"Grundsätzlich bereit zu töten"

Interview
25. November 2011, 19:23

In den 1990er-Jahren arbeitete sie mit Gottfried Küssel zusammen, 2005 stieg Beate Huber aus der Neonaziszene aus

Tobias Müller sprach mit ihr über ihre Erfahrungen, den deutschen Staatsschutz und die FPÖ.

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STANDARD: Sie waren bis 2005 in der Neonazi-Szene aktiv. War dort bekannt, was das Zwickauer Trio getan hat?

Huber: Ich kann mir das gut vorstellen. Nicht dass es alle wussten, aber manche. Sie werden das nicht an die große Glocke gehängt haben, aber solche Zellen stehen ja nicht völlig alleine da, die brauchen Infos und Waffen. Und wenn man in dieser Szene, ist man grundsätzlich bereit, zu töten.

STANDARD: Wie sind Sie ein Neonazi geworden?

Huber: Ich war geprägt durch meinen Großvater, einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten, und bin in einem politischen Haushalt aufgewachsen, der sehr rechts war. Mit 14 bin ich dann in die Szene gekommen.

STANDARD: Hat man danach noch Kontakte nach außen?
Huber: Nein. Da geht es ja auch um illegale Geschäfte, Waffenschiebereien, Kontakte ins Rotlichtmilieu - wenn man diese ganzen Verstrickungen kennt und Mitwisser ist, muss man sich keinen Kopf machen, wie man da je wieder raus kommt. Das ist wie Mafiastrukturen.

STANDARD: Sie haben fünf Kinder, die in der Szene aufgewachsen sind. Wie funktioniert das?

Huber: Die Szene ist wie eine große Familie, eine Parallelwelt. Die Kinder müssen zwar zur Schule gehen, ansonsten versucht man aber, sie von anderen Menschen fernzuhalten. Sie werden in Lager geschickt, damit sie dort ihre politische Gesinnung bekommen, und werden dazu erzogen, alles geheimzuhalten, was sie dort erleben. Wenn man als Gruppe ein so großes Geheimnis hat, schweißt das auch zusammen. Das macht letztendlich auch die Kampfgemeinschaft aus, zu der sie später werden sollen.

STANDARD: Sie sind 2005 ausgestiegen. Was hat sie dazu bewogen?

Huber: Erstens die Kinder, die da raus wollten; Die illegalen Geschäfte: Ich wollte nicht im Knast landen. Dann die staatliche Verfolgung, aber auch die häusliche Gewalt, die Unterdrückung, der man als Frau dort ausgesetzt ist.

STANDARD: Wenn Sie von staatlicher Verfolgung sprechen: Wie genau beobachtet der Verfassungsschutz die Neonazis?

Huber: Mich hat mehr die Polizei unter Druck gesetzt, die fast täglichen Hausdurchsuchungen, die ständigen Autokontrollen. Die Überwachung durch den Verfassungsschutz ist aber sicher stärker geworden in den vergangenen Jahren, mit den elendigen V-Männern, die uns jetzt daran hindern, ein NPD-Verbot durchzuboxen.

STANDARD: Hatten Sie umgekehrt Kontakte zur Polizei?

Huber: Als mein Ausstieg losging, hatte ich viel mit der Polizei zu tun, mit diversen Landeskriminalämtern. Da bin ich auf Polizisten gestoßen, die gefragt haben, warum ich da überhaupt aussteige, so schlimm sei das doch gar nicht. Da habe ich dann die Krise gekriegt und mich gefragt, wo ich da gelandet bin. Die sollten mir eigentlich helfen.

STANDARD: Sie sind für ein NPD-Verbot. Warum?

Huber: Die NPD ist keine demokratische Partei im klassischen Sinn. Sie bekommt Staatsgelder, die sie einsetzt, um die staatlichen, demokratischen Strukturen zunichte zu machen. Das sind beachtliche Summen, die da in die Szene laufen über diesen Parteiarm.

STANDARD: Wieviel Einfluss haben klassische Neonazis auf die NPD?

