Und morgen endlich wieder Schule

Reportage30. November 2011, 09:00
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In Malta gestrandet, wollen sie meist wieder weg: Asylsuchende aus Afrika - Ihre Kinder besuchen derweil die Schule

Paula weiß, dass es Kinder gibt, die nach der Schule mit dem Auto abgeholt werden. Die Sechsjährige weiß auch, dass diese Kinder mit dem Auto zu einem richtigen Wohnhaus fahren, mit einer richtigen Heizung, wo die Eltern ein eigenes Schlafzimmer haben und die Kinder hin und wieder ein Stück Schokolade. Wo der Vater ein Gesicht hat und einen Körper zum Umarmen, und nicht nur eine Stimme am Telefon, die nur selten glücklich klingt. Paula weiß das alles von ihren Klassenkolleginnen, denn das sind solche Kinder. Jeden Tag um 14 Uhr sagt Paula "Bye bye" zu ihnen, steigt in den roten Kleinbus, und verlässt die Stadt. Vorbei an den Flugzeughangars, vorbei an dem großen Zeltlager mit den ausgebleichten, weggeworfenen Plastikflaschen im Gras, hält der Bus vor ihrer eigenen Baracke: dem "Hal Far Family Centre" im Süden Maltas. 

Alles vollgestopft

Paula teilt sich ihr 15 Quadratmeter großes Zimmer mit ihrer Mutter, dem kleinen Bruder, der noch kleineren Schwester, und dem gesamten Familienbesitz, der im Lauf der vielen Reisen zwar geschrumpft ist, aber dennoch jeden unbelegten Fleck im Zimmer in Beschlag nimmt: Ob überm Kasten, unterm Kühlschrank oder unter den Stockbetten - überall Reisetaschen, Kleider, Spielsachen, Windeln.

Paula ist eines von 50 Kindern im Familienzentrum des Flüchtlingslagers Hal Far in Malta. Während die Erwachsenen im Lager von jedem neuen Tag nur verlangen, dass er verstreicht, weil es keine Arbeit und wenig Hoffnung für sie gibt, macht sich die Sechsjährige jeden Morgen aufs Neue auf den Weg in die nächstgelegene Stadt, Birzebbuga, wo sie die erste Klasse der Volksschule St. Benedict besucht. Dort fühlt sie den Kontakt mit einer anderen, stabileren Welt. Während sie selbst nicht weiß, ob sie im nächsten Monat immer noch in diesem Land leben wird, sprechen die anderen Kinder von Weihnachten, Silvester, dem nächsten Urlaub.

Spaß in der Klasse

Es ist Donnerstag, neun Uhr morgens, die Lehrerin wirft den Beamer an. Auf der weißen Leinwand erscheint eine kindlich gemalte Leselampe, daneben ein paar Buchstaben. "Was ist das?", fragt die Lehrerin. "Lampa!" rufen die Kinder im Chor, und Paula in der ersten Reihe, die Rastazöpfe am Hinterkopf zusammengebunden, schreit ganz besonders laut mit. Die Schule scheint ihr ein Vergnügen zu sein. Wenn sie ihre Hand hochstreckt zur Lehrerin, schlottert das weiße Uniformhemd an ihr, es ist zwei Nummern zu groß, eine Spende der Schule. Paulas vierköpfige Familie lebt von 277 Euro im Monat. Davon kauft die Mutter Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Bustickets. Für Extra-Investitionen wie die Schuluniform bleibt da nichts übrig.

Maltesisch, eine komplizierte semitische Sprache, beherrscht Paula bereits fließend. Sie ist zwar erst sechs, doch schon dreisprachig: Englisch und ihre nigerianische Muttersprache Edo spricht sie zuhause im Flüchtlingslager, Maltesisch mit den Freundinnen in der Schule.

Weg - und wieder da

An der Schule mit den türkisfarbenen Wänden und den blitzblank polierten Fliesenböden spiegelt sich im Kleinen, was im Großen, im Asylsystem der EU, von vielen kritisiert wird. Kein Land der EU nimmt, gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele Asylsuchende auf wie Malta. Viele von ihnen bleiben jahrelang im Land, in ein anderes Land dürfen sie nicht, in das eigene können sie nicht. 44 Prozent erhalten keinen Schutz im Inselstaat, abgeschoben werden sie auch nicht, also bleiben sie vorerst hier. Immer wieder versuchen sie, das Land in Richtung Deutschland, Frankreich oder Skandinavien zu verlassen, um bei Bekannten zu leben - doch dank Dublin-Abkommen landen früher oder später fast alle wieder in Malta. Dann geht die schwierige Jobsuche im Land weiter - und die Kinder tauchen ebenso unerwartet, wie sie verschwunden waren, wieder in der Schule auf. 

