Protest gegen den Militärrat verstummt nicht

Reportage25. November 2011, 18:06
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Zehntausende protestierten in Kairo erneut gegen die bestehende Machtstruktur

Unterstützung erhielten sie überraschend von der Azhar-Universität, der höchsten islamischen Instanz. Ab Montag soll gewählt werden.

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"Mit 78 Jahren versteht er sicher die Jugend" , twittern ägyptische Polit-Aktivisten ironisch: Der regierende Militärrat hat am Frei-tag die Nominierung von Kamal Ganzouri zum neuen Regierungschef bestätigt. Es handelt sich um einen Posten, den Ganzouri schon unter Mubarak zwischen 1996 und 1999 innehatte. Er sei mit allen Vollmachten ausgestattet, ließen die Generäle wissen.

Auf dem Tahrir-Platz sind die Meinungen gespalten. "Wir brauchen einen, der aus der Revolution hervorgegangen ist" , sagt Amr. "Nichts gegen seine Person, aber er ist eine Figur des alten Regimes" , findet der Richter, der der linken Karama-Partei angehört.

"Er hat viel Erfahrung, das ist jetzt wichtig. Die Zeit der Jungen wird noch kommen. Allerdings wissen wir nicht, was er in den letzten Jahren getan hat" , findet dagegen Azza, eine Staatsangestellte. Andere meinen, entscheidend sei die Zusammensetzung des Kabinetts.

Zehntausende sind nach dem Freitagsgebiet wieder auf den geschichtsträchtigen Platz im Zentrum der Stadt gekommen. Es sind auf den Tag genau zehn Monate seit dem 25. Jänner, dem Ausbruch der Revolution. Viele sprechen schon von der "zweiten Revolution" . Die Stimmung ist gelöst, hat fast Volksfestcharakter. Dafür sorgen auch hunderte Händler, die von Fahnen über Getränke und Imbisse alles feilbieten. Die Anwesenheit von vielen Frauen und Kindern zeigt, dass die Menschen überzeugt sind, dass die Kundgebung friedlich bleibt.

Seit fast 48 Stunden gab es keine Zusammenstöße mehr zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften. Eine Barriere aus Stacheldraht verhindert jetzt, dass die beiden Seiten aneinandergeraten können.

"Der Tag der letzten Chance"

Offiziell ist der Freitag den "Märtyrern" - das heißt den 40 Toten der vergangenen Woche - gewidmet. Viele Demonstranten tragen deshalb Schwarz. Wer da ist, will, dass der Militärrat geht. Es ist "der Tag der letzten Chance" . In lauten Sprechchören wird der Vorsitzende des Militärrats, Mohammed Hussein Tantawi, ganz direkt aufgefordert, zurückzutreten. Die Menschen verlangen, dass die Armee nur noch für die Sicherheit des Landes sorgt und für alles andere eine zivile Regierung verantwortlich sein soll.

Wie dieser Machtwechsel vor sich gehen soll, dazu gibt es fast so viele unterschiedliche Vorstellungen wie Leute auf dem Platz. Für ihre grundsätzliche Forderung haben sie die ausdrückliche Unterstützung vom Scheich der Al-Azhar-Moschee erhalten - es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass sich die höchste Instanz des sunnitischen Islam gegen die offizielle Staatsmacht stellt.

"Es sind jene in der Mehrheit, die überzeugt sind, der Militärrat sei notwendig und die Demonstrationen sollten aufhören: Sie sind zu Hause" , sagt Nessrin, eine Politologiestudentin. Sie ist hier, um den "Puls der Leute" für ihre Diplomarbeit zu fühlen.

Einige tausend "Söhne Mubaraks" demonstrieren indes bei einer anderen Kundgebung im Stadteil Abbassiya, ein paar Kilometer entfernt, für den Militärrat. Die Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass die beiden Lager nicht aneinandergeraten können.

Zum "Millionenmarsch" auf dem Tahrir-Platz aufgerufen haben neben der Revolutionsjugend viele Parteien und Gruppierungen aus dem linken und liberalen Spektrum und die ultraorthodoxen Salafisten. Die großen Abwesenden sind die Muslimbrüder, die sich mit den Konzessionen des Militärrates zufriedengeben und sich auf die Wahlen konzentrieren, die am Montag und Dienstag beginnen sollen.

Auch zu diesem Thema sind die Meinungen auf dem Platz gespalten. Viele finden, man müsse sie abhalten, weil dies der einzige Weg zu demokratisch gewählten Organen sei. Amr, der Richter, wird am Montag seines Amtes walten und in einem Wahlbüro im Nildelta den Urnengang überwachen. Den Demonstranten auf dem Platz sind die Wahlen allenfalls gleichgültig. Aber wenn es zu Gewaltausbrüchen komme, dann könnten die nur von den Schlägertrupps des alten Regimes ausgehen, betont Ibrahim, ein junger Bankangestellter. "Wir, die Revolutionäre, betreiben keine Obstruktion. Aber nur Gott weiß, was bis Montag noch geschieht", beschreibt er die verbreitete Ungewissheit. (Astrid Frefel aus Kairo /DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2011)

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    Teilnehmer einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo entfalten eine große ägyptische Flagge als Symbol für die Demokratie.

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