Anti-Atom-Kampf geht in die Verlängerung

25. November 2011, 18:40
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Der AKW-Ausstieg Deutschlands ist beschlossen - Die Anti-AKW-Bewegung gibt jedoch nicht auf: Sie will noch Gorleben als Endlager verhindern

Same procedure as every year? Aber natürlich. Zum letzten Mal rollen die Castoren mit ihrer strahlenden Fracht von Frankreich aus nach Deutschland, am Freitag, kurz nach zehn Uhr Vormittag, sind sie auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Und wie immer bietet die Anti-AKW-Bewegung all ihr Können auf.

Vor allem im niedersächsischen Wendland sind die Demonstranten seit Tagen auf Posten. Wie in den Jahren zuvor haben sie nur ein Ziel: Der Castor, der an diesem Wochenende in Gorleben erwartet wird, soll dort mit so großer Verspätung wie möglich eintreffen. Er kommt zunächst auf der Schiene, die letzten Kilometer muss der Atommüll aber auf tonnenschweren Tiefladern auf der Straße zurücklegen. Wie schon im Vorjahr wurde auch heuer wieder versucht, zu "schottern", also Steine aus dem Gleisbett zu entfernen. Auch zwei Polizeiautos wurden angezündet.

"Sinnloser Protest"

Einer, der früher auch in der Anti-AKW-Bewegung aktiv war, findet sogar die friedlichen Verhinderungsaktionen heute gar nicht mehr in Ordnung. Es ist ausgerechnet Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg. "Der Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr", sagt er in der Zeit.

Tatsächlich gibt es dafür Argumente. Der Kampf gegen die Castoren war immer der Höhepunkt im Anti-atomaren Jahreskalender. Die Proteste richteten sich nicht nur gegen den Transport von Atommüll quer durch Deutschland und die Lagerung in Gorleben - es war immer eine Abrechnung mit Kernkraft und der deutschen Atompolitik generell.

Kernkraft aber wird es in Deutschland in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Nach der Katastrophe im japanischen Fukushima machte die schwarz-gelbe deutsche Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel eine vielbeachtete Kehrtwende. Der Atomausstieg wurde kurzerhand auf das Jahr 2022 vorverlegt, die wenige Monate zuvor ausgehandelte Verlängerung der AKW-Laufzeiten wieder kassiert. Damit sind sogar die deutschen Grünen zufrieden.

Neue Suche nach Endlager

Zudem verkündete Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) vor kurzen, es werde nun doch eine neue und vor allem "ergebnisoffene" Suche nach einem Endlager geben. Sogar Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte zu, dass man in "seinem" Bundesland nun ebenfalls suchen dürfe. Auch diesen neuen Suchauftrag hatte die Anti-AKW-Bewegung immer wieder gefordert. Denn der Salzstock in Gorleben, der seit Jahren als Endlager erkundet wird, gilt auch unabhängigen Geologen als nicht sicher genug

Alles in Butter also? Mitnichten. "Wir trauen der Regierung nicht", sagt Jochen Stay vom Bündnis "ausgestrahlt" zum Standard, "sie sagt zwar, sie wolle die Suche nach dem Endlager völlig neu beginnen. Aber warum sind dann im Haushalt 2012 für die Erkundung in Gorleben 73 Millionen Euro vorgesehen und für die Endlagersuche anderswo nur drei Millionen Euro?"

Kein Schlusspunkt

Die Forderung der Demonstranten ist eindeutig: Wenn die Regierung wirklich eine ehrliche Endlagersuche wolle, müsse sie sofort die Erkundungsarbeiten in Gorleben einstellen. Danach sieht es im Moment aber nicht aus. Und so soll der Protest gegen diesen letzten Castor-Transport aus dem französischen La Hague im Wendland nicht den Schlusspunkt der Proteste markieren, eher einen vorläufigen Höhepunkt.

Auch der Berliner Politologe und Konflikt-Forscher Dietmar Rucht ist überzeugt, dass die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland nicht einfach die Isomatten einrollt, wenn die Castor-Behälter hinter Schloss und Riegel sind: "Sie wird weiter gegen Gorleben als Endlager kämpfen. Auch andere mögliche Endlager-Standorte werden Protest hervorrufen." (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2011)

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    Freitagvormittag passierten die Castoren mit Verspätung das saarländische Neunkirchen. Am Wochenende sollen sie in Gorleben eintreffen.

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