Auf sich alleine gestellt

28. November 2011, 17:00
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Nicht immer folgten Migrantinnen ihren Männern nach Österreich: Die ersten Gastarbeiterinnen waren selbständige Frauen, die oft ihre Familien nachgeholt haben

Die Gastarbeiter - eine primär männliche Kategorie. Ein Forschungsprojekt am Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt stellt diese Wahrnehmung in Frage und nimmt sich der Erforschung der Gastarbeiterin an. daStandard.at sprach mit Projektleiterin Viktorija Ratković.

daStandard.at: Wenn von den Gastarbeitern die Rede ist, denkt man automatisch an Männer. Sie beschäftigen sich aber mit den Frauen, den Gastarbeiterinnen. Wie entstand die Idee, sich mit diesem Aspekt der Arbeitsmigration zu beschäftigen?

Viktorija Ratković: Ich arbeite am Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien, das heuer sein zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Dazu sollten Vorträge gehalten werden, zum Thema Geschlecht und Erinnerung. Drei Mitarbeiterinnen hatten die Idee, einen Vortrag über Arbeitsmigrantinnen vorzubereiten und bemerkten, dass es sehr wenig dazu gab. So stand die Idee im Raum, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, wir reichten ein Projekt ein, und ich übernahm die Leitung.

daStandard.at: Wie kann man sich den Forschungsprozess vorstellen? Worin besteht das Forschungsinteresse, welche Methoden kommen zum Einsatz?

Ratković: Wir interessieren uns für Frauen, die in den sechziger und siebziger Jahren nach Kärnten kamen, um zu arbeiten. Zunächst haben wir uns angeschaut, was in den Zeitungen über diese Frauen geschrieben wurde. Das ist wenig ergiebig, weil die Frauen hauptsächlich als Ehefrauen oder Mütter vorkommen. Außerdem möchten wir mit Frauen, die als Gastarbeiterinnen nach Kärnten kamen, Interviews führen.

daStandard.at: Wie kommen Sie an solche Frauen heran?

Ratković: Das ist gar nicht so einfach. Wir probieren es über Betriebe, indem wir behördliche Anwerbeabkommen zurückverfolgen. Da kommt aber oft der Datenschutz zum Tragen, und man kann auf die Verträge nicht zugreifen. Bei vielen Betrieben, in denen Gastarbeiterinnen beschäftigt waren, haben inzwischen die Inhaber gewechselt. Daher versuchen wir es parallel zum offiziellen Weg über Mundpropaganda.

daStandard.at: In welchen Betrieben waren die Frauen hauptsächlich beschäftigt?

Ratković: Viele Frauen waren im Tourismus beschäftigt, und wenn man in solchen Betrieben anruft, dann will man dort meistens nichts mehr davon wissen. Das liegt wohl daran, dass Beschäftigte in der Tourismusbranche leichter ausgebeutet werden können. Frauen im Tourismus waren tendenziell auf sich alleine gestellt, während Männer in Fabriken arbeiteten, wo es Gewerkschaften und Betriebsräte gab. Auch deshalb sind Frauen wohl in der öffentlichen Wahrnehmung so untergegangen, weil sie selten als Gruppe aufgetreten sind.

daStandard.at: Wie stand es um die Arbeitsbedingungen?

Ratković: So wie ich die heutigen Tourismusbetriebe kenne, könnte ich mir gut vorstellen, dass nicht alles ganz sauber organisiert war und dass es schwierige Konstruktionen gab, in denen die Frauen mehr gearbeitet haben, als ausgemacht war. Das ist auch ein geschlechtsspezifischer Aspekt. Viele Männer haben in der Landwirtschaft gearbeitet, waren dort aber wohl geschützter als die Frauen in der Tourismusbranche. In Deutschland haben zum Beispiel die Arbeitsmigranten bei Ford gestreikt. In einer großen Fabrik, in der man gewerkschaftlich geschützt ist, hat man natürlich ganz andere Möglichkeiten, sich zu organisieren, als wenn man alleine ist.

daStandard.at: Betreiben Sie zugleich Forschung über die Männer, die als Gastarbeiter nach Kärnten kamen?

Ratković: Nein, unsere Forschung beschränkt sich wirklich nur auf Frauen. Das klassische Bild des Gastarbeiters ist der Mann am Fließband, aber wir wollen explizit aufzeigen, dass es auch viele arbeitende Frauen gab.

daStandard.at: Wie werden migrantische Frauen in den Medien und in der Forschung dargestellt, und was wollen Sie dem durch Ihre eigene Forschung entgegensetzen?

Ratković: Die Migrantin wird oft als Opfer dargestellt, als Familiennachzug, Ehefrau und Mutter. Dieses Bild stimmt so nicht, es gab viele arbeitende Frauen, die ihre Familien selbst nachgeholt haben. In der Forschung und in der Sozialarbeit war man aber lange darauf ausgerichtet, migrantische Frauen als doppelte Opfer zu sehen. Dazu ist noch zu sagen, dass bis 1975 österreichische Männer gesetzlich das Recht hatten, ihren Ehefrauen zu verbieten, arbeiten zu gehen. Inzwischen waren aber auch Frauen im Land, Migrantinnen, die selbständig gearbeitet haben. Wir wollen in diesem Punkt die Wahrnehmung verändern und aufzeigen, dass vieles anders war, als gemeinhin angenommen wird.

daStandard.at: In welchem Rahmen wollen Sie Ihre Forschungsergebnisse publik machen?

Ratković: Das primäre Ziel ist, eine wissenschaftliche Publikation in Form eines Buchs herauszubringen. Vorstellbar sind auch Ausstelllungen in den Schulen. Bei der Langen Nacht der Forschung im April wollen wir ein breiteres Publikum mit dem Thema vertraut machen.

daStandard.at: Sie selbst haben ebenfalls Migrationshintergrund. Beeinflusst das Ihre Themensetzung in der Forschung?

Ratković: Ich bin vor genau zwanzig Jahren aus Kroatien gekommen, im Oktober 1991. Auf das Thema Migrantinnen bin ich über Umwege gekommen. Ursprünglich forschte ich über Frauenhandel und kam darüber auf das Thema Migration. Eine gewisse familiäre Vorprägung ist sicher da, eine Tante meines Vaters kam als Gastarbeiterin nach Österreich. Es hat mich gestört, dass man in den Medien immer nur liest, wie arm die Migrantinnen sind. Diesbezüglich habe ich einen anderen Blick auf die Dinge. (Mascha Dabić, 29. November 2011, daStandard.at)

Viktorija Ratković hat in Klagenfurt Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert. Derzeit leitet sie das Forschungsprojekt „Gastarbeiterinnen in Kärnten - Auf Spurensuche der weiblichen Arbeitsmigration" am Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien. Außerdem arbeitet sie an ihrer Dissertation über Medien, die von Migranten produziert werden.

  • Auf dem Bild sind direkt in Jugoslawien angeworbene Arbeiterinnen der Wiener Fischfabrik C. Warhanek zu sehen.
    foto: gastarbajteri.at - privatbesitz juli habenschuss, traun/linz

    Auf dem Bild sind direkt in Jugoslawien angeworbene Arbeiterinnen der Wiener Fischfabrik C. Warhanek zu sehen.

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