Siegerimage mit ersten Kratzern

27. November 2011, 23:08
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Wladimir Putin peilt weitere zwölf Jahre im Kreml an

Nicht ganz nach Regie verliefen die eineinhalb Wochen, an deren Ende am Sonntag - Überraschung! - die Nominierung Wladimir Putins zum Präsidentschaftskandidaten bei den Wahlen am 4. März stand. Zunächst nahm der 59-jährige russische Premier an einem Training mit nationalen Eishockey-Legenden in Moskau teil und glänzte als Torschütze.

Zwei Tage später wurde das strahlende Bild des in jeder Hinsicht topfitten und darob unangefochtenen Staatslenkers erstmals öffentlich angekratzt. Bei einer Sportveranstaltung ("Gemischter Kampfsport" ) in Moskau wurde Putin von vielen der rund 20.000 Zuschauer ausgepfiffen und ausgebuht, als er dem russischen Sieger im Ring gratulierte.

Pflichtbewusst drosselte der Bildregisseur des Staatsfernsehens den Hintergrundton. Kurz schien der Applausgewohnte irritiert, ehe er es doch noch schaffte, beklatscht zu werden: indem er Sieger Fjodor Jemeljanenko als "echten russischen Recken" lobte.

War es eine Reaktion auf die Pfiffe in der Moskauer Olympiski-Halle, dass der harte Putinein paar Tage später plötzlich auf weich machte? Bei einem vorweg aufgezeichneten Konzert zum Muttertag erzählte er vom köstlichen Sonntagsessen in seiner "armen" Familie und dass seine Mama es missbilligt habe, dass er Judo lernte: "Jedes Mal, wenn ich zum Training ging, sagte sie zu mir: Du gehst schon wieder, um dich zu prügeln."

Dabei hat Judo kaum etwas mit Prügeln zu tun. Es geht darum, den Gegner niederzuwerfen und kampfunfähig zu machen, mit einem Minimum an Kraftaufwand. Darin hat es Putin, der den schwarzen Gürtel trägt, auch in der Politik zu einiger Meisterschaft gebracht.

Auch wenn er das nächste Mal auf die Matte tritt, bei der Wahl im März, ist ihm der Sieg gewiss. Zumindest über die sichtbaren Gegner, die dank umfassenden Polit-Designs inklusive Knebelung der Opposition allesamt chancenlos sind. Nach heutigem Stand dürfen sich Russland und der Rest der Welt auf zwölf weitere Jahre mit einem Kreml-Chef einstellen, der seine prägenden Jahre im Geheimdienst verbracht hat.

Seine Doktorarbeit schrieb Putin zur staatlichen Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen - was auch einiges über seine Wirtschaftspolitik sagt. Und er schrieb sie, nach Angaben des US-Ökonomen Clifford Gaddy, über weite Passagen ab - was absolut kein russisches Spezifikum ist, wie wir wissen. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2011)

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