Spirituelle Verbrecher und päpstliche Geschichtsfälschung

Wolfgang Bergmann, 28. November 2011, 10:04
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    foto: ap/plinio lepri

    Trotz Audienz beim Papst: Pater Maciel führte laut Vatikan ein "gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung" - festgestellt allerdings erst nach seinem Tod.

Ist es Hohn? Oder der Beginn einer allmählichen Geschichtsfälschung? Der Papst erklärte nämlich vergangene Woche beim Ad-Limina-Besuch der amerikanischen Bischöfe, die Kirche sei in Sachen Missbrauchsbekämpfung ein Vorbild für die Gesellschaft (26.11.2011).

Noch wenige Tage zuvor hatte der römische Pontifex den vorzeitigen Rücktritt des nordirischen Bischofs Seamus Hegarty angenommen. Seit 2010 steht dieser wegen des Umgangs mit Verdachtsfällen in Sachen Missbrauch unter Druck. Als Rücktrittsgrund wurden aber ausschließlich eine "unheilbare und fortgeschrittene" Krankheit geltend gemacht (23.11.2011). Das kennen wir doch: Auch Kardinal Groers Rücktritt erfolgte offiziell aus Altersgründen. (So viel zum Thema ehrlicher Umgang!)

Eine weiter zweifelhafte „Jubelmeldung" wurde kürzlich lanciert: Die Legionäre Christi orientieren sich, ist die Kathpress stolz, am österreichischen Modell (28.10.2011.) Das Groer-Land ist bei der Opferentschädigung eben etwas weiter.

Zur Erinnerung: Die 1941 gegründeten Legionäre Christi müssen den Missbrauchsskandal ihres Gründers Pater Marcial Maciel Degollado aufarbeiten. Überraschender Weise war in diesem Zusammenhang in der Kathpress zu lesen: „Bereits 1999 ordnete Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation eine Untersuchung an. 2002 wurde sie abgebrochen, wobei hier Druck von engen Mitarbeitern Johannes Pauls II. eine Rolle gespielt haben dürfte." (Vorbildlich - oder?)

Erstmals seit der Papst Kardinal Schönborn jegliche Kritik an Kardinal Sodanos Vertuschung der Groer-Affäre verbat, wagt erfreulicher Weise ein offizielles kirchliches Medium (Herausgeber Bischof Kapellari) einen kritischen Blick in den Vatikan. Auch diese Offensive, die allerdings Ratzingers Historie beschönigen soll, kann nach hinten losgehen:

Zum einen taucht sie Johannes Paul II. in noch zweifelhafteres Licht. Er empfing nach der genannten Niederschlagung der Untersuchung den Oberlegionär zu dessen 60. Priesterjubiläums mit Gefolge in Sonderaudienz. Auszug aus der Papstrede: "Mein herzlicher Gruß geht vor allem an den lieben Pater Maciel, dem ich meine besten Wünsche für einen von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllten priesterlichen Dienst ausspreche." (30. 11. 2004)

Zum anderen ist auch die Ratzingerrolle unrühmlich: Zwar ließ er kurz danach die Untersuchungen wieder aufnehmen, genehmigte aber dann - mittlerweile selbst Papst geworden - deren neuerliche Einstellung, nachdem Maciel aus Altersgründen von seinen Funktionen zurückgetreten war. (Kommt das Muster bekannt vor?).

Am 19.5.2006 gab der Pressesaal bekannt, dass von der Glaubenskongregation beschlossen worden war, "unter Berücksichtigung des fortgeschrittenen Alters des Hw. P. Maciel und auf Grund seiner angegriffenen Gesundheit, auf einen kanonischen Prozess zu verzichten und den Hochwürdigen Herrn aufzufordern, fortan ein Leben des Gebetes und der Buße zu führen und künftig auf die Ausübung jeglichen kirchlichen Amtes zu verzichten. Der Heilige Vater hat diese Entscheidung gutgeheißen."

