"Zu sagen, wir schaffen es nicht, ist keine Option"

Interview25. November 2011, 17:35
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Konferenzen reichen nicht, um den Klimawandel zu stoppen, sagt der Potsdamer Klimaforscher Anders Levermann. Einige Staaten müssten vorangehen und andere mitziehen.

Standard: Die Bekämpfung des Klimawandels ist mit Aufbrechen der Schuldenkrise in den Hintergrund gerückt. Muss man sich damit abfinden, dass die Erderwärmung nicht mehr zu stoppen ist?

Levermann: Nein, das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten. Aber es wird zusehends schwerer. Schuldenkrise und Klimawandel haben ähnliche Ursachen: Wir leben auf Kosten künftiger Generationen. Bei den Schulden wird uns jetzt die Rechnung präsentiert. Die abzutragen wird Jahre dauern. Und beim Klimawandel sind es die Emissionen, die wir nicht im Griff haben. Die Folgen ausbaden müssen andere.

Standard: Sind Klimakonferenzen wie die in Südafrika der geeignete Rahmen, etwas weiterzubringen?

Levermann: Es gibt nichts Besseres. Wir brauchen diese Verhandlungen, um einen Deckel auf das Kohlendioxid zu setzen. Die Chancen in Durban sind leider nicht groß.

Standard: Man könnte den Ausbau erneuerbarer Energien forcieren.

Levermann: Ohne weltweites Limit für den CO2-Ausstoß geht nichts. Kohle wäre viel zu billig, es würde noch mehr davon verfeuert, und der Ausstoß von Treibhausgasen würde weiter steigen statt sinken. Die Zeit drängt. Wenn bis 2015 die Wende bei den CO2-Emissionen nicht gelingt, müssen wir dann umso schneller mit den Emissionen runter.

Standard: Klimagipfel - unnötiger Konferenztourismus, der mehr schadet, als bringt?

Levermann: Der Transfer nach Durban ist sicher nicht klimafreundlich, fällt aber kaum ins Gewicht. Wenn etwas herauskommt, ist es ein guter Dienst an der Menschheit, Flug hin oder her.

Standard: Meist wird bei großen Konferenzen nur ein Minimalkonsens erreicht, der nicht das festschreibt, was notwendig wäre.

Levermann: Deshalb müssen wir abseits der Klimakonferenzen über andere Wege nachdenken, die Erderwärmung zu stoppen.

Standard: Welche beispielsweise?

Levermann: Eine Gruppe von Vorreiterstaaten, die dieses Schwungrad mit marktwirtschaftlichen Mitteln in Gang bringt. Der Einsatz erneuerbarer Energien ist im Hinblick auf die CO2-Problematik ein Muss, viele Staaten könnten damit die Abhängigkeit von Energieimporten senken. Der Grund, warum wir an fossilen Energien hängen, ist nicht, weil sie so billig sind, sondern weil sie noch immer so billig sind.

Standard: UN-Klimakonferenzen waren durchwegs enttäuschend?

Levermann: Das stimmt. Einiges ist zwar erreicht worden, aber bei weitem nicht genug. Wir befinden uns auf einem Pfad, der uns in die Richtung unkontrollierbarer Klimaveränderungen bringt. 2010 wurden weltweit die meisten Emissionen gemessen, trotz Wirtschaftskrise. Das zeigt den Ernst der Lage.

Standard: Seit Kioto beschäftigen sich die Staaten nur noch mit einem Instrument, das Problem zu lösen: den Emissionsrechten. Ist das der richtige Hebel, um die Erderwärmung in den Griff zu bekommen?

Levermann: Nur wenn es gelingt, eine Obergrenze festzulegen. Der Emissionshandel an sich ist gut, weil er interna-tional funktioniert und die Dynamik der Ökonomie auf-nimmt. Es ist gut, Industrieunternehmen zu erlauben, CO2-Zertifikate zu Geld zu machen, indem sie weniger in die Atmosphäre blasen. Wenn es gelingt, den europäischen Emissionshandel um Staaten wie Kalifornien, vielleicht irgendwann auch China und die gesamte USA zu ergänzen, kann man das große Ziel vielleicht auch in Etappen schaffen.

Standard: Finanzielle Anreize als Triebfeder für richtiges Handeln?

Levermann: Wieso nicht. Wir brauchen eine unglaubliche Geschwindigkeit in der Umstellung. Diese kommt, denke ich, aus der Wirtschaft, nicht aus der Politik.

Standard: Die Aufgabe erscheint so riesig, dass viele wie vor einem Elefanten ohnmächtig erstarren?

Levermann: Zu sagen, wir schaffen es nicht, wir lassen es gleich bleiben, ist keine Option. Wenn man bedenkt, was schon alles gelungen ist, wird man auch das hinkriegen. Wir brauchen eine Art Manhattan-Projekt erneuerbarer Energien, eine weltweite Anstrengung, die Energiewirtschaft kohlenstofffrei zu machen, ohne unsere Produktionsfähigkeit zu verringern. (Im Zweiten Weltkrieg zogen die USA in einer Geheimmission Wissenschafter zur Entwicklung und zum Bau einer Waffe gegen Hitler-Deutschland zusammen, heraus kam die Atombombe; Anm.)

Standard: Muss es erst schlimmer werden, bevor etwas passiert?

Levermann: Das Problem beim Klima ist, dass Ursache und Wirkung zeitlich weit auseinanderliegen. Wir können uns schlicht nicht leisten zu warten, bis die Auswirkungen in letzter Konsequenz spürbar sind.

Standard: Lässt sich das Rad nicht zurückdrehen?

Levermann: Es gibt noch keine passende Technologie, das CO2 aus der Atmosphäre zu holen. Man muss auf die Warnsignale hören. Das Ozonloch hat man auch nicht gesehen und dennoch auf die Messungen vertraut. Viele wurden dadurch vor Hautkrebs bewahrt.

Standard: Sollten nicht schleunigst Anpassungsmaßnahmen getroffen werden?

Levermann: Das muss man auf jeden Fall tun, weil wir in den zurückliegenden Jahrzehnten schon Klimawandel verursacht haben, der nicht mehr aufhaltbar ist. Wenn man das in großem Stil macht, wird man feststellen, dass das sehr teuer wird und dass Klimaschutz die günstigere Option ist. (Günther Stobl/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. November 2011)

Anders Levermann (38) ist leitender Wissenschafter am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Zahlreiche Forschungsaufenthalte führten ihn in die USA, nach Indien und China. Levermann beschäftigt sich vor allem mit den sogenannten Kipp-Prozessen im Klimasystem.

  • An Elefanten ein Beispiel nehmen, Konzentration auf das Wesentliche: So 
lässt sich womöglich auch der Klimawandel stoppen.
    foto: dadp

    An Elefanten ein Beispiel nehmen, Konzentration auf das Wesentliche: So lässt sich womöglich auch der Klimawandel stoppen.

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