Europa exportiert die Kreditklemme

25. November 2011, 19:19
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Analysten befüchten, dass die Forderung nach mehr Eigenkapital Europas Banken in ihrer Expansion in den Schwellenländern bremst

Wien/London - Unternehmen spüren weltweit die Auswirkungen der Krise im europäischen Finanzsystem, weil die Finanzierung durch die Geldhäuser in der Eurozone stockt. Einige Banken, zuletzt etwa die italienische UniCredit und die deutsche Commerzbank, verordnen sich Schrumpfungsprogramme, um die strengeren Kapitalvorschriften der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) zu erfüllen. Gespart werden soll gerade auch im Ausland.

Vor der Krise haben die Banken der Eurozone weltweit dramatisch expandiert. Gerade in den boomenden Schwellenländern finanzierten sie die Wirtschaftsexpansion mit Krediten. Laut Daten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich haben sich die grenzüberschreitenden Forderungen gegenüber Schwellenländern zwischen 2003 und 2007 verdreifacht, auf 1200 Milliarden US-Dollar. Knapp die Hälfte davon ist auf Kreditvergabe in Osteuropa zurückzuführen, ein Viertel auf Asien, der Rest in Lateinamerika und dem Nahen Osten. "Das bedeutet, dass viele Schwellenländer auch sehr abhängig von Banken in der Eurozone geworden sind," warnt Christian Keller, Ökonom bei Barclays Capital.

Das haben auch Regulatoren erkannt. Zehn der 29 globalen Systembanken, die vom Financial Stability Board als "systemrelevant" für das globale Finanzsystem eingeschätzt werden, kommen aus der Eurozone, alleine vier aus Frankreich. Sie gelten als groß und vernetzt genug, dass sie als weltweit "too big to fail" gelten, zu groß, um Pleite zu gehen.

Die Forderung der EBA, dass die europäischen Banken bis zum Sommer 2012 eine Kernkapitalquote von neun Prozent erfüllen, dürfte laut Analysten auch in einigen Schwellenländern einen "Credit Crunch" auslösen, eine Kreditklemme. Jens Nordvig, Stratege der japanischen Nomura, betont, dass "Banken in der Eurozone ihre grenzüberschreitenden Positionen angesichts der aktuellen Marktnervosität reduzieren werden müssen".

"Kreditwachstum auf null"

Der Druck zum Abbau von Bankaktiva ist jedenfalls gegeben. Da die Geldhäuser angesichts der Nervosität am Aktienmarkt kaum frisches Kapital bekommen können, rechnet etwa der Bankanalyst von Morgan Stanley, Huw van Steenis, dass sie mit einer Schrumpfung der Bilanzen um 1,5 bis 2,5 Billionen Euro die neuen EBA-Kriterien erfüllen können.

Wie viel davon im Ausland abgebaut wird, ist hingegen unsicher. Valentin Hofstätter, Analyst der Raiffeisen Bank International, rechnet damit, dass auch das Geschäft in Europa zurückgefahren werde, "das Bankkreditwachstum in Europa wird auf null sinken". Die Verknappung des Kreditangebots werde man aber "zweifellos auch außerhalb der Eurozone" spüren, so Hofstätter.

Viel Druck werde es in Osteuropa, wo Österreichs Banken stark engagiert sind, geben, sind sich die Experten einig. Doch auch in Asien und Lateinamerika sei die Bankenschrumpfung aus Europa zu spüren, so Nomura-Stratege Nordvig. Das erhöhe den Druck auf die Währungen von Staaten, die sich im Ausland verschuldet haben, auch, weil der globale Risikoappetit wegen der Eurokrise zurückgehe. Im vergangenen Monat hätten sich deswegen die Währungen Indiens, Ungarns oder der Türkei deutlich verbilligt.

Für einige schneller wachsende Volkswirtschaften sei aber der Rückzug europäischen Banken nicht problematisch, glaubt Hofstätter, "denn es gibt dort genug Ersatz zur Finanzierung". So berichtet das Wall Street Journal, US-Banken würden bereits in Asien Geschäfte der Europäer übernehmen. Doch Stuart Gulliver, Vorstandsvorsitzender der britischen Bank HSBC, warnte jüngst, dass ein Abzug von europäischen Banken auch den Wachstumsausblick der Boomregion Asien eintrüben könnte.

So sind französische Banken in einigen Bereichen wichtige Spieler, gerade in Asien. Sie machen zusammen mit spanischen Instituten knapp 40 Prozent der Handelsfinanzierung aus. In diesem Segment berichten Unternehmen bereits von höheren Finanzierungskosten von rund zwei Prozentpunkten in den vergangenen Wochen. In Korea wiederum haben ausländische Banken knapp zehn Prozent der kurzfristigen Finanzierung gekappt. (Lukas Sustala, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)

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