"Du, pass auf, was Du sagst, sonst...!"

Leserkommentar29. November 2011, 09:38
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Wer hält noch zu den Kindern, wenn sie mal nicht lieb und brav sind? Eine Aufforderung zum Nachdenken über die g´sunde Watschn bei (Heim-)Kindern und über das, was wir von misshandelten Kindern unbedingt lernen sollten

Franz Josef Stangl und Helmut Oberhauser hatten den Mut niederzuschreiben, welche Art von Dialogen sie mit Fürsorgerinnen vor fünfzig Jahren führen mussten. In ihren kürzlich herausgebrachten Büchern ("Der Klosterzögling" und "Die blaue Decke - Hinrichtung einer Kinderseele") ist zu lesen, welche verbalen Erniedrigungen, Etikettierungen und Vorurteile ihnen genau von jenen Frauen entgegengebracht wurden, von denen doch anzunehmen gewesen wäre, dass sie mit Liebe und weiblicher Hingabe ihre Arbeit im Heim tun und den Kindern das zukommen lassen, was sie bis zu ihrer Heimunterbringung vermissen mussten.

Fragen über Fragen tun sich da auf

Hatten die Fürsorgerinnen Spaß und Freude am Quälen von Kindern und Jugendlichen, die bereits mehr als genug Pein hinter sich gebracht hatten?

Weshalb gaben sie den am Gesellschaftsrand stehenden Kindern nicht das, was diese so vermissten? Sie hatten doch gelernt, wie man diese Kinder betreut und erzieht.

Hätten nicht gerade die Fürsorgerinnen Geduld für noch so schwierige Situationen im Alltagsleben im Heim aufbringen müssen, anstatt scheinbar bereits präventiv - wie von ehemaligen Heimbewohnern berichtet wird - ohne ersichtlichen Grund erniedrigend und gemein und provokant zu werden?

Wer hat die Fürsorgerinnen zu ihrem Erziehungsstil ermutigt? Oder konnten sie gar nichts dafür, sondern rechtfertigt das vorangegangene NAZI-System deren damaliges Verhalten den Heimkindern gegenüber?

Waren demnach diese Frauen gar nicht in der Lage (sozial)pädagogisch zu handeln?

Aus dem Blickwinkel der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit benötigen Kinder vor allem Wertschätzung, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit, Präsenz, Freiräume und Grenzziehung durch ihre Betreuungspersonen. Geführt wurden die ehemaligen HeimbewohnerInnen, mit Strenge, Härte, drastischen Erziehungsmaßnahmen. Nichts von dem was heute in der Erziehung von Kindern mit traumatischen innerfamiliären Erfahrungen einfließt, war damals Thema. Dass sie dennoch nicht an ihren Erfahrungen zerbrochen sind, verdanken die Autoren jahrelangen (Psycho)Therapien. Und vermutlich gibt es noch weitere sogenannte protektive Faktoren wie z.B. liebevolle Beziehungen zu (Mit)Menschen, bestimmte Persönlichkeitsstrukturen usw...

Wer kann denn nun Antworten auf die aufkommenden Fragen geben?

Versucht wird es hierzulande aktuell von allen Seiten. Von Zeitzeugen, von ProfessionistInnen, von ehemals Betroffenen.

Ein Betroffener meinte, wir waren den Menschen damals im Weg.

Möglicherweise ist das heute nicht viel anders. Die Kinder, die in den sozialpädagogischen Wohngemeinschaften oder im Kinderdorf oder bei Pflegeeltern leben. Nicht im Weg sind sie, wenn sie noch klein sind, nein, dann tun sie vielen Leid aufgrund ihrer Geschichte. Aber spätestens wenn sie Heranwachsen und schlecht mit dem zu Recht kommen, was sie erleben mussten und was auf sie auch sonst einwirkt, wenn sie sagen, dass sie nicht bei Mama und Papa leben. Dann wenn sie sich selbst Fragen können, weshalb sie eigentlich im Kinderdorf leben und nicht nach Hause dürfen?

