Margit Schratzenstaller

Schuldenbremse mit Hirn

Kolumne | Margit Schratzenstaller, 25. November 2011, 19:00

Der Bundeshaushalt für 2012 hängt von der Bekämpfung der Finanzkrise mittels geeigneter internationaler Regulierungen ab

In Österreich soll demnächst eine Schuldenbremse in der Verfassung verankert werden. Sie soll auf nationaler Ebene die Umsetzung der EU-Vorgaben zur Verringerung der Staatsverschuldung sicherstellen. Die angestrebte Senkung der Schuldenquote von derzeit knapp 75 auf sechzig Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2020 würde in den kommenden Jahren sehr umfangreiche Budgetsanierungsmaßnahmen erfordern.

Deren Konzeption sollte mehrere Aspekte berücksichtigen: Erstens würden kurzfristige zusätzliche Sparmaßnahmen den sich für die kommenden Monate abzeichnenden Stillstand oder sogar Einbruch der Konjunktur verschärfen. Daher sollte derzeit die Einleitung der erst mittelfristig wirksamen großen Strukturreformen Priorität haben. Zweitens ist die Einbettung in eine Wachstumsstrategie mit höheren Zukunftsinvestitionen sowie einer wachstums- und beschäftigungsförderlichen Abgabenstrukturreform notwendig.

Drittens ist die Frage nach den Ursachen der aktuellen Schuldenkrise zu stellen. Die Entwicklung der österreichischen Schuldenquote ist das Ergebnis von zwei klar zu unterscheidenden Faktoren. Von 1980 bis zum Vorkrisenjahr 2007 haben langfristig wirkende strukturelle Faktoren die Schuldenquote von 35 auf 60 Prozent wachsen lassen: Dazu gehören der Ausbau der sozialen Sicherung, die Alterung der Bevölkerung sowie der Aufschub effizienzsteigernder und kostendämpfender Strukturreformen bei Gesundheit und Pensionen.

Der kurzfristige Anstieg um fast 15 Prozentpunkte seit 2007 ist primär den Krisenkosten geschuldet. Damit steht Österreich relativ gut da: In der Eurozone wird für 2012 mit einem Anstieg um 24 Prozentpunkte, in der gesamten EU um fast 26 Prozentpunkte gerechnet. Nach Berechnungen der Harvard-Ökonomen Reinhart und Rogoff haben die Finanzkrisen der Nachkriegszeit die Staatsschuld in den betroffenen Ländern im Durchschnitt der drei Jahre nach Krisenausbruch gar real um fast 90 Prozent erhöht.

Knapp 2,5 Prozentpunkte des jüngsten Anstiegs der österreichischen Schuldenquote machen die Bankenpakete aus. Davon ist der größere Teil an den Bund rückzahlbares Partizipationskapital für die krisengebeutelten Banken, das die Schuldenquote nur vorübergehend erhöht. Weitere 1,5 Prozentpunkte resultieren aus den Krediten und Garantien für Griechenland, Irland und Portugal im Rahmen des Euro-Rettungsschirms. So weit diese Kredite nicht ausfallen oder die Garantien nicht schlagend werden, ist auch dieser Anstieg vorübergehend. Die Konjunkturpakete belasteten das Budget 2009 und 2010 kumuliert mit gut zwei Prozent des BIP. Hinzu kommen automatische, krisenbedingte Mehrausgaben und Steuerausfälle.

Ein umfassender Ansatz zur Sicherstellung der langfristigen Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen braucht daher Strukturreformen im öffentlichen Sektor. Ohne grundlegende Reform der Finanzmärkte kann aber weder der Schuldenabbau in Österreich noch die Lösung der EU-Schuldenkrise gelingen. Nur dadurch können künftige Finanzkrisen mit ihren hohen budgetären Kosten sowie die Spekulation gegen angeschlagene Länder verhindert werden. Dazu gehören höhere Steuern für den Finanzsektor, um die Spekulation einzudämmen und die Verursacher der Krise an ihren Kosten zu beteiligen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26./27.11.2011)

MARGIT SCHRATZENSTALLER ist Referentin für öffentliche Finanzen beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

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Posting 1 bis 25 von 39
1 2
chrilly donninger1
01
27.11.2011, 19:59
Der Chrilly'sche Ökonomen-Fundamentalsatz:

Man soll sich die Meinung der Ökonomen genau anhören. Dann weiss man, wie es nicht wird und was falsch ist.
Z.B. hat uns der designierte Chef des IHS bei der Euro-Einführung vorgerechnet: Die Einführung bringt jeden/r 600 Euronen/Jahr extra. Es waren praktisch alle Ökonomen der Meinung: Am Euro Wesen wird die EU genesen.
Da weiss man gleich: Das kann nur ein Fiasko werden.
Zur Belohnung für seine Fehlprognose, wird der gute Mann nun IHS-Chef. Er hat seine Dienstfertigkeit bewiesen. Das ist das Selektionskriterium dieser Disziplin.

chrilly donninger1
03
27.11.2011, 19:31
Finanztransaktionssteuer dämmt Spekulation ein?

