The next big thing und die Krise des Kapitalismus

Kolumne | Hans Rauscher, 25. November 2011, 19:07

Die Staatsschulden haben aber inzwischen eine Größenordnung erreicht, die die Regierung zwingt, etwas zu unternehmen

Die Finanzkrise ist in der Tat auch eine Kapitalismuskrise, aber nicht in dem Sinn, wie die linksalternativen Kritiker und Verächter meinen (weil der Kapitalismus oder eher die Marktwirtschaft einfach böse sind). In groben Zügen (und großteils den Gedanken des österreichischen Ökonomen Streissler folgend) lässt sich das so skizzieren: Seit über einem Jahrzehnt, wenn nicht noch länger, hat sich in der industrialisierten Welt ein riesiger Überschuss Finanzkapital gebildet, der keine geeigneten Anlagemöglichkeiten in der Realwirtschaft findet. Vor allem deswegen, weil das Kernland des Kapitalismus, die USA, sich rapide entindustrialisieren. Die Fantastilliarden schwappen nun herum und suchen eine Veranlagung wiederum in der Finanzwirtschaft (41 Prozent der Gewinne in den USA stammen bereits aus der Finanzindustrie).

Gleichzeitig haben die westlichen Industriestaaten ein System von Ausgaben aufgebaut, das nur noch über Schulden zu finanzieren ist. Wieder stark vergröbert: Die USA haben das in ein überdimensioniertes Militär und in immens teure, ungewinnbare Kriege in der muslimischen Welt gesteckt; Europa in den Aufbau eines Wohlfahrtsstaates, der teils berechtigt und auch finanzierbar, teils aber nur zu Privilegien durchsetzungsstarker Gruppen degeneriert ist, jedenfalls aber nur noch auf Schulden finanziert wird.

Die Staatsschulden haben aber inzwischen eine Größenordnung erreicht, die die Regierung zwingt, etwas zu unternehmen. Allerdings hat die Politik - ganz besonders in Österreich - lange, viel zu lange verabsäumt, die unbequeme Wahrheit auszusprechen: Mit Steuererhöhungen allein wird es in Hochsteuerländern (und das sind in Europa fast alle) nicht gelingen, die Schulden auf ein finanzierbares Maß zu drücken. Es wird auch Einsparungen geben müssen, oder eher Umschichtungen - vom rein konsumierenden Bereich in einen produzierenden.

Denn, und damit sind wir wieder beim großen Bild der Krise des Kapitalismus, es fehlt an Möglichkeiten, in die reale Wirtschaft zu investieren und damit das Wachstum wieder anzukurbeln. Das heißt, es fehlt eigentlich nicht daran - the next big thing wäre die Umwelttechnologie. So wie die großen technologischen Schübe der Vergangenheit - Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Großchemie, Automobilindustrie, Elektronik, Internet - jeweils einen Boom ausgelöst haben, so könnten Investitionen etwa in das Riesenprojekt von Strom aus Kollektoren in Nordafrika ("Desertec") die europäische Wirtschaft wieder anschieben.

The next big thing ist bereits da, es konzentrieren sich nur zu wenige darauf. Eine Generation von smart guys mit Gelhaar in der Finanzwirtschaft will weiterhin damit reich werden; und eine ältere Generation von Besitzstandswahrern im geschützten Sektor will auf ihre Alimentation nicht verzichten. Dass dies nur noch auf Schulden geschieht, ist ihren Vertretern in ÖGB, AK, Beamtengewerkschaft und im Politikbetrieb (noch?) nicht beizubringen. Auch jetzt noch nicht, da die Regierung erschrickt, weil man uns plötzlich nicht mehr so leicht Geld borgen will. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 359
1 2 3 4 5 6 7 8
" Mit Steuererhöhungen allein wird es in Hochsteuerländern (und das sind in Europa fast alle) nicht gelingen, die Schulden auf ein finanzierbares Maß zu drücken ".

Eine Äußerung dass es ALLEIN mit Steuererhöhungen geht ist m.E. von niemanden bekannt. Bitte um allfällige Bekanntgabe.

Hans Rauscher irrt hier!