Huber: Einen ganz großen, das macht die NPD ja aus. Dass nicht alle Hardliner-Nazis aus den verbotenen Organisationen in die NPD eintreten, ist Absicht: Das wurde ganz bewusst aufgeteilt, nur ein Teil geht in die Partei, andere in kleine Grüppchen rundherum. Das wird bewusst aufgeteilt, um nicht gleich greifbar zu sein.

STANDARD: In Österreich werden der FPÖ immer wieder Kontakte zur Neonazi-Szene vorgeworfen. Spielt sie in der deutschen Szene eine Rolle?

Huber: Auch deutsche Neonazis haben Kontakte zur FPÖ und die FPÖ ist ein wichtiges Bindeglied in diesem Gesamtnetzwerk. Man kennt sich, man nimmt sich wahr, man tauscht sich aus. Genauso wie mit der NPD oder dem holländischen Vlaams Belang, das ist alles ein großes Netzwerk. Egal, ob die sich demokratisch einhüllen oder radikal auftreten, sie agieren letztendlich alle zusammen. Da gehört auch der Küssel als Baustein mit dazu.

STANDARD: Können Sie die Kontakte zur FPÖ näher beschreiben?

Huber: Das läuft etwa über Leute aus der ehemaligen FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei, 1995 verboten, Anm.) und die waren vielfach auch Mitglieder der HNG (Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene, 2011 verboten, Anm). Die HNG wurde in Deutschland sehr unterschätzt und völlig übersehen. Das war nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern ein internationales Sammelbecken der Nazi-Prominenz. Da haben sich alle Nazis getroffen, aus sämtlichen Gruppierungen, die es nur gibt. Da ist auch der Küssel vielfach aufgetreten, auch österreichische Kameraden sind zur Jahreshauptversammlung gekommen. Da wurde sich ausgetauscht und vernetzt. Aus diesem Sammelbecken der HNG gibt es auch Kontakte zur FPÖ. Die gab es nicht nur, die gibt es auch. Das gibt es grundsätzlich nicht in der rechten Szene, dass man einmal Kontakte hatte und die werden dann gekappt. Wenn man einmal Kontakte hatte, hat man die immer.

STANDARD: Wie eng ist die deutsche Szene generell mit der österreichischen verbunden?

Huber: Ich hatte in den 1980er und 1990er Jahren viel zu tun mit Gottfried Küssel. Die Szenen sind sehr eng miteinander verbunden, genauso wie die aller benachbarten Länder. Die Zusammenarbeit und die Netzwerke sind in den vergangenen Jahren noch besser geworden, enger zusammen gewachsen. (Langfassung des in DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2011, erschienenen Interviews)

Beate Huber (40, Name geändert) war 20 Jahre lang in diversen illegalen Neonazi-Verbänden aktiv, unter anderem in der 2011 verbotenen HGM, der Wiking-Jugend und der Artgemeinschaft. In den 1990er Jahren arbeitete sie mit Gottfried Küssel zusammen, 2005 stieg sie mit Hilfe des Vereins Exit aus.

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wovor soll ich mich mehr ekeln?

vor mitgliedern in der neonazi szene?
oder vor fpö wählern?

erstere haben wenigstens den 'bonus', dass sie 1) kaum bis gar nicht mehr aus der szene rauskönnen und dadurch 2) zwangsweise braune soße in ihrem schädelknochen ansammeln.

die fpö-wähler hingegen können raus.
sie sind nicht in einem ghetto gefangen und haben manchmal sogar kontakt zur aussenwelt.
sie sind zwar das unterste segment der gesellschaft, doch solange sie fpö-fans sind, bleiben sie auch dort!

es ist klar für mich:
vor der nicht durch äussere umstände erzwungenen absolut hirnfreien zone des fpö-wählers ekelt mich noch mehr als vor neonazis.

sie irren,

gegeben der tatsachen - spö kanzler ohne visionen, gekauftem boulevard, spö firmen bevorzugt, freunderlwirtschaft, wählerkauf, steuererhöhungswünsche - gibt es für viele denkende menschen KEIN zurück!