Der strikte Aufklärungskurs Ratzingers, von dem seine Anhänger gerne sprechen, ist etwas löchrig. Man wartete den Tod des Gründers (2008) ab, erst dann, nach weiteren Untersuchungen stand am 1.5.2010 auch für den Vatikan offiziell fest: "Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung." - Wo waren jetzt "die Gaben des Heiligen Geistes" geblieben, von denen Johannes Paul II. gesprochen hatte?

Diese jämmerliche Verzögern, Verdrängen und Solange-wie-möglich-nicht-wahr-haben-wollen scheint mit einem schwerwiegenden Diagnoseproblem zusammen zu hängen. Wie schon einmal kritisiert, hat Joseph Ratzinger noch als Kardinal 2004 - in voller Kenntnis der Fälle Groer und Maciel - in einem Interview (Aachener Zeitung, 24. 3. 2004) beklagt, dass Pädophilie mit falschen Reformvorstellungen nach dem Konzil einhergegangen sei.

Auch 2011 hört sich das nicht viel anders an, wenn Benedikt XVI. bei seiner Deutschlandreise (Gebetsvigil mit den Jugendlichen) darauf hinwies: "Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen." (24.9.2011).

Früher galt innerkirchlich die "böse Welt draußen" als Wurzel aller Fehler in der Kirche. Nun, da sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es das Böse auch im Inneren der Kirche gibt, müssen "falsche Reformer" oder "laue Christen" die Problemverursacher sein. Wird einer wie Maciel überführt, spricht man ihm rückwirkend "echte religiöse Gesinnung" ab.

Was der Papst in seiner Fehldiagnose nicht wahrhaben will, ist, dass auch höchster oder gerade überhöhter spiritueller Eifer in Verbrechen umschlagen kann. Man kann beispielsweise Groer vieles absprechen, nicht aber seine Spiritualität! Auch von treuesten päpstlichen Mitstreitern kann Gefahr ausgehen. (Passt auch ins Bild: Diese Woche beginnt der Prozess gegen einen führenden Mitarbeiter der Gemeinschaft der Seligpreisungen. Deren Gründer hat schon Missbrauchsfälle gestanden). Es gilt auf- und herauszuarbeiten, wo die Kirche selbst Nährboden für kranke und krankmachende Mechanismen ist. Dann erst kann sie Vorbild für die Gesellschaft sein.

Die Causa Maciel dauerte in ihrem römischen Zick-Zack-Kurs zumindest zwölf Jahre. Es wurde vorsätzlich - wie im Falle Groer - verhindert, diese noch zu seinen Lebzeiten zu klären.

Man nahm den Opfern damit auch eine Möglichkeit der immateriellen Entschädigung: Die Entschuldigung des Täters. Und man nahm dem Täter die Chance auf eine späte Einsicht. Die gibt es, wie der Aufsehen erregende Prozess um die Keller-Tragödie in Amstetten zeigte (2009).

Eine Psychologin berichtete, dass erst eine Videoaussage des Opfers dem Täter "erstmals kein Entkommen zu einer anderen Sichtweise gab." Darin sei die Ursache für das unerwartete umfassende Geständnis des Mannes zu sämtlichen Anklagepunkten gelegen.

Der Papst nahm in der eingangs zitierten Rede sogar das Wort vom transparenten Umgang in den Mund genommen. Da passt doch der wiederkehrende Abschluss dieses Blogs ideal:

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 28.11.2011)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 175
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Whistleblower1
12
30.11.2011, 12:57
Kirche Nährboden für kranke und krankmachende Mechanismen

Selbsterkenntnis ist der Beginn zur Besserung; ein Bitte an die Verantwortlichen der Kirche, diesen Nährboden umgehend trockenzulegen, damit solche Mechanismen keine Platz mehr für Ausbreitung haben

Stegbuchner
01
30.11.2011, 12:12
Warum ist das nicht in der Print-Ausgabe !?

Beamter sein muss sich lohnen
02
30.11.2011, 10:47
Bei uns

hatten wir einen slowakischen Pfarrer. Der wurde wegen Betruges angeklagt und verurteilt, weil er Einrichtungsgegenstände einfach nicht bezahlte. Er hoffte auf die finanzielle Unterstützung der Kirchgänger.