Die Transaktions-Steuer ist sozial treffsicher.
Die Behauptung, damit würde man die Spekulation eindämmen, ist aber unbewiesen.
Es gibt auf Pokerservern mit dem 5% Rake eine heftige Steuer. Die Spieler agieren deswegen aggressiver, um einmal den Rake herein zu bekommen.
Ich kenne mathematische Finanzmarkt-Modelle, die zum selben Ergebnis kommen.
Es ist auch nicht gesagt, dass durch die Steuer die Volatilität sinkt. Z.B. werden Schwankungen von Futures um den Fair-Value durch Arbitrage eliminiert. Mit einer Steuer zahlt sich das erst bei grösseren Abweichungen auf.
Die meisten Ökonomen (inkl. M.Schratzenstaller) haben keinerlei Ahnung von der Börse, stellen aber gebetsmühlenartig irgendwelche Behauptungen auf.

Toxo Logic
 
03
27.11.2011, 15:56

Was ist wenn der Wirtschaftsaufschwung in den nächsten zwei Jahren nicht kommt, obwohl die einzelnen Staaten ihre Defizite erhöhen und versuchen die Wirtschaft in Gang zu bringen? 2008 und 2009 wurde versucht mit enormen öffentlichen Mitteln, weltweit die Wirtschaft zu stimulieren. Das hat gewirkt bis 2010 und jetzt ist es aus. Noch einmal geht das nicht, das sollten eigentlich alle wissen.

chrilly donninger1
00
27.11.2011, 19:48
Aber die Ökonomen wissen, wie sich die

Wirtschaft in den nächsten 5 Jahren entwickeln wird.
Zumindest veröffentlichen IHS und WIFO solche 5-Jahresprognosen. Dann kann man sich das alles ausrechnen und der Mitzi bestätigen, dass sie eh auf den richtigen Pfad ist. Und wenn sich die Wünsche ans Finanzmarkt-Christkind erfüllen, ist überhaupt alles Leiwand.
Tatsächlich können die Ökonomen maximal 3 Monate prognostizieren. Nachdem die Daten meist schon so alt sind, schaffen sie gerade eine sogenannte Nowcast.

her wig
10
27.11.2011, 15:15
Wachstumsorientierung

bedeutet dass man das Geld dorthin investiert wo es "mehr" wird, d.h. wo die Wirtschaft wachsen kann. Das muss man auch, wenn man Fremdkapital investiert, sonst kann man die Zinsen nicht zahlen.

Die Schuldeneskalation ist der Beweis dafür, dass die Politik konsequente Misswirtschaft betreibt, denn ansonsten hätte es bei diesem großzügigen Einsatz von Kapital schon riesige Profite geben müssen.

Nutze den Tag
01
27.11.2011, 10:27
Transaktionssteuer Soll: 0,1%, Transaktion Ist Provision%: min 1-3%

Wo liegt das Problem?

chrilly donninger1
01
27.11.2011, 20:09
Die Provision für einen Hedge-Fond

bei einem Broker ist weit niedriger. Für einen mittleren Hedgefond ca. 10$ (Kauf und Verkauf) für einen S&P-Future mit einem Wert von 60.000$. Grosskunden haben noch wesentlich günstigere Konditionen.
Der minimale Bid-Ask Spread ist mit 12.5$ schon grösser.
Die 1-3% zahlt nur der Herr Huber bei seiner Raika oder Sparkassen-Filiale.

Sand
00
27.11.2011, 10:52
Es gibt genug ausländische Banken

welche weniger bis keine Provisionen kassieren. Niemand verbietet dir dein Geld in einem anderen EU-Land anzulegen.

Mag.a Draude Resom
00
27.11.2011, 19:48
Pfeif auf die EU, ab in die Schweiz mit dem Geld!

Heute kann kein Mensch sagen, was Brüssel Morgen für schwachsinnige Ideen gebiert.

Nutze den Tag
00
27.11.2011, 11:09

Woran verdienen dann diese Banken?

Sand
00
27.11.2011, 11:20

Die sind vielleicht nicht dermaßen übervölkert wie österreichische Banken. Haben auch weniger bis keine marmorgetäfelte Filialen.

kronprinz idared
01
26.11.2011, 20:53
Gebt das Geld den Reichen! Die haben bewiesen, dass sie darauf aufpassen können.

indie kniescheibe
00
26.11.2011, 16:34
gut-das sollt sich mal der hr.Heinrich Breidenbach durchlesen!

Zensi
01
26.11.2011, 12:47
Wehren wir uns ...

