Weihnachtliche Ruhe vor dem Sturm

Reportage27. November 2011, 17:40
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Warum Esel und Ziege die Renner unter den Geschenken sind, wie viel Fehlgriffe kosten und was der Weihnachtsmann mit der Müllabfuhr gemeinsam hat

Ein Samstag wie jeder andere ist das, seufzt Herr Christian, kommt hinter seinem Ofen hervor und blickt über den Strom an Menschen, der an ihm vorüberzieht. "Nichts ist los, aber es fehlt auch jedes weihnachtliche Flair." Der Maronibrater deutet auf einen Weihnachtsmann im orangen Gewandl. "Mehr davon gibt's nicht - und der dort sieht aus wie von der MA 48." Mit der Müllabfuhr habe er nichts zu tun, verteidigt sich der grellfarbene Weihnachtsmann, er werbe halt für ein Einkaufscenter.

Die meisten Leute warten noch aufs Weihnachtsgeld, erklärt eine Modeverkäuferin in den Tiefen der Wiener Mariahilfer Straße den flauen Ansturm am ersten Advent-Einkaufssamstag. Eine Ecke weiter in einer Seitengasse findet sich in einigen Läden kein einziger Kunde. Ihre Inhaber nehmen es gelassen. "Das ist die Ruhe vor dem Sturm, der erste Samstag läuft nie gut."

Duell der Weihnachtsstudien

Ein bisserl fad sei es, aber kein Grund, um hysterisch zu werden, befindet Frau Gerda, die Ledertaschen aus Wiener Handarbeit verkauft. Mit dem Billigzeug aus China, das zu Weihnachten gerne verschenkt werde, könne sie ohnehin nicht dienen. Sie vertraue auf ihre Stammkunden. Im Übrigen seien die Jahre ihres gut 130 Jahre alten Geschäfts gezählt. "Wenn der Chef in Pension geht, sperren wir zu."

1,6 Milliarden Euro haben sich die Österreicher Weihnachten im Vorjahr kosten lassen. Ob es heuer mehr oder weniger wird, darüber spekulieren Marktforscher seit Wochen. Die Prognosen schwanken zwischen plus drei und minus sieben Prozent. Ungebremste Lust am Konsum ist der einen Studie zu entnehmen, vom Druck zu Sparen und von Angst vor Wohlstandsverlust spricht die andere. Unternehmer trommeln nach außen hin Optimismus. In vielen Geschäften jedoch dominiert die Ernüchterung.

"Krisengerede belastet"

Das ununterbrochene Krisengerede belaste halt, meint Stephan Mayer-Heinisch, während er eine abendliche Runde durch die Wiener Einkaufsstraßen zieht. Nicht zu sprechen von einkaufsfeindlicher Witterung. Falle bis zum achten Dezember kein Schnee, werfen viele Händler die Nerven weg und ziehen mit massiven Rabatten die Reißleinen, befürchtet der Präsident des Handelsverbands. "Bisher verlorenes Geschäft aufzuholen ist wahnsinnig schwierig." Bereits jetzt reagierten etliche Ketten mit verfrühter Aktionitis. Zudem fehle es an zugkräftigen Innovationen, fügt er hinzu. Und wer kaufe sich schon den dritten Flachbildfernseher und das vierte Handy.

Zeiten, in denen Weihnachten existenziell für den Handel war, sind vorbei. Das Fest liefert lediglich drei Prozent des jährlichen Einzelhandelsumsatzes. Kleinreden lassen sich die Betriebe den Advent dennoch nicht, denn gerade für Spielzeug, Bücher, Kosmetik und Schmuck wiege er schwer.

Heidemarie Heinz bringen die Monate Oktober bis Dezember die Hälfte ihres Jahresumsatzes. Zehn Spielzeuggeschäfte führt die Chefin des gleichnamigen Familienunternehmens. "Bei den Kindern wird als Letztes gespart." Kaufzurückhaltung spüre sie daher bisher keine. Dass ihr große vielfach branchenfremde Händler Konkurrenz machen, sieht sie entspannt. Anders als diese könne sie Auskunft über Qualität und Herkunft ihrer Waren geben. Giftiges Plastik komme ihr nicht in die Regale.

Auch Alfred Römer hält Optimisten die Stange. Konsumenten hätten genug von Gruselmeldungen und Schwarzmalerei, glaubt der Juwelier. Natürlich seien viele heuer vorsichtig. Aber letztlich wollten sie etwas Bleibendes, etwas, das nicht an Wert verliere. Frauen, weiß er, warteten zudem nicht mehr nur darauf, bis man sie mit Schmuck beschenke, sondern ergriffen lieber selbst die Initiative - oder teilten ihre Vorliebe Verkäufern mit, die dann Männer glauben ließen, selbst den Geschmack ihrer Frau zu treffen. "Es ist ein altes Spiel, aber ein sehr liebes."

Maximal fünf Prozent der Präsente werden im Web besorgt, im Buchhandel steigt der Internetanteil auf bis zu ein Viertel. Für den Erfolg des Geschenks ist das einerlei: Frühere Ebay-Umfragen sprechen von bis zu 80 Millionen Euro, die sich die Österreicher Fehlgriffe kosten lassen. Die Hälfte der Beschenkten wüsste mit den Präsenten nämlich wenig anzufangen.

Ziegelsteine unterm Baum

In der Masse der traditionellen Gaben gehen sie unter, beliebt seien sie in Österreich dennoch, sagt Henrike Brandstätter von der Caritas und erzählt von den Nähmaschinen, von Saatgut und Ziegeln, die unter den Weihnachtsbaum kommen, zumindest symbolisch.

Der Renner sei heuer der Esel. Bis Ende Dezember werden einige tausend bestellt. Hart gefolgt von den Ziegen: Manch Unternehmer orderte sie für seine gesamten Mitarbeiter. Das Füttern und die Pflege übernehmen Frauen in Äthiopien und Burundi: Die gespendeten Tiere helfen ihnen beim Aufbau ihres Lebensunterhalts. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2011)

  • Der Handel hofft weiter auf Schnee als Konsumkick, die Österreicher lassen 
sich mit ihren Weihnachtseinkäufen Zeit. Es geht um mehr als 1,6 Milliarden 
Euro.
    foto: christian fischer

    Der Handel hofft weiter auf Schnee als Konsumkick, die Österreicher lassen sich mit ihren Weihnachtseinkäufen Zeit. Es geht um mehr als 1,6 Milliarden Euro.

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