Berechtigte Misstöne bei der Eröffnung

Analyse27. November 2011, 17:40
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Peter Weibel nahm Abschied - mit einer Abrechnung

Graz - Peter Pakesch, der Intendant des Joanneums, musste ziemlich die Zähne zusammenbeißen. Denn am Samstag wurde das Joanneumsviertel offiziell eröffnet - just mit drei Ausstellungen, die sein schärfster Widersacher, Peter Weibel, (mit-)kuratiert hat. Und diese legen Zeugnis ab, wozu Weibel und Christa Steinle, die vormalige Leiterin der Neuen Galerie, zu leisten imstande sind. Beziehungsweise waren: Weibel darf nicht mehr für das Joanneum tätig sein.

Seinen letzten Auftritt hat er sich erst erkämpfen müssen. Und Weibel hat ihn genützt: Bei der Preview am Freitag rechnete er in seiner Rede mit Pakesch und der Kulturpolitik ab. Im Saal schauten viele indigniert zu Boden. Im Foyer hingegen wurde eifrig geklatscht. Man zollte Weibel Respekt für seinen Mut.

Die Rede war natürlich von gekränktem Stolz getränkt. Denn Weibel arbeitete mehr als 20 Jahren in Graz, seit 1989, als er Chaos und Ordnung als Schwerpunktthema in den Steirischen Herbst brachte. Später, als Chefkurator der Neuen Galerie, präsentierte er Künstler, die erst danach zu Weltstars wurden, darunter Olafur Eliasson und William Kentridge.

Mit seiner Rede wollte Weibel aber mehr, als sich in Selbstmitleid zu suhlen: Er wies auf eine enorme Fehlentwicklung hin.

Um das gegenwärtige Dilemma verstehen zu können, muss man ein halbes Jahrhundert zurückblicken. Wenngleich eine Abteilung des Joanneums, agierte die dislozierte Neue Galerie ab Mitte der 60er-Jahre sehr autonom. Wilfried Skreiner, der Leiter, war ein unglaublicher Promotor: Seine Praktiken waren oft nicht ganz sauber, aber er entdeckte viele Künstler.

Skreiners Gegenspieler war Otto Breicha, der seit 1972 das Kulturhaus in der Elisabethstraße leitete. Es gab also eine Parallelstruktur, aber das war gut so. Der Wettbewerb zwischen der Institution des Landes und jener der Stadt war durchaus fruchtbar.

Weder Kulturhaus noch Neue Galerie konnten aber ausschließlich für die lokale Szene da sein. Günter Waldorf, Mitbegründer des Forums Stadtpark, initiierte daher in den 1980er-Jahren einen solchen Ort. Die Politik griff die Idee auf - und machte nach vielen Debatten um den Standort etwas völlig anderes daraus: das Kunsthaus, errichtet anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2003.

Die Stadt gab das Kulturhaus auf, verzichtete aber aus Budgetgründen darauf, das Kunsthaus zu betreiben: Das Land, das 55 Prozent der Kosten trägt, dockte die blaue Blase an das Joanneum an. Peter Pakesch wurde zum Intendanten des Landesmuseums bestellt - und zum Chef des Kunsthauses.

Diese Entscheidung führte zu enormen Konflikten. Denn es gab kein Match auf Augenhöhe zwischen dem Kunsthausdirektor und dem Leitungsduo der Neuen Galerie: Pakesch war ja als Intendant des Joanneums auch der Chef von Steinle/Weibel. Die beiden verteidigten lange die Autonomie. Doch heuer wurden sie demontiert - und die Politik schaute zu.

Die Folgen sind insgesamt prekär: Es gibt zwar ein international ausgerichtetes Kunsthaus, aber es fehlt eine Institution, die Waldorf vorschwebte. Es gibt keine städtische Einrichtung für bildende Kunst mehr. Es gibt nur das Landesmuseum und in diesem keine Doppelgleisigkeiten mehr: Kunsthaus und Neue Galerie wurden fusioniert. Die Neue Galerie wird zudem nicht mehr das sein, was sie war: ein Ort der Entdeckungen. Der steirischen Kunstszene hat die VP-Kulturpolitik keinen guten Dienst erwiesen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe 28. November 2011)

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