"Ungarn wird das nicht lange durchhalten können"

25. November 2011, 19:35
1 Posting

Das Land gerät an den Märkten stärker unter Druck. Analysten erwarten eine schnelle Flucht unter den Schirm des Währungsfonds

 

Wien/Budapest - Für Investoren war es ein Grund für Panik, für das Budapester Wirtschaftsministerium der "jüngste Beleg für Attacken der Finanzmärkte gegen Ungarn": Die Herabstufung der Bonität Ungarns durch die Ratingagentur Moody's in der Nacht auf Freitag hat heftige Wellen geschlagen.

Denn durch die Herabstufung (von "Baa3" auf "Ba1") ist Ungarn zumindest bei Moody's aus der Kategorie "Investmentstatus" herausgeflogen. Die Staatsanleihen des Landes gelten nun als hochspekulativ.

Solange Standard & Poor's und Fitch Ungarn nicht ebenso auf Ramsch abstufen, halten sich die Folgen für Budapest theoretisch in Grenzen: Denn institutionelle Anleger wie Pensionsfonds können Anleihen eines Landes meistens weiter kaufen, solange die Papiere noch bei zwei Ratingagenturen über Ramschniveau liegen. Das Problem für Ungarn und Premierminister Viktor Orbán ist freilich, dass Fitch und S&P bereits ein Downgrade angekündigt haben.

Viele Investoren scheinen darauf aber gar nicht warten zu wollen. Der Forint und ungarische Staatsanleihen gerieten am Freitag unter starken Verkaufsdruck. Ein Euro kostete 317,40 Forint, der Tiefstand der ungarischen Währung lag bei 317,90. Die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen stiegen um ein Prozentpunkt auf rund 9,5 Prozent an. Auch wenn sich der Forint im Handelsverlauf etwas erholte, herrschte bei Bankexperten und Ökonomen in Budapest Katerstimmung.

Forint wird verkauft

"Dieses Zinsniveau wird Ungarn nicht lange durchhalten können", meint der Budapester Analyst Gergely Suppan. Für viele kam das Downgrade überraschend. Ungarn hat vergangene Woche angekündigt, eine neue Kreditvereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission schließen zu wollen. Das sollte der Regierung Zeit verschaffen.

Die Herabstufung und das steigende Zinsniveau bei Staatsanleihen, könnte den Fahrplan für das Abkommen beschleunigen. "Der Spielraum für die Orbán-Regierung wird kleiner. Ohne die Herabstufung hätte sie bei den Verhandlungen mit EU und IWF flexibler sein können. Jetzt braucht Budapest dringend ein Abkommen", meint Sandor Richter vom Wiener Osteuropainstitut WIIW.

Moody's argumentiert das Downgrade mit dem schwindenden Vertrauen der Investoren in Ungarn und mit dem schlechter werdenden Konjunkturumfeld. Belastend kommt die hohen Verschuldung (80 Prozent der Wirtschaftsleistung) hinzu.

Allerdings sind die Fundamentaldaten nicht schlecht. Ungarn wird 2011 einen Budgetüberschuss einfahren, 2012 soll das Defizit unter drei Prozent liegen.

Die Leistungsbilanz des Landes ist ebenso positiv, Ungarn exportiert also mehr Waren und Dienstleistungen als es einführt. Warum dann der Junkstatus? "Das Problem ist, dass die Maßnahmen der Budapester Regierung allesamt nur kurzfristige Effekte haben", meint Richter. So erwirtschaftet Ungarn 2011 wegen der strittigen Verstaatlichung der Pensionskassen ein Budgetüberschuss. 2012 spülen die Sondersteuern für Telekom- und Energiesektor nochmal Millionen in die Staatskasse. Diese Abgaben laufen im kommenden Jahr aber aus und für 2013 prognostiziert die EU-Kommission wieder ein saftiges Budgetdefizit von 3,7 Prozent. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wohin geht die Reise? Ungarns Premier Orbán hat eine Kooperation mit dem IWF lange abgelehnt, nun bleibt keine Alternative.

Share if you care.