Eine volksnahe Monarchin

27. November 2011, 18:16
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Musik wie gedimmtes Licht in intimer Zweisamkeit - Die britische Sängerin Sade Adu gastierte mit ihrer Band am Wochenende in Wien - Kuschel-Soul hat immer Saison

Wien - Die 1980er-Jahre waren für die Soul-Musik ein schwieriges Jahrzehnt. Vor allem der Synthesizer und sein damals obligatorischer Einsatz nahm dieser Musik einen Gutteil ihrer emotionalen Tiefe. Dazu heuchelten Saxofonisten in schultergepolsterten Oberkleidern Gefühle - während das elektronische Schlagzeug hinten seltsam pupste.

Am Saxofongekrächze kam auch Helen Folasade Adu mit ihrer Band Sade nicht vorbei. Doch die in England aufgewachsene Nigerianerin schuf einen organischen, warmen Soul, mondän angejazzt, ebenso Lounge- wie Matratzen-tauglich. Und das Model Sade Adu bot mit seinem Äußeren und der schmachtenden Stimme dafür die perfekte Projektionsfläche. In Zahlen bedeutet das über 50 Millionen verkaufte Longplayer.

Mit Alben wie Diamond Life (1984), Promise (1985) und Hits wie Your Love Is King, The Sweetest Taboo oder Smooth Operator, das als Soundtrack zum Ausgreifen als "Schmus-Operator" in die Geschichte einer Generation Eingang fand, hinterließ die heute 52-Jährige ihre Spuren.

Mit einer fauler werdenden Veröffentlichungspolitik ab den späten 1980ern - nur vier Alben in 22 Jahren - machte sich Sade rar und gewährleistete so ihr künstlerisches Überleben. Am Wochenende gab diese außerhalb der Zeit stehende Sängerin ihr erst zweites Wien-Konzert nach einem heute als legendär geltenden Auftritt im U4 des Jahres 1983. Geschmeichelt erinnerte sich Sade in der Stadthalle an dieses Konzert vom Beginn ihrer Karriere, "when we were newly born".

Mit der Grazie einer volksverbundenen Monarchin nahm sie Ovationen entgegen und schnurrte durch Songs wie Soldier Of Love, Your Love Is King oder Kiss Of Life. An ihren Ohren baumelten große Ringe wie vom Löwendompteur entliehen, auf ihren Absätzen wirkte sie anfangs ein wenig unbeholfen, in der reduzierten Bühnenarchitektur etwas verloren. Das änderte sich mit bequemeren Schuhen und lässigerer Garderobe, doch Sades Musik kokettierte ohnehin nie mit akrobatischem Dancefloor, sondern bereicherte die Intimität der Zweisamkeit wie gedimmtes Licht und roter Wein. Deswegen muss sie auch heute nicht über die Bühne hetzen, sondern kann sich einfach an die Kante setzen und ein sinnliches Jezebel hauchen.

Saalerhebung

Derlei Stücke zeitigten in der großen Halle zwar gewisse Längen, aber es gibt aufgeregtere Bands, die stärker auf die Lider drücken als Sade. Zumal manche ihrer Songs mit tief groovenden Downbeats durchaus von Portishead oder Massive Attack stammen könnten. Und deshalb war die Stadthalle ja bestuhlt.

Erst als die achtköpfige Band Nothing Can Come Between Us spielte, erhob sich der Saal nach Animation eines Bandmitglieds aus den Sesseln und wiegte seinerseits die Hüften. Der Schwung hielt nicht lange, schon mit Morning Bird des 2010 erschienenen Albums Soldier Of Love nahm sie die Geschwindigkeit wieder zurück und betrieb herzensgebrochen Nabelschau. Dass derlei ruhige Stücke bis heute von breitbeinig gespielten Gitarren-Soli oder dem Saxofon konterkariert werden - da muss man durch.

Am Ende obsiegten der Charme der Vortragenden, Songs, die ihre Fans seit fast 30 Jahren begeistern, und eine sympathische Unaufgeregtheit in der Darbietung, von der man wünschte, man könnte sie heute noch einmal in einem kleinen Club erleben. So wie damals im U4. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 28. November 2011)

  • Sängerin Sade Adu charmierte in der Wiener Stadthalle ihr ergebenes Publikum mit sanftem Soul aus einer fast 30-jährigen Karriere.
    foto: christian fischer

    Sängerin Sade Adu charmierte in der Wiener Stadthalle ihr ergebenes Publikum mit sanftem Soul aus einer fast 30-jährigen Karriere.

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