Jetzt haben wir einen Schwarzafrikaner. So wie es auschaut, ist der nur Pfarrer geworden, um aus seinen ärmlichen Verhältnissen auszubrechen und sich finanziell besser zu stellen.

Zuerst läßt er Spendenaktionszettel für die Kinderkrebshilfe verteilen. Darin ruft er zum Spenden auf. Es soll glücklich machen. Man soll es einfach versuchen.

Das gespendete Geld sollte die verantwortliche Pfarrgemeinderätin auf Wunsch des schwarzen Pfarrers auf das Konto seiner armen Mutter überweisen.
Die ist aber zurückgetreten.

hrainer
00
30.11.2011, 12:51
Wer ist zurückgetreten??

Die arme Mutter des Pfarrers?

Piefke in Tirol
10
30.11.2011, 09:24
Der Zens ist heute wieder erbärmlich! :-))

Post-vom-Poster
 
01
30.11.2011, 07:22
Was hat denn Jesus ...

... so über die Pharisäer gesagt?

Etwa das:
Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen. (Mat 5:20)

timetraveller
01
30.11.2011, 05:25
Amen

und nun als kritische Denkliteratur und Lesebuch fuer
Kirchengeher jung und alt :

Otto Corvin - Der Pfaffenspiegel

Piefke in Tirol
11
30.11.2011, 09:21
Auszug aus Wikipedia:

Das „gepfeffert polemische Werk“[1] beinhaltet eine oberflächliche Geschichtsklitterung, die von den National.sozialisten zu Hetzaktionen gegen die Kirchen genutzt wurde.

Wie darf ich Sie jetzt bezeichnen?

timetraveller
01
30.11.2011, 11:53

Wie Sie ja bestimmt auch gesehen haben wurde das Werk um 1864 geschrieben. Sie koennen mich als jemand bezeichnen ,der das Buch gelesen hat und nicht
in Wikipedia nachschlagen musz .

johannes schenk1
00
1.12.2011, 08:36
als "polemischen Geschichtsklitterer"? ; )

Als ein solcher, der gut zu den Absichten der Nationalsoziaisten passte, obwohl er früher gelebt hatte?
Schließlich war die antiklerikale Stimmungsmache keine Erfindung der Nationalsozialisten.
Im übrigen ist wahrscheinlich vieles bis alles wahr, was etwa im Pfaffenspiegel steht, oder aktueller "Beamter sein muss sich lohnen"
am 30.11.2011 um 10:47 in diesem Forum schreibt. Nicht wahr hingegen ist der Rückschluss, dass alle so seien, dass solcherlei Verhalten gewünscht oder gar geordert sei.

onlooker
02
30.11.2011, 08:44
danke für den hinweiss, habe den pfaffenspiegel

vor langer zeit gelesen, und bin damit automatisch exkommuniziert, aber dieses buch sollte gelesen werden, es ist nicht umsonst auf dem index der kirchenfürsten, der pfaffenspiegel ist auch beim guten buchhandel zu kaufen

Bluestone
00
30.11.2011, 18:47
onlooker
00
30.11.2011, 19:47
weiss nicht ob sie in wien sind, aber ich habe bei den wiener büchereien gegoogelt, und es sind momentan 2 stück zum ausleihen vorhanden

aber ich werde mir den pfaffenspiegel sicher kaufen, nochmals, freue mich schon darauf,danke mfg

Erstversuch
02
29.11.2011, 13:20
Bei der intellektuellen Elite wundert einen nichts mehr.

vikto1313
28
29.11.2011, 10:28
Irgendwie schön, dass sie versuchen den letzten treuen Lemmingen die Augen zu öffnen.

Eine Ansammlung von Macht- und Geldgierigen Vertreter eines Glaubens die den Kontakt zur Realität verloren haben. Sie verhalten sich noch immer wie im Mittelalter und glauben, dass es noch funktioniert.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über so viel Naivität erstaunt sein.