Die Gegner der erneuerbargen Energie erkennt man daran, dass sie sagen, in der Sahara scheint doch mehr Sonne als bei uns, also lass es uns dort machen. Erneuerbare sind aber am besten lokal und dezentral. So wie der Energieverbrauch ja auch. Deshalb sind auch Desertec und Seatec, Großanlagen in der Wüste oder in der Nordsee zur Stromversorgung weit entfernter Gebiete weder notwendig noch nachhaltig - weil dies nur zu einem Aufschieben des Umstiegs auf Erneuerbare im eigenen Land führt.

Was wäre wenn

.
Was wäre wenn

* wir unsere Verwaltung radikal verschlanken würden, in dem wir Bundesländer abschafften, Gemeinden zusammenlegten, alle Mehr- und Parallelgleisigkeiten (z.B. div. Sozialversicherungen) radikal beseitigten

* das Pensionsalter wirklich auf 67 (wie in D) auch für Frauen - natürlich auch für die ÖBB - per (Verfassungs-) Gesetz innerhalb der nächsten 3 Jahren raufschrauben würden

* unprofitable Landwirtschaften (Bauern) ab sofort nicht mehr subventionierten

* wir ...

Wir - der Staat Österreich, unser Budget - wäre innerhalb der nächsten Jahre 100%ig saniert!

Vor allem: "Die Märkte" wären zufrieden!

Wir hätten zwar 1,5 Millionen Arbeitslose und 50% Jugendarbeitslosigkeit.

Aber man kann nicht alles haben im Leben ...

was wäre wenn, wir ein Geldsystem etablieren würden, welches wirklich nur zum Wirtschaften dient, sprich, als Tauschmittel, und ohne Zins-Effekte, aus dem Nichts erschaffenen Bank-Krediten und einer massiven Umverteilung von unten nach oben auskommt?

Stimme Ihrem Beitrag vollkommen zu.

25 - 50% Jugendarbeitslosigkeit in mehr als der Hälfte der EU Staaten

Ein Drama!

Wir stehen verglichen dazu wirklich super da.

Das hat seine Gründe - aber nicht, weil wir sooo gut sind:

"Wir" - viele - gehen früh - "viel zu früh" - in Pension. Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspension sind oft eine erfolgreiche Exit-Strategie.

Arbeitslosigkeit wird durch teilweise sinnlose Schulungen verlängert.

Golden Handshakes und Arbeitsstiftungen von Konzernen lassen viele auch ohne Arbeit einige Jahre - oft bis zur Pension - überleben.

All diese Maßnahmen geben unseren "Jungen" mehr Chancen als in den meisten EU-Ländern. Und das ist gut so, kostet aber Geld - viel Geld!

Nicht nur uns geht einfach die bezahlte Arbeit aus!

Ohne Umverteilung von "Vermögen - Einkommen - Arbeit" werden diese Problem immer größer.

Aber ebenso wenig wie die USA beim Militär nennenswert einsparen wird, wird in Österreich bei der Bürokratie und beim teuren Föderalismus eingespart werden. Da sparen wir dann lieber bei Wissenschaft, Forschung und Bildung. Und auf jeden Fall bei denen die außerhalb des Beamtenapparates arbeiten, nicht zuviel besitzen, und noch nicht in Pension sind.

Rauscher´s Gequatsche wird immer unerträglicher.

Warum schreibt er nicht, daß Österreichs triple a rating hauptsächlich auf Grund des übermäßigen und gierigen Engagments diverser österreichischer Bankinstitute in den östlichen Ländern in Gefahr ist, anstatt ständig auf Sozialleistungen hinzuhauen.

was auch Paul Krugman in der NY-Times so ausspricht.

Einfach zum Nachdenken: Was wäre wenn

die Bürger der Industriestaaten, die gemeinsam ja weit mehr besitzen als die Staaten Schulden haben, in einem gemeinsamen Kraftakt -entsprechend der Relation Privatbesitz : Volksvermögen- auf einen Schlag alle Schulden zurück zahlen.
Die Staaten wären schuldenfrei, müßten keine Zinsen bedienen, könnten die Steuern senken und die sog. Finanzmärkte, die bislang Unmengen Geld scheffeln ohne irgend etwas zu produzieren, wären Geschichte.
Ich halte jede Wette, daß die, die dzt. sehr gut von der Arbeit der Massen leben, das verhindern wollten und könnten.

