Zirkusnummer für die Moderne

27. November 2011, 17:50
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Die Wiener Philharmoniker und Schlagwerker Martin Grubinger beenden das Festival Wien Modern

Wien - Beim Philharmonischen am Samstag im Musikverein hat er es wieder getan: Wie beim Wien-Modern-Finale (tags zuvor im Konzerthaus) hat Martin Grubinger nach Friedrich Cerhas Konzert für Schlagwerk und Orchester seine artistischen Fähigkeiten in Zugabenform ausgespielt. Er braucht dazu nur eine Trommel. Und auch der Verlust eines Drumsticks (im Musikverein) wird zur Pointe - in der Hosentasche wartet ja ein schnell gezückter Ersatz.

Solche Zirkusnummern waren bei Wien Modern bisher wohl nicht zufällig eine Seltenheit. Am Beispiel Grubingers zeigte sich ja, dass man für den Anspruch, der Moderne mit Stars einen Publikumszuwachs zu bescheren, eben einen Preis in Form von Substanzaushöhlung zahlt. Eine kontextadäquatere Zugabe wäre besser gewesen. Am allerbesten indes überhaupt keine.

Da hätte man Grubinger in Erinnerung rufen können, dass Werken - wie jenem von Cerha - Zeit gegeben werden muss, gewissermaßen nach ihrem Ende ungestört nachzuklingen. Natürlich: Der Multiperkussionist ist kein André Rieu der Schlagwerkskunst. Bei Cerhas Flexibilität einforderndem Opus pendelt er konzentriert zwischen drei Spielstationen, ist eingebunden in einen Dialog mit philharmonischen Schlagwerkern und einem Orchester, das im ersten Satz auch knackige Akkordinterventionen beisteuert.

Im zweiten Satz - das Ganze koordinierte Dirigent Peter Eötvös - darf Grubinger auf Basis einer für Cerha typischen abstrakten Streicherpoesie seine klangsensitiven Fähigkeiten delikat entfalten; während es im dritten wieder effektvoll Richtung Werkausgangspunkt geht - auch in Form von Parallelphrasen zwischen Streichern und Schlagwerk.

Vielleicht hätte man überhaupt die Programmfolge umdrehen sollen. Immerhin ist es ja auch ein "Event", wenn sich die Wiener Philharmoniker der gegenwärtigen Moderne widmen. Vielleicht hätte man also zunächst Georg Friedrich Haas' für Orchester instrumentierte neunte Klaviersonate von Skrjabin und das einst für das Cleveland Orchestra geschriebene Poème geben sollen, das bei aller Intensität einen Hauch mehr Differenzierung vertragen hätte.

Dann hätten auch wirklich alle ausgeharrt, um den sympathischen Grubinger zu erleben. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 28. November 2011)

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