Landwirte jenseits von "Bauer sucht Frau"

27. November 2011, 17:41
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"Keine verschrobenen Hinterwäldler" - Studie über die Situation der bäuerlichen Jugend räumt mit Vorurteilen auf

Wien - Es gibt Klischees, die so verfestigt sind, dass sie sogar der zuständige Minister glaubt. "Bauer sucht Frau" ist so eines. "Was mich am meisten überrascht hat, als ich diese Studie gesehen habe? Wahrscheinlich, dass mehr als die Hälfte der jungen Bauern, die einen Hof übernehmen, verheiratet sind und weitere 20 Prozent in einer lange dauernden fixen Beziehung sind", sagt Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich.

Er hat die Jugendstudie bei der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft in Auftrag gegeben, um ein aktuelles Bild von der Situation der Jungbauern und Jungbäuerinnen zu bekommen: "Mir geht es darum, dass man den Betrieben Zukunft gibt - immerhin werden jedes Jahr im Schnitt 1400 bäuerliche Betriebe übernommen", erläutert der Minister im Standard-Gespräch. 35 Prozent der jungen Bauern sind weiblich - damit liegt die bäuerliche Jugend unter dem Durchschnitt, denn österreichweit werden vier von zehn Höfen von Frauen geführt.

"Keine verschrobenen Hinterwäldler"

Die von Erika Quendler bei 1000 jungen Bauern durchgeführte Studie zeigt eine hohe Motivation jener, die den Hof übernommen haben oder kurz davor stehen - "93 Prozent der Befragten treten ihr Erbe mit Begeisterung an", sagt Quendler, ein Fünftel gibt an, den Betrieb ausweiten zu wollen. 83 Prozent sagen, sie wollten "neue Wege gehen", wozu vor allem die Forcierung von Qualitätsproduktion gehört. 61 Prozent planen die Produktion erneuerbarer Energie, und 81 Prozent denken an nachwachsende Agrarrohstoffe.

Und noch ein Klischee muss man vergessen - das vom ungebildeten Bauerntölpel. Der Bildungsstand ist deutlich gestiegen und steigt weiter, belegt die Studie. "Zehn Prozent der Jungbauern sind Akademiker, weitere 20 Prozent haben Matura, 40 Prozent eine Facharbeiterausbildung", referiert Berlakovich das Ergebnis der Studie: "Junglandwirte sind keine verschrobenen Hinterwäldler - von denen, die sich in den nächsten Jahren auf die Übernahme des Hofes vorbereiten, hat die Hälfte mindestens Matura."

Stark mit Politik verbunden

Anders als andere junge Erwachsene sind junge Landwirte stark mit der Politik verbunden, jeder zweite Befragte gab an, sich da auch aktiv einbringen zu wollen. Berlakovich bestätigt diesen Befund aus Erfahrungen, die er bei einer Tour zu Jungbauerntreffen in den Bundesländern gemacht hat: "Die jungen Leute sind bereit, Verantwortung zu übernehmen - das tun sie ja sowieso im Betrieb."

Und landwirtschaftliche Betriebe sind nun einmal besonders stark von der Politik abhängig: Ob es weiterhin Jungübernehmerförderung gibt; ob Schweinehaltung bei Verbot der "Ferkelschutzkörbe" (in denen der Muttersau die Bewegungsfreiheit genommen wird) überhaupt noch ökonomisch sinnvoll ist; ob das gesellschaftliche Klima für die Bauern günstig ist - all das seien ja politische Fragen. Auch wenn sie vom Großteil der Bevölkerung nicht einmal wahrgenommen werden.

Die Agrarstatistik zeigt, dass im Verlauf der vergangenen zehn Jahre die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe von 200.000 auf 175.700 zurückgegangen ist - und Tag für Tag gibt ein weiteres Dutzend Bauern den Hof auf. Berlakovich räumt ein, "dass es einen gewissen Strukturwandel gibt, den wird es immer geben". Andererseits zeige die Studie unter Jungbauern, dass 92 Prozent der Übernehmer den Betrieb wieder übernehmen würden, wenn sie sich noch einmal entscheiden müssten. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 28. 11. 2011)

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    Bäuerliches Leben 2011: Sexy Selbstinszenierung im Jungbauernkalender gehört ebenso dazu wie höhere Bildung - die Hälfte der angehenden Hofübernehmer hat mindestens Matura, zehn Prozent der Jungbauern sind Akademiker

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