Tritt gegen Zehnjährigen war "nur Spaß"

25. November 2011, 17:40
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Staatsanwalt stellt Ermittlungen gegen Heimerzieher ein, Kritik der Kinderanwältin

St. Pölten - Vor einigen Wochen sorgte dieser Fall für öffentliche Empörung: Ein Erzieher in den Kinderwohngemeinschaften Judenau (Bezirk Tulln) hatte im Sommer mit einer Kickbock-Bewegung ein zehnjähriges Kind gegen die Brust getreten. Ein anderes Kind filmte den Vorfall mit dem Handy, die Mutter des Buben erstattete Anzeige. Der Mann wurde vorläufig suspendiert, Polizei und Justiz ermittelten.

Nun hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Begründung: Weder habe sich der Verdacht des "Quälens von Unmündigen" erhärtet noch sei der Tatbestand der Körperverletzung erfüllt worden. Es habe sich lediglich um einen "Spaß", eine "spielerische Rangelei" zwischen Kind und Betreuer gehandelt. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft läuft gegen diese Entscheidung Sturm. Sie habe das Gefühl, dass die Kinder im vorliegenden Fall bei den Ermittlungen "abgeschasselt" worden seien, sagt Kinder- und Jugendanwältin Andrea Holz-Dahrenstädt. Die Polizisten, welche die Kinder (es handelt sich um Geschwister) befragten, seien von diesen nicht als Vertrauenspersonen wahrgenommen worden, "sie haben eher Angst gehabt, etwas zu sagen", sagte Holz-Dahrenstädt zum ORF Niederösterreich.

"Demütigender Übergriff"

Bei dem Tritt habe es sich "um einen demütigenden Übergriff" gehandelt. Zudem hätten die Geschwister der Kinderanwaltschaft berichtet, der Tritt sei kein einmaliges Vorkommnis gewesen.

Wolfgang Apfelthaler, Geschäftsführer der Kinder-Wohngemeinschaften in Judenau, "zweifelt" laut ORF an den Aussagen der Kinder. Laut Staatsanwaltschaft ist die Befragung bei der Polizei "kindgerecht durch besonders geschulte Beamte" erfolgt. Erschwert wird die Problematik dadurch, dass die Obsorge für die Kinder beim Jugendamt des Landes liegt, das an den Befragungen der Kinder beteiligt war.

Die Geschwister sind nun in Salzburg untergebracht, was die Besuche bei ihrer leiblichen Mutter erschwert.

Kinderanwältin Holz-Dahrenstädt warnt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, "als Kinder nicht ernstgenommen wurden". Sie fordert eine Reform der Jugendwohlfahrt. Jedes Kind, das in einem Heim aufwachse, müsse eine Vertrauensperson zur Seite gestellt bekommen. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2011)

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