Die Finanzmärkte scheffeln gar nichts. Das sind ja keine Personen. Auf den Finanzmärkten treffen sich Angebot und Nachfrage und die Markteilnehmer sind nicht gieriger als Sie oder ich, sie haben nur nichts zu verschenken.

Im Groben kann man sagen, diejenigen, die die großen Privatvermögen haben, sind auch die Anleihenkäufer. (Direkt oder indirekt über Fonds oder Er- und Ablebensversicherungen.) Das heißt, man müsste die einfach enteignen.

Teil 1 "Seit über einem Jahrzehnt, wenn nicht noch länger, hat sich in der industrialisierten Welt ein riesiger Überschuss Finanzkapital gebildet, der keine geeigneten Anlagemöglichkeiten in der Realwirtschaft findet."

Vor allem deshalb, weil Geldkapital (Sparbuch, Aktien usw) durch den Zinseszinsmechanismus exponentiell waechst.

Das wird mit dem Verweis auf die Realwirtschaft, die niemals auf Dauer auch nur annaehernd exponentiell wachsen kann, elegant ausgeblendet:

"Vor allem deswegen, weil das Kernland des Kapitalismus, die USA, sich rapide entindustrialisieren."

HIER liegt auch der Wachstumszwang begruendet: Keine realwirtschaftliche Moeglichkeit der verzinsten Anlagemoeglichkeit->Geld wird aus der Realwirtschaft abgezogen.

Der vorerst gleichgrossen Realwirtschaft steht eine geringere Geldmenge gegenueber. Da die Preise sich nicht INSTANTAN anpassen, fehlt in der Wirtschaft Geld es kann nicht die gesamte Produktion abgesetzt werden, eine ...

Teil 2...deflationaere Abwaertsspirale aus Investitions- und Konsumzurueckhaltung setzt ein, von Runde zu Runde werden die Wirtschaftsteilnehmer zurueckhaltender, es geht immer weiter bergab. Dieser Prozess laesst sich im gegenwaertigen System nur

verhindern, wenn dem zu Bergen angehaueften Geldkapital doch eine Moeglichkeit geboten wird, weiter zu wachsen, durch Verschuldung des Staates*, wenn Private und Unternehmen nicht mehr koennen oder wollen, denn der Staat will keine deflationaere Abwaertsspirale.

*Schulden von A sind Geldkapital von B.

Das fehlende Geld fuer den Zins bei der Geldschoepfung fuehrt nicht mit math. Zwang zum Wachstumszwang, da "THEORETISCH" der gleiche Geldschein mehrmals durchlaufen kann, mehrmals Schulden begleichen kann.

Aber das ist nur Theorie, denn das angehaeufte Geldkapital wird nicht verkonsumiert.

Loesung:
Geldvermoegen zur unverzinsten Veranlagung zu zwingen.

http://tinyurl.com/377aggl

Und Geld als Kredit zu emittieren, ist sowieso jenseitig.

Seit über einem Jahrzehnt, wenn nicht noch länger, hat sich in der industrialisierten Welt ein riesiger Überschuss Finanzkapital gebildet, der keine geeigneten Anlagemöglichkeiten in der Realwirtschaft findet

Absolut richtig erkannt.
Den daraus geschlossenen Annahmen kann ich mich allerdings nicht anschließen.
Ich meine vielmer, daß es neben den vielen, für die ein Monat meist länger dauert als ein Monatslohn noch einige wenige gibt, die so viel Geld haben, daß sie nicht mehr wissen, wohin damit.
Und die zocken damit, weil es andere Möglichkeiten nicht gibt.
Gewinnen sie, sind sie noch reicher und zocken weiter.
Verlieren sie, stellt sich heraus, daß sie "too big to fail" sind, mit den Geldern derer, die bislang an den Gewinnen nicht Teil haben durften werden sie "gerettet" und dann zocken sie auf Kosten ihrer Retter wieder weiter.
Wir haben kein Finanz-, sondern ein Verteilungsproblem.

eigentlich auch egal

wenn Menschen, wie Rauscher, die offensichtlich keine Ahnung haben, ab und zu ihren Quark breittreten um die Bevölkerung zu beunruhigen.

