Schweden freuen sich über radioaktiven Abfall

25. November 2011, 18:25
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In Östhammer soll ein Lager für Atommüll entstehen - die Bürger sind begeistert

-Die Vorstellung, in der Nähe eines Atommüllhaufens zu leben, löst nicht zwingend ungute Gefühle aus. Im mittelschwedischen Östhammar sorgt sie für Euphorie: "Die Menschen in Östhammar strahlen - vor Glück", beschreibt Aftonbladet die Stimmung in dem Ort, in dem in den kommenden Jahren ein atomares Endlager für hochradioaktiven Abfall entstehen soll.

88 Prozent der Gemeindebewohner sprachen sich laut Umfrage im Frühjahr für die Baupläne aus; die Katastrophe im japanischen Fukushima habe die Zuversicht kaum dämpfen können, versichern führende Kommunalpolitiker. Das neue Milliardenprojekt werde Arbeitsplätze schaffen und künftigen Wohlstand sichern, ist man in Östhammar überzeugt.

Die Anlage 150 Kilometer nördlich von Stockholm soll ab 2015 gebaut und 2025 in Betrieb genommen werden. Im März reichte das zuständige Unternehmen SKB (Svensk Kärnbränslehantering) den Antrag bei den Stockholmer Behörden ein. Laut Konzept sollen die verbrauchten Brennstäbe in kupferbemantelte Kanister eingeschlossen werden, die wiederum von Beton umschlossen sind. Die Kapseln sollen in 500 Meter Tiefe im Fels an der Ostseeküste versenkt werden.

Laut Betreiber ist damit die Sicherheit des Atommülls für 100.000 Jahre gewährleistet. Mehrere namhafte Forscher haben allerdings Bedenken angemeldet: Die Zweifel gelten in erster Linie der Korrosionsbeständigkeit von Kupfer. Laut Umweltminister Andreas Carlsson ist die endgültige Genehmigung denn auch "keineswegs sicher".

Die Atombegeisterung in Östhammar hat aus schwedischer Sicht kaum Satirepotenzial: Schweden, einst Vorreiter der europäischen Anti-AKW-Bewegung, gehört mittlerweile zu den Nationen, die weltweit am stärksten auf Kernkraft setzen. Knapp die Hälfte aller Energie wird aus Atomkraft gewonnen. Mit Blick auf wirtschaftliche Stabilität und die positive CO2-Bilanz steht das Gros der Bevölkerung der Kernkraft positiv gegenüber.

Die Sympathien für die "saubere" Energiequelle lassen Befürchtungen bezüglich der Sicherheit offenbar in den Hintergrund treten: Die zahlreichen Mängel und Pannen, die aus Schwedens Kernkraftwerken regelmäßig vermeldet werden, sorgen in der Öffentlichkeit kaum für Aufsehen.

Im vergangenen Winter waren mehrere angeschlagene Reaktoren außer Betrieb geblieben. In diesem Jahr sieht es nicht besser aus. Von den zehn Reaktoren arbeiten derzeit nur vier mit vollem Effekt, vier stehen gänzlich still. (Anne Rentzsch aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2011)

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