Ironie der Geschichte

Kommentar27. November 2011, 18:05
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Die komplizierte Partnerschaft zwischen den USA und Pakistan scheint am Ende

Es ist die Stunde der Schadensbegrenzung. Nach dem Nato-Angriff auf zwei pakistanische Militärposten versuchen US-Politiker in aller Eile, die Wogen zu glätten. Hillary Clinton und Leon Panetta, die Außenministerin und der Verteidigungsminister, setzten hastig ein Kondolenzschreiben auf. Im Weißen Haus tagt der Krisenstab, um zu verhindern, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Es ist der Tiefpunkt einer alten Partnerschaft, bei der allmählich alles auf eine Trennung zuzulaufen scheint.

Es ist erst zehn Jahre her, da avancierte Pakistan zum Schlüsselverbündeten im "Krieg gegen den Terror" . Pervez Musharraf, damals Präsident, wurde so heftig umgarnt wie sonst nur Hamid Karsai, sein afghanischer Kollege. Musharraf ließ die Amerikaner Stützpunkte nutzen und Jagd auf Mitglieder der Al-Kaida machen. Im Gegenzug drängte George W. Bush den General nicht weiter darauf, den afghanischen Taliban und ihren pakistanischen Gastgebern die Unterstützung zu entziehen. Was nicht ins Bild vom Schulterschluss passte, wurde unter den Teppich gekehrt.

Heute spricht zumindest in Washington niemand mehr von einer Allianz. Im Gegenteil, es mangelt nicht an Senatoren, die ohne Umschweife von einem offenen Konflikt reden. Forsche Republikaner wie Lindsey Graham empfehlen sogar Militärschläge auf pakistanische Ziele, die US-Interessen bedrohen. Was im Kongress irritiert, sind die stillschweigenden Bündnisse Islamabads mit islamistischen Gruppen, die ihrerseits US-Soldaten in Afghanistan attackieren. Allianzen, die deutlich machen, warum sich beide Scheinpartner auf Kollisionskurs befinden.

Pakistan sieht in den Taliban und Ablegern wie dem Haqqani-Netzwerk nützliche Hilfstruppen, unverzichtbar im größeren Gefüge des Ringens mit dem Erzrivalen Indien. Dahinter steht die Furcht, die Inder könnten einen Pakt mit Afghanistan und damit die Einkreisung Pakistans anstreben. Indem sie genau dies verhindern, verteidigen die Taliban und die Haqqanis am Hindukusch pakistanische Interessen. Was wiederum die Amerikaner in Rage bringt.

Im Mai war es bereits der Zank nach der Tötung Osama Bin Ladens, der schlaglichtartig offenbarte, welch tiefe Risse sich hinter der Fassade verbergen. Schon damals wollte am Potomac niemand recht glauben, dass der Terrorpate in Abbottabad Unterschlupf fand, ohne dass führende Militärs und Geheimdienstler eingeweiht waren.

Fast klingt das wie eine Ironie der Geschichte. Schon in der Anfangsphase des Kalten Krieges setzte das Weiße Haus ganz auf Pakistan, zumal sich Indien eher der Sowjetunion zuwandte. Als dann sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten, war es erneut das Lagerdenken der Blockkonfrontation, das US-Entscheidungen bestimmte. Mit Finanzspritzen bei Laune gehalten, avancierte der pakistanische Geheimdienst ISI zu einer Art Mittelsmann, der den Widerstand afghanischer Glaubenskämpfer organisierte.

Dreißig Jahre später machen ernüchternde Erkenntnisse die Runde, abgesehen davon, dass Al-Kaida auf jenem Nährboden entstand. Nach Recherchen des Magazins The New Yorker floss die Hälfte des Geldes, das der ISI in den Achtzigern aus den USA kassierte, in die Entwicklung der pakistanischen Atombombe. Und A. Q. Khan, der Vater der Bombe, sollte später Skizzen und Bauteile an Iran, Libyen, Nordkorea verkaufen. Noch so ein Fall, wie ironisch Geschichte sein kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2011)

 

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