Ob es hin und wieder zu Konflikten komme, fragen wir den Direktor der Volksschule in Birzebbuga, Jean Pierre Micallef, und der schüttelt heftig den Kopf: "Diese Kinder sind freundlich, gut angezogen. Wir haben überhaupt keine Probleme mit ihnen." Und umgekehrt - gebe es Anfeindungen, wegen der Hautfarbe, der Sprache? "Wir haben keine Probleme", wiederholt Micallef, und setzt nach: "Was sollen wir tun? Wir müssen ihnen helfen, uns bleibt nichts übrig."

"Helfen" - das ist ein Wort, das man oft hört, wenn man mit maltesischen Verantwortlichen über die Flüchtlingsfamilien spricht. Eine Einstellung, die bei Neil Falzon von der Flüchtlings-NGO Aditus für Kritik sorgt: In Malta glaubten alle, Asylpolitik sei "Hilfe", so der Jurist - dabei sei es nichts anderes als geltendes internationales Recht.

"Immer auf Achse"

"Die Flüchtlingskinder werden oft als Kurzzeit-Schüler betrachtet, man denkt, sie seien immer auf Achse", sagt Mireille Mifsud vom UNHCR Malta. Es liegt nahe, dass das nicht ohne Folgen bleibt. "Ich bin bei Schülern, die eh bald wieder weg sind, vielleicht nicht so genau", sagt eine Pädagogin. Der 35-jährige Dawit, Vater aus Hal Far, berichtet von Kindern, die monatelang im Flüchtlingslager leben, ohne auch nur einen Tag lang die Schule zu besuchen. Es fällt niemandem auf. Die Eltern wissen oft gar nicht, dass ihre Kinder das Recht auf Schulbesuch haben. „Und die Schule glaubt, die Familie hat längst das Land verlassen", sagt Dawit. Überprüft wird es nicht.

Paulas Klassenlehrerin, die junge Pädagogin Audrey Mallia, erzählt von einem Buben, der seit Februar nicht mehr in die Schule komme. "Er hat die Schule gewechselt", sagt sie. Nach ein wenig Nachfragen gibt sie zu: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo er ist. Vielleicht ist seine Familie ausgewandert."

Traum von Italien

Von den vielen AfrikanerInnen, die in Malta ankommen, wollten fast alle nach Italien. Von dort ist das Fortkommen über den Landweg leichter. Auch Paula erging es so. Drei Monate waren ihre Mutter Rashida, Bruder Clinson und sie in Norwegen bei Bekannten, der Vater wollte später nachkommen. Doch während Mutter und Kinder nach Malta zurückgewiesen wurden, setzte man den Vater in den Abschiebungsflieger nach Nigeria. Das war vor einem Jahr. Dank Gaddafis Milizen, die Subsahara-Flüchtlinge quasi als Druckmittel Richtung Europa schickten, ist er heute wieder in der EU. Er lebt in Italien bei Freunden, jeden zweiten Tag ruft er Paulas Mutter an. „Ich hoffe, wir können bald zu ihm nach Italien ziehen", sagt Rashida. Seine jüngste Tochter hat der Vater nie gesehen.

Über 90 Prozent der Asylsuchenden in Malta kommen aus Subsahara-Afrika. „Wenn wir es realistisch betrachten, können die meisten von ihnen nicht zurück in ihre Herkunftsländer", sagt auch Mireille Misfud von UNHCR Malta.

"Keine Probleme"

Im Bildungsministerium weiß man wenig über die afrikanischen SchülerInnen. Wie viele es sind? Wie sie sich nach der Pflichtschule durchschlagen? Keine Ahnung. "Wir denken, dass alles gut läuft", sagt Roslynn Vella, zuständige Abteilungsleiterin im Ministerium, Studien zum Thema gebe es keine, aber "uns wird von keinen Problemen berichtet." Älteren Kindern, die im Herkunftsland nie eine Schule besucht hatten, plötzlich beizubringen, stundenlang stillzusitzen und eine Uniform zu tragen, sei natürlich schwierig, meint Vella. "Aber auch vielen maltesischen Kindern fällt das schwer."

