"Um-ta-ta also Pass-ta-ta"

Interview25. November 2011, 18:29
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Der Schlagzeuger Martin Grubinger, am Wochenende mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein, über Training und Belastung, Podolski und Zidane, Ablaufdatum und Doping

Standard: Wie wichtig ist Sport für Sie? Wie sehr setzen Sie sich mit der körperlichen Belastung auseinander, der Sie in einem Konzert ausgesetzt sind?

Grubinger: Ich betreibe Sport, weil ich denke, das gehört bei einem Schlagzeuger einfach dazu. Das Bewegen der Muskulatur, das Trainieren von Oberarmen, Unterarmen. Ich hab schnell gemerkt, dass Musiker und Sportler einander sehr ähnlich sind. Beide haben hohe Belastungen, mental, aber auch physisch. Nur gehen es die wenigsten Musiker wirklich professionell an. Spitzensportler haben Physiobetreuer, Mentaltrainer, Sportmediziner, Ernährungsberater, was weiß ich was. Der Musiker ist oft total auf sich allein gestellt.

Standard: Wie sieht Ihr Training aus, die Konzert-Vorbereitung?

Grubinger: Ich hab vor zwei Jahren mit sportmedizinischen Tests begonnen. Ich komme aus Thalgau, dort steht das Trainingszentrum von Red Bull, das war also naheliegend. Man hat bei den ersten Laktat-Tests und an verschiedenen anderen Parametern gemerkt, dass ich viel zu intensiv trainiere, also übertrainiert war. Ich brauche mehr Regeneration, das ist mir klar geworden, dann ist noch viel möglich vor allem in dem Extrembereich, in dem wir uns in der letzten Stunde eines Konzerts befinden, wo beim Spielen schon viel über die Physis kommt.

Standard: Das heißt, Sie haben Ihr Training reduziert?

Grubinger: Ich musste reduzieren. Früher war's schon oft extrem, da haben wir fünfzehn Stunden geprobt, von Neun bis Mitternacht. Und dann bin ich noch joggen gegangen. Natürlich haben mir die Sportmediziner gesagt, das ist der größte Schwachsinn auf Erden. Die haben das an meinen Blutwerten gesehen. Ich bin auch oft krank gewesen, mein Körperfettanteil war zu niedrig, vor eineinhalb Jahren bei 7,9 Prozent. Jetzt bin ich im Idealbereich zwischen 10 und 12 Prozent. Ich hatte immer 75 Kilo, jetzt bin ich bei 77, 78.

Standard: Wie sehen die Anforderungen an Ihren Körper aus?

Grubinger: Entscheidend ist die Verbindung aus Ausdauer und Schnellkraft. Man braucht genug Kondition, um zwei, drei, vier Stunden zu spielen, muss gleichzeitig schnellkräftig sein, um hohe Schlagfolgen mit bis zu 1100 in der Minute umsetzen zu können. Viele Musiker sagen, sie sind im zweiten Teil eines Konzerts plattgegangen, haben nach der Pause keine Spannung mehr aufbauen können. Logisch - mit der körperlichen Belastung sinkt die Aufmerksamkeit. Ich nütze das Training, um eine höhere Konzentration zu erlangen. Um diesem Wahnsinn an Dynamik etwas entgegensetzen zu können.

Standard: Wie viel Gewicht verlieren Sie in einem langen Konzert?

Grubinger: Das können mehr als zwei Kilogramm sein. Ich muss vorher, währenddessen und danach viel Wasser trinken. Laut einer englischen Studie hat ein Drummer, der zwei Stunden mit seiner Band spielt, eine höhere Belastung als ein Premier-League-Fußballer in einer Partie. Und auch wir spielen ja zwei-, dreimal in der Woche. Nur haben wir leider nicht das professionelle Umfeld, das die Sportler haben.

Standard: Für viele Künstler ist Sport quasi pfui. Haben Sie diesbezüglich Erfahrungen?