Wenn man sich in der äußerst lebendigen Start-up-Landschaft Europas und auch Österreichs umschaut, möcht ich gerne wissen, wo da das fehlende Investitionspotential liegt.

Wenn man dafür aber einem Konzern wie Red Bull mehrere Millionen Agrarförderung für den Zuckerverbrauch zukommen lässt, dann frag ich mich, ob wirs nicht doch ein bisschen im Schüsse(r)l haben, was unser Wirtschaftsverständnis angehen (systemisch gesehen).

muß ich ums verrecken brasilianische großkonzerne sponsern ?

wieso nicht die viel kleinstruktiertere österreichische, europäische, quasi in den heimmarkt investieren ??

aber hauptsach, matschgern.

oder gehtst davon aus ein nichtstaatlicher konzern, hat gefälligst samariter zu spielen. also ruhig mal teuren zucker kaufen, und vielleicht auch noch den brasilianischen konzernen ne ausgleichszahlung überweisen, da ja die kein geschäft machen.

bissal a soziales weltgewissen, sollte so ein konzern schon haben was.

aber irgendwie läuft da doch die Förderstruktur falsch, oder?

Wenn die Bauern die Förderung bekommen, um den Zucker unter den brasilianischen Preisen zu halten, hat das eine vernünftigere Optik, als einen Milliarden-Konzern mit Steuergeldern zu unterstützen.

Und ich hab nebenbei noch den Effekt, dass ich damit die Kaufkraft der Zucker-Bauern, die ja im Inland konsumieren, stärke.

Opfer sind die die immer noch Arbeiten bis zum Umfallen um über Umwege den Pensionisten ihre Mallorca Urlaube zu finanzieren. Wozu anstrengen und fleißig sein wenn eh alles sozial ausgeglichen wird?

Ja, wozu anstrengen und ~45% Abgaben leisten

Wo doch der Erbe
a) keine Steuern für sein Erbe bezahlt und
b) für die Erträge aus diesem Erbe lediglich 25% Abgaben leisten muss.

"wie die linksalternativen Kritiker und Verächter meinen (weil der Kapitalismus oder eher die Marktwirtschaft einfach böse sind)"

Hier kann man aufhören zu lesen.
Primitiver und zynischer geht's wohl wirklich nicht.

Nein der Her Rauscher ist nicht zynisch, er weis es nur nicht besser

"Privilegien durchsetzungsstarker Gruppen"

Was Rauscher meint sind die Jachten der Geographielehrer, die Villen der Lokführer, die Luxusurlaube der Altenpflegerinnen, die Penthäuser der Mindestpensionisten.
Was wir "Retrolinken" und "ökonomischen Analphebeten" so gar nicht sehen können, sind die Elendsquartiere der Koralmbahnbaufirmen, die Schlauchboote der Primarärzte, die Billigsturlaube der Grundbesitzer oder die in ihren eigenen Mietskasernen darbenden Immobilienerben.

Er bringt zumindestens Argumente...

"First they ignore you, then they ridicule you, then they fight you, then you win"

s.g herr rauscher, sie leben in einer vergangenen zeit, wie auch viele politiker, angebot und nachfrage, realwirtschaft, schulden, staatsdefizite oder nicht, das sind alles dinge die in der heutigen finanzordnung nur eine äußerst untergeordnete rolle spielen, nur nebengeräusche

bei älteren schauspielern die's irgendwie nie so nach ganz oben geschafft haben sagt man das die karriere endgültig vorbei ist wenn sie anfangen schauspiel zu unterrichten... diesem gedanken und ihren artikeln der letzten monate folgend: wollen sie sich nicht langsam nach einen lehrauftrag umsehen?

The next "big thing"

is probably war.
Der Kapitalismus hat sich längst ad absurdum geführt.
Wachstums Wahn und Konsumzwang sind die Kollateralschäden veränderungsfeindlicher Ausbeutung.
Dass im Wohlstand die Flucht in die Verschuldung bequem war, um die Probleme nicht beim Namen nennen zu müssen, oder gar umzudenken, ist Teil von Gier und geistiger Faulheit.
Und so wie es angegangen wird,- wirds früher oder später wieder teilglobale Kriege geben, um aus veränderten Verhältnissen stupide das Gleiche von vorne anzugehen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 359
1 2 3 4 5 6 7 8

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.