Andererseits ein Abbild unserer Zeit. Jetzt kommt die Gier- und Machtbesessenheit aus allen Löchern (Kirche, Banken, Konzerne, Politiker, Manager) hervorgekrochen. So transparent wie in unserer Zeit haben es die Leute noch nie mitbekommen.

grauslich
93
29.11.2011, 15:14
Ist die www.atheistische-religionsgesellschaft.at etwa weniger naiv??? Eben.

Immer nur die röm.-kath. Kirche zu kritisieren ist auf die Dauer ziemlich fad...

G.O.
01
30.11.2011, 18:34
"fad"

Ist das für Sie ein Beweis für Unrichtigkeit, wenn Sie was als fad empfinden?

vikto1313
06
29.11.2011, 22:36

Ziemlich fad sind die immer gleich lautenden Verteidigungen.

Von einer Organisation die für sich beansprucht, die höchste moralische Instanz zu sein kann man schon erwarten, dass sie offen und ehrlich mit Mitmenschen und ihren eigenen Verfehlungen umgeht.

Es gibt genügend Leute in der kath. Kirche die ihre Sache sehr gut machen, nur die oberen Köpfe sind tlw. schon sehr weit weg von der Realität.

Arne Karlsson
21
29.11.2011, 20:50
naiv?

Weil sie nicht an einen Gott glauben - und demnach auch keinem Menschen huldigen, der sie - mitsamt der hinter ihm stehenden Organisation - belügt und betrügt.

Was bitte ist daran naiv?

Welchen Hauch eines Skandals können Sie der atheistischen Religionsgemeinschaft vorwerfen, der auch nur im entferntesten mit deren "Religion" oder den gar nicht vorhandenen Führern zu tun hat?

Naiv ist Ihr (Rundum)schlag weil man schon wieder aufdeckt, wie sehr in der r.k.Kirche gelogen und betrogen wird. Stellen Sie sich der Wahrheit!

C R3
11
30.11.2011, 11:49
Sehen Sie das nicht?

Ein Blick auf die Seite reicht, die fordern so Blödsinn wie Gleichberechtigung und Respekt! Ganz klar naive Ansichten.

In der röm.kath. dürfen z.B. Frauen im Chor singen und die Kirche putzen. Keine Spur von Gleichberechtigung und Respekt. Ganz logisch, was die da schreiben ist komplett naiv!

Benjamin Klein
00
29.11.2011, 11:39
lassen siwe denen die GLAUBEN auch ihren Glauben,

das heißt ja nicht
dass dort wo Licht ist auch Schatten ist,
und dass man Licht hinbringt, wo es noch Dunkel ist,

vikto1313
00
29.11.2011, 22:31

Habe ich nie behauptet. Zum Glück gibt aus auch ehrliche Leute.

finisterra
06
28.11.2011, 22:37
Wo ist denn der Teufel geblieben?

Der hat sich doch als Erklärungsmodell für Fehltritte aller Art in der Vergangenheit besser bewährt als die Kritik am Fehlen der Gaben das Heiligen Geistes. Das ist doch ein viel zu abstraktes Konzept. Unter dem Heiligen Geist kann sich kein Mensch etwas Genaueres vorstellen, während der Teufel schon wegen seiner enormen pyrotechnischen Fähigkeiten und seiner Ähnlichkeit mit der antiken Gestalt des Satyr die katholische Lehre immens bereichert hat.

Christoph Karl Steininger
01
29.11.2011, 14:30
Dennoch hat der Glaube an die Wirkmächtigkeit des Teufels abgenommen!

Er ist verkindlicht worden. Siehe der Krampus! All die subsidiären metaphysischen Entitäten haben an Wirklichkeitsanspruch eingebüßt. Und den Engeln ergeht es ähnlich. Früher glaubte man auch noch an Elfen und Kobolde. Sogar ein Metall ist nach den Kobolden benannt: Kobalt! Von den Nöcken und Nixen ganz zu schweigen!
Diese Numen sind zu Märchengestalten herabgesunken!

sawi48
01
30.11.2011, 07:59
Na Gott sei Dank !

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