"Für viele denkende Menschen gibt es kein Zurück".... ha, ha, ha, ein Scherz, dass einem die Tränen kommen.

Wie beim Tod: auch da gibt es kein Zurück.
Nazis, Taliban, Gotteskrieger - alle lieben ja den Tod, wie sie immer sagen.
Wenn es nur der eigene Tod wäre!!

Ein Beweggrund fehlt

STANDARD: Sie sind 2005 ausgestiegen. Was hat sie dazu bewogen?

Huber: Erstens die Kinder, die da raus wollten; Die illegalen Geschäfte: Ich wollte nicht im Knast landen. Dann die staatliche Verfolgung, aber auch die häusliche Gewalt, die Unterdrückung, der man als Frau dort ausgesetzt ist.

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Habe ich das also richtig verstanden: die Kinder, die Angst vor dem Knast und der Polizei, sowie die Gewalt in der Gruppe hat sie dazu gebracht? Nicht etwa vielleicht der Irrsinn dieser Ideologie? Das Erkennen ihrer Dummheit?

Ich fürchte, dass die Ideologie eher faszinierend auf solche Menschen wirkt

sie treten ja auch deswegen bei (und wegen der Peer-groups). Die Faszination des Bösen. Eine Handlungsanleitung zu haben, die den Anspruch erhebt die absolute Wahrheit zu sein. Hautfarbe und Herkunft, zwei Dinge die einem niemand nehmen kann (und wenn man noch so ein Loser ist...) - und das es einem ermöglicht auf andere hinunterzusehen.

Ich glaube nicht, dass man von Leuten, die jahrelang überzeugte Na*is waren verlangen kann, reflektiert zu denken und den Irrsinn zu erkennen - da helfen eben nur "reale" Maßnahmen, wie Strafverfolgung und soziale Ächtung.

Wie bei den Rauchern, die ehemaligen sind die Schlimmsten ;)

Nein im Ernst - die Dame schildert halt ihre Sicht, man kann nicht von ihr verlangen, das Gesamtbild zu sehen.

Eine von V-Leuten durchsetzte NPD ist wesentlich leichter zu überwachen als kleine, autonome Terrorzellen (wie man am Bsp. NSU ja sieht). Wieso verbieten und ausheben - dann verteilen sich die Fanatiker. Man sollte auch Moscheen mit Hasspredigern infiltrieren und sie nicht unbedingt auflösen - da hat man die Gefährlichen beieinander und unter Beobachtung. Problematisch sehe ich allerdings das Thema Agent Provcateur - wenn V-Leute zu Verbrechen anstiften und Delikte anzetteln um Budgetmittel der Strafverfolgungsbehörden zu rechtfertigen (was angeblich auch schon vorkam), dann wirds unappetitlich.

Noch problematischer:
V-Leute, die von Sympathisanten und Mitgliedern nicht mehr zu unterscheiden sind, finanzielle Belohnungen für diese V-Leute, die an die Nazipartei weitergereicht werden.

bitte weiterhelfen...

ich habe vor mir die printausgabe 26/27.Nov und suche vergebens nach einer "Langvassung". dort steht am ende des artikels: "Langvassung: derstandard.at/rechtsterror"
dort wiederum sehe ich den selben artikel wie hier....
i don't get it.

das ist die langfassung....

Langfassung des in DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2011, erschienenen Interviews.

Ist ja eigentlich nicht schwer zu verstehen...

"Da bin ich auf Polizisten gestoßen, die gefragt haben, warum ich da überhaupt aussteige, so schlimm sei das doch gar nicht ..."

Und wiedermal stellt sich die Frage wer denn eigentlich die Organisatoren und treibenden Kräfte hinter der Naziisierung Europas sind bzw ob eine solche Naziisierung ansonsten auch nur den Hauch einer Chance hätte!??

so viel zur immer wieder aufgewärmten gleichsetzung von rechts- und linksextremismus...

"Demokratisch einhüllen"

Eine exakte Beschreibung der FPÖ in zwei Worten.