Statt Schutz neuerliche Bedrohungen

Warum schlug mich mein Vater und warum schützte mich meine Mutter nicht vor der Gewalt? Warum ging meine Mutter weg und ließ mich bei meiner Oma, die wiederum meint sie sei zu alt für einen Pubertierenden, der nicht zur Schule will, stiehlt, lügt und jüngere Kinder mobbt?

Eben dann wenn sie ihre eigene Wut, ihre Frustration, ihre Aggression gegen andere oder gegen sich selbst richten, werden sie ungemütlich. Dann sagen viele, die bräuchten nur eine strengere Hand, dann meinen eigentlich viele, aber wagen es nicht immer auszusprechen... die brauchen mal ordentlich Schläge, damit sie wieder gehorchen. Die Diskussion rund um die g´sunde Watschn ist längst nicht zu Ende geführt in diesem Land.

Und spätestens dann tut sich wieder eine Frage auf: Ist der Unterschied im Zugang zu fremd untergebrachten Kindern und Jugendlichen heute denn wirklich größer als vor einigen Jahrzehnten?

Zu oft ist davon die Rede, dass Kindern von heute Strenge und Führung fehlt und wir "uns" noch wundern werden wohin das führt. Psychologische Erklärungen für Delinquenz, Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Gewaltbereitschaft, nicht vorhandenes soziales Handeln und Gewissen von ehemals misshandelten, missbrauchen und/oder verwahrlosten Kindern und Jugendlichen nützt dann nur wenig. Und genau an dieser Stelle ist es notwendig darauf hinzu weisen, dass ein sogenanntes verhaltensauffälliges Kind mit seinem devianten Verhalten ein Zeichen setzt, die nicht falsch interpretiert werden dürfen. Eben dann, wenn es stiehlt, lügt, schlägt, wegläuft, mobbt, genau dann müssen wir dranbleiben, mit ihm reden, ihm nachlaufen, ihm sagen, wie wertvoll es ist, wie schwer seine Situation ist bzw. war.

Dialogsuchen, auch wenn es schwer wird

Dann dürfen Erwachsene nicht weglaufen, nicht gekränkt sein, nicht mit Schlägen oder harten Strafen drohen, sondern da sein, ein Beziehungsangebot trotz aller äußerer Ablehnung des Kindes machen. Das ist schwer, sehr schwer sogar, aber es ist das einzig angebrachte.

Denn genau das wollen sie wissen die Kinder.....haltet ihr Erwachsenen zu uns? Auch dann, wenn wir nicht "brav, lieb, nett" sind?! Und genau das hätten die ehemaligen Heimkinder, damals auch gebraucht, jedoch nicht bekommen. Es ist zu bewundern, dass sie es trotzdem irgendwie geschafft haben, am Leben zu bleiben, lebendig zu bleiben, gesellschaftsfähig zu werden und zu sein. Wir können noch viel lernen von ihnen. Es ist das Beste, das uns passieren konnte. Nämlich, dass sie über Vergangenes sprechen, dass sie derartig mutig sind über die Fürsorgerinnen zu sprechen, von denen sie abhängig waren. Denn die entschieden damals über ihr Schicksal.

Und genau das tun SozialarbeiterInnen gemeinsam mit PflegschaftsrichterInnen auch heute noch. Demnach müssen Rahmenbedingungen gewährleistet sein, die gute, die menschliche, die professionelle Dialoge zwischen Kindern und Jugendlichen und ihren SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen ermöglichen. (Leser-Kommentar, Beatrix Kaiser, derStandard.at, 29.11.2011)

Autorin

Mag.a Beatrix Kaiser, ist Psychologin und Sozialarbeiterin.

  • Die Diskussion rund um die g´sunde Watschn ist hierzulande längst nicht zu Ende geführt.
    foto: regine hendrich

    Die Diskussion rund um die g´sunde Watschn ist hierzulande längst nicht zu Ende geführt.

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