Über die Herkunft der Kinder spricht man nicht. Nur manchmal werde sie zum Thema, erzählt Paulas Lehrerin Audrey Mallia.  "Du N*, du lebst ja in gar keinem normalen Haus", habe ein Schüler einem anderen nachgerufen, erzählt Mallia. "Ich sage dann den afrikanischen Kindern, dass sie es nicht persönlich nehmen sollen." Und außerdem seien Rassismen nur Einzelfälle: "Das sind halt Kinder mit rassistischen Eltern, die lernen das zuhause."

Die Hausübung zählt

Zuhause in Hal Far schlurft Paula mit den zu groß gekauften Schlapfen über den kalten Steinboden der Marinebaracke und hält ihre Klarsichtmappe mit den Arbeitsblättern in der Hand. Es ist Abend, Paula umklammert ihre Schulsachen wie ein Lieblingsstofftier, trägt sie immer bei sich. Was die Zukunft angeht, weiß Paula, dass sie nichts weiß: Ob sie zu Weihnachten noch hier sein wird. Wann sie ihren Vater wieder sehen wird. Wann sie wieder eine ganz neue Sprache lernen wird. Und da sie ohnehin nichts weiß, konzentriert sich Paula ganz auf ihre heutige Hausaufgabe. Sie schreibt "Krokodil" und "Hund" in ihr Textbuch und lässt sich dabei viel Zeit. 14 Stunden noch - dann beginnt ein neuer Schultag. Und das ist gut so. (Maria Sterkl, derStandard.at, 29.11.2011)

  • Paula (ganz rechts) mit Mutter Rashida und Bruder Clinson.
    foto: derstandard.at/mas

    Paula (ganz rechts) mit Mutter Rashida und Bruder Clinson.

  • Aufgrund seiner Nähe zu Libyen wurde der kleine Inselstaat Malta auch heuer wieder zu einem Landepunkt für viele Flüchtlinge.
    foto: derstandard.at/mas

    Aufgrund seiner Nähe zu Libyen wurde der kleine Inselstaat Malta auch heuer wieder zu einem Landepunkt für viele Flüchtlinge.

  • Abgelehnte Asylsuchende wohnen gemeinsam mit akzeptierten Flüchtlingen in Containern nahe dem internationalen Flughafen Maltas: das Flüchtlingslager Hal Far.
    foto: derstandard.at/mas

    Abgelehnte Asylsuchende wohnen gemeinsam mit akzeptierten Flüchtlingen in Containern nahe dem internationalen Flughafen Maltas: das Flüchtlingslager Hal Far.

  • Der kleine Mickey floh mit seinem Vater aus Äthiopien und lebt in Hal Far - er hat Glück: Bald wird er im Rahmen eines Resettlement-Programms nach Norwegen überstellt.
    foto: derstandard.at/mas

    Der kleine Mickey floh mit seinem Vater aus Äthiopien und lebt in Hal Far - er hat Glück: Bald wird er im Rahmen eines Resettlement-Programms nach Norwegen überstellt.

  • Kinder im Pflichtschulalter besuchen die Schule im nahen Birzebbuga.
    foto: derstandard.at/mas

    Kinder im Pflichtschulalter besuchen die Schule im nahen Birzebbuga.

  • Der Kleinbus holt sie von Hal Far ab und bringt sie am frühen Nachmittag zurück ins Lager.
    foto: derstandard.at/mas

    Der Kleinbus holt sie von Hal Far ab und bringt sie am frühen Nachmittag zurück ins Lager.

  • Das Familienzentrum von Hal Far: Hier lebt es sich besser als in den Containern - doch fehlt es an Platz und Perspektive.
    foto: derstandard.at/mas

    Das Familienzentrum von Hal Far: Hier lebt es sich besser als in den Containern - doch fehlt es an Platz und Perspektive.

  • Dieser Bericht wurde im Rahmen von eurotours 2011 erstellt. eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der EU

    Dieser Bericht wurde im Rahmen von eurotours 2011 erstellt. eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der EU

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