Ich habe großen Respekt vor der Frau! Super, dass sie das durchgezogen hat, solche Menschen, die diese andere "Mafiaseite" kennen sind für die Gesellschaft extrem wichtig und können ernsthaft an einer Meinungsumbildung mitwirken.
Ich weiß von einigen ehemaligen Schulkollegen, die in diese Kreise kamen (oder sie auch suchten), wie schwer es einem gemacht wird da wieder raus zu kommen.
Bravo, und: Antifaschismus ist nicht nur von historischer Relvanz!

Ich weis nicht wie es euch geht, aber ich merke diese Rechtsgesinnung der Österreicher jeden Tag in der Gesellschaft. Da wird über Ausländer geschimpft, Witze gemacht, etc. und jeder lacht und traut sich nichts sagen. Der "Seelige" ist allgegenwärtig, und es wird hinter vorgehaltener Hand gesagt: Recht habens, die Wehren sich halt gegen dieses Fremde. Dieses Thema ist in Österreich nie aufgearbeitet worden, da sind uns die Deutschen einen Schritt voraus.

bin sprachlos

<Die NPD bekommt Staatsgelder, die sie einsetzt, um die staatlichen, demokratischen Strukturen zunichte zu machen>
.. und bitte wieso wird die npd nicht sofort verboten? was gibt es da noch zu diskutieren?

kann man alles googeln und nachlesen. kurzfassung: es gab einen versuch die npd zu verbieten und das verfahren wurde eingestellt, weil zu viele v-männer der polizei in der partei waren und nicht mehr bewiesen werden konnte, wieviel wiederbetätigung durch die v-männer provoziert wurde und was der npd zuzuordnen ist.

Die FPÖ kriegt ja auch Geld von dem Staat, den sie unterwandert.

Völlig übertrieben dieses Interview!

Viele glauben ja schon, morgen müssten blau-uniformierte SA Schlägertrupps aufmarschieren!

wer 10 tote als das ergebnis einer aktiven neonazi-szene als harmlos empfindet ist:

O betrunken/bekifft
O dumm
O selbst ein nazi

zutreffendes bitte ankreuzen, auch mehrfachantworten sind möglich!

Nicht die MORDE sind harmlos oder übertrieben, sondern genanntes Interview! Wie kann man so einer Person vertrauen? Angeblich in den höchsten Zirkeln des Nazinetzwerkes und dann sowas?! Nach V-Männern kommen jetz die V-Frauen?? Alles unglaubwürdig!

übertrieben? es geht ja nicht nur um den harten kern der rechtsterroristen oder rechtsextremisten, es geht um die unterwanderung von justiz und polizei, um die burschenschaften, deren vertreter dann eben richter werden oder div. führungspositionen einnehmen.
übertrieben? reichen ihnen die 10 toten noch nicht?
UND die täglich praktizierte handfeste ausländerdiskriminierung...

Kein rotes Stricherl, da berechtigter Einwand! Meine Kritik richtete sich gegen das Interview und die Glaubwürdigkeit der weiblichen Person die darin vorkam!
Das ein gewisses Netzwerk existiert möchte ich nicht bestreiten, aber jetz irgendwie eine Unterwanderung von Justiz/Polizei und eine Mitschuld an den Morden herbeizureden halte ich für absurd!

die beiden großparteien ÖVP/SPÖ gleichen sich immer mehr an und links und rechts bleibt damit viel platz für extremismus

naja. zusammengerückt schon.

aber beide soweit rechts, dass da eigentlich kein platz mehr für viel bleiben sollte....
trotzdem ist bei uns natürlich der (tw staatlich subventionierte!) rechtsextremismus eine unendlich größere bedrohung als der -nicht vorhandene- linke.
und bemerkenswert ist, dass sich links von der (bereits weit rechts von der mitte) angesiedelten faymannpö gerade mal 10% liberale, grüne und ähnliches tummeln.

Also bei Angleichung müßte da eher mehr Platz für nicht extreme Parteien sein.
Das Problem ist eher das Menschen in der Krise (Persönlich oder Globa) halt anfällig sind für Rattenfänger.

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