"Es wird bei uns subtropischer werden"

25. November 2011, 17:39
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Die Gletscher in den Ostalpen haben keine Daseinsberechtigung mehr, sagt Klimaforscher Georg Kaser. Szenarien für die Klimaerwärmung müssen eher nach oben korrigiert werden.

Innsbruck - Der November 2011 wird als der österreichweit trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen 1858 in die Geschichte eingehen, prognostiziert der Klimatologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg). "Es ist bemerkenswert, dass es seit Wochen in fast allen Regionen Österreichs nicht geregnet hat. Das ist noch nie vorgekommen."

Georg Kaser blickt seit 38 Tagen aus seinem Fenster in Innsbruck. Und seit 38 Tagen sieht der Professor am Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck nur Sonnenschein und höchstens ein paar Wolken. Am 19. Oktober hat es das letzte Mal geregnet, das ist absoluter Rekord. Die bisher längste regenfreie Periode haben die Innsbrucker am Samstag schon um zehn Tage überschritten.

Aus diesem Wetterereignis ein Horrorszenario für die nahe Zukunft abzuleiten liegt Kaser aber fern. Der Klimaforscher entwirft mit seinen Kollegen langfristige Modelle, wie sich das Klima und mit ihm die Welt verändern könnte. Bei diesen Berechnungen gibt es natürlich viele Unsicherheiten. So weiß man etwa heute nicht, wie groß der CO2-Ausstoß in Zukunft sein wird. "Der Rekordanstieg an Emissionen und rekordverdächtige absolute Werte an CO2 werden uns aber dazu veranlassen müssen, die Temperaturanstiegs-Szenarien nach oben zu korrigieren", sagt Kaser.

Andererseits können, aber müssen regionale Wetterphänomene nicht konstant erhalten bleiben. In den Alpen gab es in den letzten 20 Jahren einen massiven Temperaturanstieg um das Doppelte des globalen Mittels. "Aber es wäre absolut unseriös, diese Zahl in die Zukunft zu prognostizieren."

Kleinreden möchte Kaser den Klimawandel in Österreich keinesfalls. "Es besteht kein Zweifel, dass wir Menschen ganz massiv zur Klimaerwärmung beitragen." Der Forscher schreckt auch vor drastischen Worten nicht zurück. "Es ist bei uns leicht subtropisch geworden. Und es wird subtropischer werden. Die Gletscher sind gewaltig in Gefahr. In den Ostalpen haben die Gletscher keine Daseinsberechtigung mehr. Sie existieren nur noch, weil sie schon da sind, und sie verschwinden mit großer Verzögerung. Das Ende ist vorgezeichnet."

Laut dem aktuellen Gletscherbericht des österreichischen Alpenvereins (Saison 2009/10) haben 82 Gletscher an Länge und Masse verloren. Nur sieben konnten ihre Ausdehnung halten, kein einziger hat zugelegt. Am Wasserfallwinkelkees in der Glocknergruppe wurde mit 71,7 Metern der größte Rückgang gemessen. Aktueller, aber nicht vollständig, sind die Zahlen der Zamg: Mitarbeiter stellten fest, dass das "ewige" Eis des Goldbergkees am Hohen Sonnblick nach dem Sommer 2011 um zwei Meter dünner war als 2010. Damit hat der Gletscher mit einer verbleibenden Eisdicke von 30 Metern in einem Jahr fast sieben Prozent seiner Masse verloren. Als Hauptgrund für das Ausapern gelten neben der hohen Temperaturen auch fehlender Neuschnee im Sommer.

Dass sich das Klima signifikant wandeln wird, ist fix und unumkehrbar. Noch lässt sich aber nicht sagen, wie und wie schnell sich Temperaturen und Niederschlagsverhältnisse ändern. Europaweit soll es nach Szenarien der Wissenschafter südlich trockener und nördlich feuchter werden.

Für Österreich lautet die Tendenz laut Klemens Schadauer: "Je östlicher, desto trockener." Der Leiter des Instituts für Waldinventur am Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW) rechnet damit, dass der Wald im Osten, wo das Wachstum von der Niederschlagsmenge abhängt, "seine Grenze erreichen wird - wenn die Prognosen stimmen". Schadauer ist aber überzeugt, dass die Niederschlagsabnahme im Osten Österreichs "in den nächsten 100 Jahren noch keine Rolle spielen wird".

Im alpinen Raum, wo das Waldwachstum vor allem mit der Temperatur zusammenhängt, soll der Bestand hingegen zunehmen. Es werden Waldbewegungen stattfinden, die Buche etwa könnte bereits bei einer geringen Temperaturzunahme erst auf 1400 Meter ihre neue Wachstumsgrenze finden. Der Fichtenbestand in den Alpen wird im Gegensatz dazu abnehmen. Schadauer: "Nicht nur Bäume machen Wanderbewegungen, sondern auch Schädlinge."

Werden die weltweiten CO2-Emissionen nicht radikal eingeschränkt, glaubt Georg Kaser, dass die klimapolitisch als oberste Grenze definierten zwei Grad Globalerwärmung seit Beginn der Industrialisierung bald überschritten werden. 0,7 Grad wurden bis 2007 schon verbraucht. "Sorgen müssen wir uns auf jeden Fall machen. Die entbinden uns aber nicht von der Verantwortung." Lösungen müssten aber Unternehmen und Politiker präsentieren. Kaser: "Wir Forscher sind quasi nur Statiker. Wir sagen euch nur, dass die Brücke bricht. Und wie sie bricht." (David Krutzler/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. November 2011)

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    Der Dachsteingletscher am 13. September 2011. "Das Ende ist vor-gezeichnet", sagt Klimaforscher Georg Kaser. Foto: APA/Gindl

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