In den 13 Erzählungen von Jürg Laederachs neuem Prosaband entsteht die Welt aus dem Geist der gelehrten Spekulation wie neu
Wien - Harmful, der Held in Jürg Laederachs neuem Erzählband, lebt in
eigentlich unzumutbaren Verhältnissen. Als Wohnstätte dient ihm ein
beengendes Holzreihenhaus. Platz verschafft er sich durch Betätigung
einer Kurbel, die einen fabelhaften Mechanismus in Gang setzt: Die
"Lageorte" werden mit Energie gespeist und fahren den bedrängten Mietern
unter die Füße.
Auch sonst steht es mit Harmful nicht zum Allerbesten. Seine Frau Arti
bringt ein Schuppentier namens "Grat" zur Welt, das unter dem Bett eine
Pfütze bildet und gelegentlich mit einer Katze gefüttert wird. Prompt
sieht sich Harmfuls Sippe nach einer neuen Wohnhülle um. Man fährt in
Reihenhaussiedlungen der Umgebung, "in eine andere Welt, nicht
genmutiert, aber kurz davor": In dieser netzen "würdige ältere Männer
mit Gießkannen einzelne Grashalme, die sie dann mit Brillentüchern
putzen". Ein Haus hebt "sein Ballerinenröckchen leicht an, bis man
seinen Grundbeton sah".
Der Basler Laederach (65) ist der Hochseilartist unter den
deutschsprachigen Prosakünstlern: Er spannt unmöglich scheinende
Ereignisketten, die er im nächsten Augenblick, durch bloßes Innehalten
oder durch die Beschwörung einer Störung, zerreißt.
Oder er denkt sich in das Gegenteil eines soeben skizzierten
Sachverhalts hinein. Mitunter verbündet sich Laederach mit der Dingwelt,
um seine Figuren zu flexibleren Verhaltensweisen zu provozieren: Mitten
"im Schwebe-Nichts der brüllendsten Fröhlichkeit" werden Menschen wie
Harmful in ein Vorleben als Schweine zurückversetzt. Sie finden sich in
der Garküche eines russischen Gulags wieder, oder sie hören von oben ein
Klopfen: von dorther also, wo "der Keller des Nachbars" liegt.
Sound und Sinn
Es gibt keinen Sound, der mit Laederachs Sprach-Improvisationen
vergleichbar wäre. Der Argentinier Julio Cortázar (1914-1984) mag
ähnlich verwickelte Planspiele entworfen haben, ohne jemals den Boden
der Alltagsvernunft mit derart vielen Sprengminen zu spicken.
Gründerväter der literarischen Hochmoderne wie Carl Einstein und Mynona
trieb zu Anfang des 20. Jahrhunderts der nämliche Ingrimm an: Auch sie
packten den Stier der technischen Rationalität bei den Hörnern.
Zu guter oder schlechter Letzt besteht aber auch die wissenschaftliche
Weltaneignung nur aus Grammatik. Laederach kann - wie in Höltys
Biographieverlust, dem Meisterstück von Harmfuls Hölle - zugleich von
der Vergangenheit erzählen und über die Zukunft spekulieren. Indem er
zum Hannoveraner Dichter Ludwig Hölty (1748-1776) einen Großneffen
hinzuerfindet, besiedelt er den Saturn neu. Die fingierte Biografie des
Hermann Hölty, geboren in Uelzen auf dem Saturn im Jahre 18028 (sic!),
mündet in eine Art logischen Kreisverkehr: "Gedächtnisbildschirme"
fallen der Wühlarbeit von "Nanomäusen und Rasterratten" zum Opfer.
Diejenigen Maschinen, die unser aller Leben verzeichnen, geben den Geist
auf. Prompt geraten Geburten und Todesfälle durcheinander. In einer
"wild-schönen Berg-, Gasfontänen- und Waldgegend" wird das
"Weltbetreten" zum unwahrscheinlichen Fall. Ganze Stammbäume krachen
morsch in sich zusammen: "Und eine Mutter der späteren Geschlechter
wollte dies alles noch einmal erleben, während der spätere Vater vor
allem die Mutter erleben wollte."
Der dies alles stellvertretend für uns erlebt, heißt Laederach. Sein
Band Harmfuls Hölle ist ein Meisterwerk dieses deutschsprachigen
Literaturherbstes. Es ist dem Autor zu wünschen, dass der
Suhrkamp-Verlag sich mit erneuerter Energie um das Werk dieses
Inkommensurablen bemüht. Denn, wie Laederach schreibt: "Die Kunst ist
das Waldorf-Astoria des Lebens, und das menschliche Gemüt ist die große
Stadt in der Stille, das musst du berücksichtigen." (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 28. November 2011)
Jürg Laederach liest am Montag, 20 Uhr, im Literarischen Quartier
der Alten Schmiede aus "Harmfuls Hölle" (Suhrkamp 2011).