Jäger des verlorenen Staates

Blog28. November 2011, 11:32
14 Postings

Peer Steinbrück zeigt "Die durch die Hölle gehen" - Von Bert Rebhandl

In diesen abstrakten Zeiten haben Politiker es nicht leicht, sich zu positionieren. Pro oder kontra Eurobonds, einen Schutzschirm hebeln oder aushebeln, Transfer- oder Inflationsunion - wer kann bei solchen Alternativen Profil gewinnen? Die Deutsche Filmakademie hat dieses Problem erkannt, und den derzeit gefragtesten deutschen Schattenstaatsmann Peer Steinbrück eingeladen, sich auf eine etwas andere Weise zu positionieren: Mein Film heißt die Reihe, die am Dienstag, den 30. November 2011 in der Astor Filmlounge am Berliner Kurfürstendamm eröffnet wird. Prominente suchen sich einen Film aus, und begründen öffentlich, was sie damit verbinden. Im Falle von Steinbrück kann man gleich einmal eine interessante Wahl vermelden: Er zeigt Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter) von Michael Cimino aus dem Jahr 1978, also einen der großen Vietnam-Filme des amerikanischen Kinos.

Das ist eine so eigenwillige Entscheidung, dass man gut und gern glauben mag, dass sie von Steinbrück selbst kommt und nicht von einem seiner Mitarbeiter. Bei näherer Sichtung des Films tauchen eine ganze Reihe von Motiven auf, die einem Politiker unserer Tage vertraut erscheinen können.

Erstens ist Die durch die Hölle gehen ein Film über das Verschwinden der Arbeit. Die Stahlarbeiter in Pennsylvania haben viel mit dem Kumpels aus Nordrhein-Westfalen gemeinsam, also dem Revier, aus dem Steinbrück politisch stammt. Zugleich sieht man in den ersten Szenen der Hochzeit in einem russisch-orthodoxen Milieu, dass Einwanderung einem Land auf jeden Fall langfristig guttun kann. Und durch die Musikauswahl lassen De Niro, Walken & Kumpels erkennen, dass sie (und damit auch Steinbrück) deutlich volksnäher sind als Anhänger der Hochkultur (notabene: Angela Merkel liebt Wagner).




Zweitens ist Die durch die Hölle gehen ein Film über einen Entscheidungsnotstand. Man liest ja heute gelegentlich, dass die europäischen Politiker nur noch "einen Schuss" haben. Das wird bei Michael Cimino gleich doppelt sichtbar. Einerseits im Motiv der letzten Jagd, zu der die Männer vor ihrer Abreise nach Vietnam aufbrechen, dann aber vor allem in der zentralen Spannungsszene in Vietnam, die sich mit ein bisschen allegorischer Freiheit durchaus als Bild für das ungleiche Kräftespiel nehmen kann, das derzeit auf den globalen Finanzmärkten in Gang ist.



Drittens ist Die durch die Hölle gehen ein Film über Patriotismus, und zwar über den Patriotismus einer "inklusiven" Nation: Die USA haben das, was in Europa gerade zu zerfallen droht, irgendwann einmal geschafft, sie haben einen Staatenbund in einen Bundesstaat verwandelt. Dass sie den jetzt vielfach nicht mehr wollen, ist eine andere Geschichte, und verweist auf den filmhistorischen Ort, den Steinbrück mit Mein Film besetzt: Das Ende von "New Hollywood", ein letztes Monument der patriotischen Linken vor der Reagan-Revolution. Der Kanzlerkandiaturkandidat der SPD dreht für einen Abend das Rad der Zeit zurück, damit es Schwung aufnehmen kann für 2013.



CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Robert De Niro in Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter).
    foto: universal pictures

    Robert De Niro in Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter).

Share if you care.