"Grundsätzlich bereit zu töten"

Interview

In den 1990er-Jahren arbeitete sie mit Gottfried Küssel zusammen, 2005 stieg Beate Huber aus der Neonaziszene aus

Tobias Müller sprach mit ihr über ihre Erfahrungen, den deutschen Staatsschutz und die FPÖ.

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STANDARD: Sie waren bis 2005 in der Neonazi-Szene aktiv. War dort bekannt, was das Zwickauer Trio getan hat?

Huber: Ich kann mir das gut vorstellen. Nicht dass es alle wussten, aber manche. Sie werden das nicht an die große Glocke gehängt haben, aber solche Zellen stehen ja nicht völlig alleine da, die brauchen Infos und Waffen. Und wenn man in dieser Szene, ist man grundsätzlich bereit, zu töten.

STANDARD: Wie sind Sie ein Neonazi geworden?

Huber: Ich war geprägt durch meinen Großvater, einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten, und bin in einem politischen Haushalt aufgewachsen, der sehr rechts war. Mit 14 bin ich dann in die Szene gekommen.

STANDARD: Hat man danach noch Kontakte nach außen?
Huber: Nein. Da geht es ja auch um illegale Geschäfte, Waffenschiebereien, Kontakte ins Rotlichtmilieu - wenn man diese ganzen Verstrickungen kennt und Mitwisser ist, muss man sich keinen Kopf machen, wie man da je wieder raus kommt. Das ist wie Mafiastrukturen.

STANDARD: Sie haben fünf Kinder, die in der Szene aufgewachsen sind. Wie funktioniert das?

Huber: Die Szene ist wie eine große Familie, eine Parallelwelt. Die Kinder müssen zwar zur Schule gehen, ansonsten versucht man aber, sie von anderen Menschen fernzuhalten. Sie werden in Lager geschickt, damit sie dort ihre politische Gesinnung bekommen, und werden dazu erzogen, alles geheimzuhalten, was sie dort erleben. Wenn man als Gruppe ein so großes Geheimnis hat, schweißt das auch zusammen. Das macht letztendlich auch die Kampfgemeinschaft aus, zu der sie später werden sollen.

STANDARD: Sie sind 2005 ausgestiegen. Was hat sie dazu bewogen?

Huber: Erstens die Kinder, die da raus wollten; Die illegalen Geschäfte: Ich wollte nicht im Knast landen. Dann die staatliche Verfolgung, aber auch die häusliche Gewalt, die Unterdrückung, der man als Frau dort ausgesetzt ist.

STANDARD: Wenn Sie von staatlicher Verfolgung sprechen: Wie genau beobachtet der Verfassungsschutz die Neonazis?

Huber: Mich hat mehr die Polizei unter Druck gesetzt, die fast täglichen Hausdurchsuchungen, die ständigen Autokontrollen. Die Überwachung durch den Verfassungsschutz ist aber sicher stärker geworden in den vergangenen Jahren, mit den elendigen V-Männern, die uns jetzt daran hindern, ein NPD-Verbot durchzuboxen.

STANDARD: Hatten Sie umgekehrt Kontakte zur Polizei?

Huber: Als mein Ausstieg losging, hatte ich viel mit der Polizei zu tun, mit diversen Landeskriminalämtern. Da bin ich auf Polizisten gestoßen, die gefragt haben, warum ich da überhaupt aussteige, so schlimm sei das doch gar nicht. Da habe ich dann die Krise gekriegt und mich gefragt, wo ich da gelandet bin. Die sollten mir eigentlich helfen.

STANDARD: Sie sind für ein NPD-Verbot. Warum?

Huber: Die NPD ist keine demokratische Partei im klassischen Sinn. Sie bekommt Staatsgelder, die sie einsetzt, um die staatlichen, demokratischen Strukturen zunichte zu machen. Das sind beachtliche Summen, die da in die Szene laufen über diesen Parteiarm.

STANDARD: Wieviel Einfluss haben klassische Neonazis auf die NPD?

Huber: Einen ganz großen, das macht die NPD ja aus. Dass nicht alle Hardliner-Nazis aus den verbotenen Organisationen in die NPD eintreten, ist Absicht: Das wurde ganz bewusst aufgeteilt, nur ein Teil geht in die Partei, andere in kleine Grüppchen rundherum. Das wird bewusst aufgeteilt, um nicht gleich greifbar zu sein.

STANDARD: In Österreich werden der FPÖ immer wieder Kontakte zur Neonazi-Szene vorgeworfen. Spielt sie in der deutschen Szene eine Rolle?

Huber: Auch deutsche Neonazis haben Kontakte zur FPÖ und die FPÖ ist ein wichtiges Bindeglied in diesem Gesamtnetzwerk. Man kennt sich, man nimmt sich wahr, man tauscht sich aus. Genauso wie mit der NPD oder dem holländischen Vlaams Belang, das ist alles ein großes Netzwerk. Egal, ob die sich demokratisch einhüllen oder radikal auftreten, sie agieren letztendlich alle zusammen. Da gehört auch der Küssel als Baustein mit dazu.

STANDARD: Können Sie die Kontakte zur FPÖ näher beschreiben?

Huber: Das läuft etwa über Leute aus der ehemaligen FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei, 1995 verboten, Anm.) und die waren vielfach auch Mitglieder der HNG (Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene, 2011 verboten, Anm). Die HNG wurde in Deutschland sehr unterschätzt und völlig übersehen. Das war nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern ein internationales Sammelbecken der Nazi-Prominenz. Da haben sich alle Nazis getroffen, aus sämtlichen Gruppierungen, die es nur gibt. Da ist auch der Küssel vielfach aufgetreten, auch österreichische Kameraden sind zur Jahreshauptversammlung gekommen. Da wurde sich ausgetauscht und vernetzt. Aus diesem Sammelbecken der HNG gibt es auch Kontakte zur FPÖ. Die gab es nicht nur, die gibt es auch. Das gibt es grundsätzlich nicht in der rechten Szene, dass man einmal Kontakte hatte und die werden dann gekappt. Wenn man einmal Kontakte hatte, hat man die immer.

STANDARD: Wie eng ist die deutsche Szene generell mit der österreichischen verbunden?

Huber: Ich hatte in den 1980er und 1990er Jahren viel zu tun mit Gottfried Küssel. Die Szenen sind sehr eng miteinander verbunden, genauso wie die aller benachbarten Länder. Die Zusammenarbeit und die Netzwerke sind in den vergangenen Jahren noch besser geworden, enger zusammen gewachsen. (Langfassung des in DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2011, erschienenen Interviews)

Beate Huber (40, Name geändert) war 20 Jahre lang in diversen illegalen Neonazi-Verbänden aktiv, unter anderem in der 2011 verbotenen HGM, der Wiking-Jugend und der Artgemeinschaft. In den 1990er Jahren arbeitete sie mit Gottfried Küssel zusammen, 2005 stieg sie mit Hilfe des Vereins Exit aus.

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