Grubinger: Es heißt ja oft, der Grubinger, der Sportler. Der macht auf Sport, äußert sich zum Sport, der spielt sogar sportlich. Ehrlich gesagt, sportlich ist für mich kein Schimpfwort. Nur gute physische Voraussetzungen gewährleisten, dass ich am Konzerttag im Saal das Maximum geben kann. Dass ich nicht darüber nachdenken muss, wie ich über den nächsten Lauf komme und über den übernächsten. Die Musik ist nur so gut, wie es der Körper zulässt.

Standard: Sport also als Mittel zum Zweck. Aber betreiben Sie eigentlich gerne Sport?

Grubinger: Ich laufe gerne, auch Marathons, bin leidenschaftlicher Rennradfahrer. Ich will mir unbedingt einmal vorort die Tour de France ansehen. Aber diese Juli-Wochen sind leider genau die Zeit der Festival-Vorbereitung. Und Fußball spiel ich wahnsinnig gern, Badminton auch.

Standard: Badminton spielen Sie mit welcher Hand?

Grubinger: Mit beiden Händen. Ich kann auch links wie rechts unterschreiben, fast mit der gleichen Unterschrift.

Standard: Der Sport, der Ihrem Metier am nächsten kommt?

Grubinger: Wohl Fußball. Da sind Kondition und Genauigkeit gefragt. Hinsichtlich Schnellkraft ist Tischtennis ähnlich. Viele Musiker spielen Tischtennis, um die Reaktion zu trainieren. Aber beim Fußball geht es am ehesten auch um Rhythmus und um Melodie.

Standard: Wenn Ihnen Ihr Training im Finish hilft, ist es für Sie wohl kein Zufall, dass am Ende die Deutschen - fast - immer gewinnen und Bayern oft Partien umdreht.

Grubinger: Das ist fast alles auf Training zurückzuführen. Wer besser vorbereitet ist, kann am Ende noch Druck aufbauen und Tore erzielen.

Standard: Und dann gibt es wieder das brasilianische Spiel, dem man oft nachgesagt hat, da würde Musik drinnen liegen.

Grubinger: Es ist kein Zufall, dass die Brasilianer fünfmal Weltmeister waren. Das liegt auch daran, dass sie unheimliche Bewegungstalente sind. Nach ihrem Finalsieg im Confed-Cup 2005 in Deutschland hat die gesamte Mannschaft mit Sambatrommeln auf dem Spielfeld gefeiert. Da ist mir alles klar geworden. Der Ronaldinho hat mit dieser Trommel arbeiten können wie ein Profi, das war unglaublich. Und wie sie sich bewegt haben. Da gehört die Musik zum Spiel, und das spürt man.

Standard: Was wäre Ihr Konzept für den Fußball?

Grubinger: Man müsste den Rhythmus ins Training einbauen. Angenommen, man nimmt verschiedene Rhythmen her, zum Beispiel Walzer, Samba, Salsa und Hardrock. Und dann sagt man den Spielern, wir machen im Walzer-Rhythmus die Passfolge über sechs Stationen zum gegnerischen Tor jeweils auf der Eins. Um-ta-ta, Um-ta-ta, also Pass-ta-ta, Pass-ta-ta. Dann nächste Übung, nächster Rhythmus. Man stellt eine Anlage mit riesigen Lautsprechern auf den Platz, und die Kicker müssen immer bei Eins den Pass spielen. Wenn sich das verinnerlicht, läuft ein Konter über eine gemeinsame rhythmische Basis. Ich glaube fest daran, dass man das trainieren kann.

Standard: Wieso passiert es nicht?

Grubinger: Ich weiß es nicht. Mit Dortmund-Trainer Jürgen Klopp hatten mein Vater und ich Kontakt, der trainiert auch in diese Richtung. Aber auch er, obwohl er sehr innovativ ist, hält mich, glaub ich, für verrückt.

Standard: Bei Barcelona hat man oft das Gefühl, dass dort der Pass im Walzer auf der Eins gespielt wird, oder?

Grubinger: Ich glaub, dass dort die musikalische Komponente erkannt wird. Dass sich alle Spieler gleichzeitig sagen: So, jetzt spielen wir den Konter im Salsa-Groove. Oder im Walzer-Groove. Oder im Hardrock-Groove. Aber vielleicht bin ich naiv, und das lässt sich auf höchstem Niveau gar nicht umsetzen. Wahrscheinlich sind etliche Fußballlehrer der festen Überzeugung, dass das Spinnereien sind.

