfter Gewalt einsetzen, wenn ihnen das Reizgas als Waffe zur Verfügung steht. 45 Prozent der US-amerikanischen Polizeieinheiten dürfen als Reaktion auf passiven Widerstand, etwa bei Sitzblockaden oder Demonstrationen, zum Pfefferspray greifen. "Das ist eine neue Generation der Unterdrückung", sagt US-Professor Thompson.

Eine Untersuchungskommission der Stadt New York empfahl deren Polizisten schon 2000, keinen Pfefferspray gegen "emotional belastete Personen" zum Einsatz zu bringen. In der Praxis sei diese Unterscheidung freilich nur schwer durchzuführen, sagt Rüdiger Reedwisch. "Wir können nicht jeden fragen, ob er irgendwelche Medikamente nimmt. Wer sich ordnungsgemäß verhält, kriegt kein Pfefferspray ab." (flon/derStandard.at, 28.11.2011)

Kommentar posten
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Magic Mike
00
5.12.2011, 12:54

na nix neues, die deutschen kfor soldaten können das mindestens genauso gut

bild zwei;

http://www.n-tv.de/politik/Z... 82366.html

buji2011
 
01
5.12.2011, 07:38
Polizei und Bundesheer in Nazi-Hand

Ja, so ist das halt, wenn sich die braven Buben zum Zivildienst verabschieden, dann endet Alles halt wieder in einem Nazi-Staat. Die Polizei kann sich ihren Nachwuchs nur vom Rechten Bodensatz holen, wenn sich die Anständigen weigern, sich für so einen Job zu interessieren.
An dieses Problem hat wohl noch kein obergescheiter linker Intellektueller gedacht. Ich gebe zu, ich war damals 1978 auch in der 1. Zivildiensttruppe! Ich habe das Problem damals auch noch nicht erkannt. Aber heute liegt es wohl klar vor unseren Augen. Wir Guten hätten alle zum Bundesheer gehen sollen, dort gute Seilschaften gründen und die Welt übernehmen, so wie das "The Doors" besungen haben. Aber wir haben die Krux des Lebens damals nicht verstanden! Schicksal!

DieBo
11
1.12.2011, 15:02
Dann besorgt man sich eben selbst welches und antwortet damit.

Jürgen Rembremerding
01
1.12.2011, 23:44
Gibt es auch andere Gewürzrichtungen?

Ich stelle mir ein Safran- oder ein Zimtspray nicht uninteressant vor!

zhang sanfeng
00
2.12.2011, 09:30

... und so kam es, dass die braven polizistenkinder unvergessliche advents-erinnerungen an ihre nach pfefferkuchen duftenden väter behielten.
und weil der rechtsstaat gestorben ist sprayen sie noch heute.

carbonara
01
1.12.2011, 14:10
Das heißt nicht "Pfefferspray" sondern:

(E)-N-(4-Hydroxy- 3-methoxybenzyl)- 8-methyl-6-nonensäureamid-trans-8-Methyl-N-vanillyl- 6-nonensäureamid - Spray.

Bitte nicht immer so unkorrekte Bezeichnungen verwenden !

Lisa Wagner1
03
1.12.2011, 11:14
schlicht und einfach feig!

einsatz von pfefferspray direkt ins gesicht... da kann man seinen "gegner" gleich von hinten attackieren...

mir ist klar dass polizisten oft keinen anderen ausweg haben als den einsatz von pfefferspray, aber wenn die leute schon am boden sitzen noch mal nachsprühen ist meines erachtens eine straftat und gehört geandet...

mike54
 
04
30.11.2011, 16:08
Polizisten-Lügen

"Wer sich ordnungsgemäß verhält, kriegt kein Pfefferspray ab."
Polizisten sind verdammte Lügner.

Bitte Bitte
01
7.12.2011, 03:34

"Ordnungsgemäß" ist codiert und heißt daheim bleiben ;-)

yotix
 
01
30.11.2011, 15:58

Das Problem:
Pfefferspray sollte bei Einführung dafür sorgen, dass Polizeibeamte weniger häufig Schusswaffen einsetzen müssen.

Es wird aber offenbar auch von Beamten missbraucht, die schlicht zu faul sind, ihre Stimme oder einen Gummiknüppel zu verwenden.

la Confederación!
02
30.11.2011, 15:47
"Demokratie bedeutet zugleich, dass das Volk durch das Volk für das Volk niedergeknüppelt wird."

Oscar Wilde

Theo56
28
30.11.2011, 11:42
Angesichts der Bilder gewinnt man den Eindruck, dass die betreffende Polizei offensichtlich eine kriminelle Organisation geworden ist

Van Raven
19
30.11.2011, 10:11
hauptsache

wien will 2250 polizisten mehr einstellen!
anstatt endlich unsere ärzte und schwestern zu entlasten..
wie kommen die dazu +70h dienste zu schieben?

ich habs satt, unsere politiker sind echt das allerletzte..

Roter Baron
02
30.11.2011, 12:18

wien kann keine polizisten einstellen
weil das bundeaufgabe ist
also derzeit mikl-leitner (övp)

womit du allerdings recht hast,
dass die zustände im akh untragbar sind.

roter baron

Herr und Frau Österreicher
 
03
30.11.2011, 12:00

Vom Sozial- zum Kontrollstaat! Und das blöde adbei ist, dass eine große mehrheit das "Es is hoit ka Göd do" Gebet zomnieartig nachbetet....

AndiBacher1985
12
29.11.2011, 22:33

Warum setzen Demonstranten keinen Pfefferspray gegen Polizisten ein? Meistens gibts ja eh keine Voll-Visier-Masken.

yotix
 
10
30.11.2011, 15:42

Weil das schwere Körperverletzung wäre. Die Demonstranten sind ja auch nicht mit Schusswaffen oder Schlagstöcken und Schutzkleidung bewaffnet, üblicherweise zumindest.

3ch0
01
30.11.2011, 00:00

Blind um sich schiessende Polizisten? Nein Danke!

btw: Wo liegt eigentlich dieses Demokratien?

Roter Baron
01
30.11.2011, 12:19

wurde noch nicht wieder gefunden
so wie atlantis

dr.no3
26
29.11.2011, 16:32
in einer demokratie würde es gesetze geben

gegen solche verbrechen

Michail Bakunin
010
29.11.2011, 23:09

Die Polizei macht das, wofür sie da ist - die herrschende Ordnung und vor allem die herrschende Eigentumsordnung mit jedem Mittel der Gewalt zu schützen. Wenn die sozialen Auseinandersetzungen härter werden, dann wird sie jederzeit wieder auf streikende ArbeiterInnen schießen, parlamentarische Demokratie hin oder her.

Wozu sie da ist, ist schön zu sehen in den folgenden Videos von Auseinandersetzungen zwischen Spezialeinheiten der Polizei und streikenden Feuerwehrleuten in Frankreich, Griechenland, Spanien, Brasilien...: http://tinyurl.com/d3gwyb4

Harald Bruckner
43
30.11.2011, 10:37
Die Sache ist einfacher

Der Polizeidienst zieht gewaltbereite Menschen an - genauso wie Demos. Kommt dann noch die Eigendynamik einer agressiven Stimmung hinzu, sind soche Szenen kaum zu vermeiden. Dassen müssen sich Politiker bewusst sein und Demos und Polizeieinsatz meiden.

sledgehammer44
00
2.12.2011, 20:26

ich frag polizisten immer wieder was, von denen hat hat noch keiner einen "gewaltbereiten" eindruck gemacht.

Herr und Frau Österreicher
 
21
30.11.2011, 12:01

Demokratie abschaffen?

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