Sämtliche Banken haben in Osteuropa viel Geld verspekuliert bzw. verschleudert. Die Manager werden hiefür nicht zur Verantwortung gezogen. Die "Abschreibungen" gehen in Millardenhöhe. Wir - die Bankkunden haften dafür. Wir zahlen mehr Gebühren, bekommen weniger Zinsen (weit unter der Infaltionsrate!) Warum zeigen wir diesen Bankern nicht die rote Karte. Heben wir unsere Spareinlagen einfach für einige Wochen ab. Der Verlust ist minimal. Dann schauen wir uns die Reaktion der Banker einmal an. Diese Sprache werden sie verstehen, diese Aktion ist überfällig.

michael126
01
27.11.2011, 14:12
Kindischer Vorschlag

So wie "Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin".
Das glauben Sie doch selbst nicht!
Sie unterstellen das "wir" gemeinsam etwas tun. Wird es nie geben, jeder macht nur was für ihn kurzfristig vorteilhaft erscheint.
"Wir", das wäre der Staat. Aber der vertritt die in einer Demokratie die Interessen der Bürger. Und den haben wir aus kurzsichtigen Gründen (jeder will nur etwas haben und nichts hergeben) in die Schulden geschickt.
Rauskommen werden wir aus den Problemen sicher nicht wenn nur jeder die Schuld wieder beim Anderen sucht.

Toxo Logic
 
00
26.11.2011, 22:14

Wenn viele Sparbuchbesitzer gleichzeitig versuchen ihre Spareinlagen abzuheben, dann bekommen sie ihr Geld nicht. Das ist einfach nicht möglich und damit kürzen Sie keinem Banker seine Boni.

Irrer Wahnsinn
13
26.11.2011, 11:53
Buchhaltungtricks,

Was für eine dämlicher Schwachsinn, wer glaubt die "Krise" zu bewältigen ohne die Giralgeldwertschöpfung abzuschaffen der ist und bleibt eine gläubiger Dummkopf!

her wig
00
27.11.2011, 15:09
Giralgeldwertschöpfung

was meinen Sie damit? Google gibt nichts brauchbares her.

Irrer Wahnsinn
00
28.11.2011, 13:28
Tja,

die künstliche Ausdehnung der Geldmenge M3, mittels giraler Geldwertschöpfung.

Schnurz Homunculus
20
26.11.2011, 11:25
und wo bleibt der Hinweis auf das Interview mit Korinek

im Morgenjournal?
"Gemeinsam mit seinem Finanzminister Kamitz hat Raab das österreichische Wirtschaftswunder begründet, nach dem Motto: zuerst verdienen, dann ausgeben. Zwischen der Nachkriegszeit und heute wurde aber jahrzehntelang mehr ausgegeben als eingenommen wurde. Das kann sich auf Dauer nicht ausgehen und führte in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten"

http://oe1.orf.at/artikel/291616

Hausmeister und Bruder vom Lugner
01
26.11.2011, 13:04
Und die Milliarden vom Marshall-Plan?

Und die Sachgütergeschenke?

Zensi
54
26.11.2011, 12:28
und wo bleibt...

die Aufmerksamkeit für den obigen Artikel? Viele - so wie sie - wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Investitionen der Jahrzehnte ab den 70iger Jahren erst überhaupt unseren bisherigen Lebensstandard ermöglich haben. Wenn nicht Schwarz-Blau-Orange- uns durch das Verschleudern von Staatsvermögen, unsinnige Eurofighter, Diebstahl und Gaunereien des Volksvermögens (z.B. Banken, Immobilien, Alpe Hypo Adria, Raiba, Erste Bank Austria Oststaaten-Fehlinvestitionen) und der weltweite Banken-Crash uns in die derzeitige Lage manövriert hätte, stünden wir bestens da. Aber die Politik und gewisse Medien wollen uns ein Laster/Luxus-Leben einreden und die Begleichung der ganzen Schulden auf uns abwälzen. Wehren wir uns doch endlich!!!

Anton D.
00
27.11.2011, 18:34
Sinnlose linke Propaganda!

In Pension gehen mit 58, ÖBBler mit 50, geht halt bei steigender Lebenserwartung nicht. Unnötige Tunnel bauen wird sich nie rentieren, Landtag und Bundesrat aufrechterhalten ist nur dämlich, wenn auch der Entfall wenig bringt wärs doch ein Zeichen. Spitäler bauen, erweitern und nicht auf die Kosten schauen ist ebenso wahnsinnig.

Andreas Sonnberger2
13
26.11.2011, 23:27

Schön, wir haben also in Schwarz-Blau-Orange einen Schuldigen gefunden.

Bloß wird da ein wesentlichen Faktor übersehen:
Unter Schwarz-Blau-Orange sind Österreichs Schulden im Verhältnis zum BIP klar zurückgegangen.

Und wenn ich "Banken" als Begründung lese, muss ich herzlich lachen:
Es war mit der BAWAG eine Rote Bank, die 2006 gerettet werden mußte.
Die Kommunalkredit mußte auch vom Staat gerechnet. Wer war damals im Vorstand vertreten? Richtig, die heutige Bildungsministerin Claudia Schmied.

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