Standard: Sie selbst können mit einer Hand einen Groove, gleichzeitig mit der anderen einen anderen Groove und mit den Füßen wieder etwas anderes spielen. Verstehen Sie, dass es Fußballer gibt, die nicht beidbeinig sind?

Grubinger: Das pack ich nicht. Auch Koordinatives könnte man trainieren. Lukas Podolski? Der klassische Linksfuß! Ich bin sicher, dass man mittels Percussion trainieren könnte, seine Gehirnhälften so zu vernetzen, dass er beidfüßig agieren könnte. Meiner Meinung nach müsste jeder Fußballer zwei, drei perfekte Tricks auf Lager haben, die er jederzeit auspacken kann, um den Gegner zu überspielen. Es gäbe viele Dinge, die man mit Sportlern wunderbar üben könnte. Wenn ein Handballer, den man als Linkshänder kennt, plötzlich rechts wirft, ist er kaum auszurechnen.

Standard: Ihr Lieblingsfußballer?

Grubinger: Die Ästheten in der Bewegung sind weniger geworden. Für mich war der Zidane immer Musik. Bei seinem Übersteiger hat man gespürt, das passiert aus einem Automatismus heraus. Der Zidane hatte viel von einem Tänzer. Ich schau mir immer noch auf Youtube "Best of Zidane" an.

Standard: Messi und Zidane sind grandiose Einzelsportler, die aber doch im Ensemble agieren und sich einfügen müssen, damit das Ensemble funktioniert. So wie Sie?

Grubinger: Absolut. Die sechs besten Musiker bilden nicht automatisch das beste Ensemble. Man muss Schwächen und Stärken des anderen kennen. Es musste einen Schwarzenbeck geben, damit es einen Beckenbauer geben konnte.

Standard: Bei Sportlern ist oft vom "besten Alter" die Rede, aber auch vom "Ablaufdatum". Gibt es ein solches Datum auch für Sie?

Grubinger: Ganz sicher. Vielleicht drei, vier Jahre später als beim Spitzensportler. Ich will mit Vierzig aufhören, dann etwas anderes machen, Geschichte studieren. Sehe ich heute Schlagzeuger, die früher meine Vorbilder waren, tut mir das weh. Es fehlt die physische Voraussetzung, um so zu spielen wie vor 15 Jahren. Egal, was man spielt, man pusht sich immer ans Limit. Und das geht irgendwann nicht mehr. Weil der Körper nicht mehr so belastbar ist.

Standard: Immerhin müssten Sie keine Dopingkontrolle fürchten.

Grubinger: Dopingtests unter Profimusikern wären etwas. Ich bin mir nicht sicher, dass viele clean wären. Es gibt schon auch welche, die gewisse Mittelchen oder auch Drogen brauchen, um auf der Bühne bestehen zu können. Ich hab einmal vor einem Konzert Cortison gegen eine Prellung der Hand gekriegt. Ich hab gespielt wie aufgezogen, das war unglaublich. Ich bin nach dem Konzert rausgegangen und hätte immer noch alles zerreißen können. (DER STANDARD Printausgabe, 26./27.11.2011)

MARTIN GRUBINGER (28) wurde anfangs von seinem Vater, einem Schlagzeuger und Lehrer an der Landesmusikschule, unterrichtet. Studium am Bruckner-Konservatorium in Linz und ab 2000 am Mozarteum in Salzburg. Seit Mai 2010 moderiert Grubinger im Wechsel mit der Cellistin Sol Gabetta das Musikmagazin "KlickKlack" im Bayerischen Fernsehen. Er ist mit der Pianistin Ferzan Önder verheiratet und lebt in Unterdorf in Thalgau.

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    Grubinger kommt auf bis zu 1100 Schläge pro Minute. Den Sport sieht er vor allem als Mittel zum Zweck. "Um diesem Wahnsinn an Dynamik etwas entgegensetzen zu können."

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