"Einzahlen auf ein soziales Konto"

Interview27. November 2011, 17:40
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Schenken sorgt für soziales Wohlwollen, sagt Manuel Hartmann. Über Schuldgefühle, erkaufte Bindungen und finanzielle Vernichtung

STANDARD: Was ist so toll an selbstgestrickten Socken als Geschenk?

Manuel Hartmann: Die individuellen Muster, die Zeit, die man darin investiert hat. Es sei denn, man verwendet eine Strickmaschine.

STANDARD: Warum muss man sich eigentlich etwas schenken?

Hartmann: Wir haben gesellschaftliche Events und Riten. Hier geht es weniger darum, was geschenkt, sondern, dass geschenkt wird. Wir betonen soziales Wohlwollen.

STANDARD: Studien zeigen, dass Beschenkten ihre Geschenke viel weniger wert sind, als sie kosteten. Da werden Millionen Euro verpulvert.

Hartmann: Das sehe ich nicht so. Es ist weniger ökonomisch als strategisch gedacht. Man zahlt ja auf ein soziales Konto ein und könnte irgendwann etwas zurückerwarten.

STANDARD: Da schwingt viel Eigeninteresse mit. Es heißt, wer binden will, der schenkt. Zu Recht?

Hartmann: Wer das anspricht, öffnet die Büchse der Pandora. Das Schenken hat viele Gesichter und Motivationen. Wichtig ist etwa für den Schenker, die Freude des Beschenkten zu konsumieren. Er sättigt sich an den emotionalen Reaktionen, will daher beim Öffnen dabei sein, anders etwa als in Japan. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

STANDARD: Gar eine soziale Lüge?

Hartmann: Es kann eine unausgesprochene Schuld mitschwingen, von der man sich nur durch Gegengeschenke befreit. Wer wem etwas Schlechtes tun will, kann massiv überteuert beschenken.

STANDARD: Es soll in Kanada Völker gegeben haben, die sich mit überzogenen Geschenken ruinierten.

Hartmann: Die Potlach-Zeremonie, Kanada verbot sie einst. Häuptlinge vernichteten vor anderen Stämmen ihr Hab und Gut. Diese wiederum mussten die Zeremonie erwidern und übertreffen. Umgelegt auf heute hieße es, ein großes Fest zu schmeißen, das man sich nicht leisten kann. Potlach fruchtet aber mittlerweile nicht mehr, da ginge nur einer in Konkurs.

STANDARD: Manch Soziologe sieht nach wie vor Machtkämpfe.

Hartmann: Da gibt es die Geschichte einer jungen Beziehung. Ein Vater schenkte der Freundin seines Sohnes ein Erbstück, einen Ring, den sie annehmen musste. Quasi ein Gewaltakt, um die Bindung zu besiegeln. Dann kam es zur Trennung, und er forderte ihn zurück.

STANDARD: Was sagt ein Geschenk über seinen Geber?

Hartmann: Es ist seine Visitkarte, es spiegelt ihn wider. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2011)

Manuel Hartmann (30) studierte experimentelle Gestaltung an der Kunst-Uni Linz, befasst sich mit Geschenkinszenierungen und schrieb 2010 ein kostenloses Buch darüber.

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    Geschenke kommen offenbar auch bei den Pandas gut an...

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