Irischer Finanzminister

"Wir brauchen eine Firewall für die Eurozone"

Interview | Sebastian Borger, 25. November 2011, 17:32
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    foto: standard/balogh

    Irlands Finanzminister Michael Noonan fordert niedrigere Zinsen für die Hilfskredite irischer Banken.

Der irische Finanzminister Michael Noonan hält es für unwahrscheinlich, dass sich im Land eine Mehrheit für eine Änderung der EU-Verträge findet

Für den irischen Finanzminister Michael Noonan hat Irland seine Hausaufgaben gemacht. Er fordert für Irlands Bankschulden niedrigere Zinsen der EU-Partner.

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STANDARD: Herr Noonan, machen Sie sich auf den Zusammenbruch der Eurozone gefasst?

Noonan: Nicht im Detail. Natürlich haben wir über Notfallpläne nachgedacht, aber die Möglichkeit, dass es dazu kommt, ist doch sehr gering. Der Euro hat sich ja als starke Währung gezeigt und den EU-Binnenhandel angeregt. Ich würde unterscheiden zwischen der Währung und dem derzeitigen Schuldenproblem. Das müssen wir lösen.

STANDARD: Irland musste vor einem Jahr um Hilfe bitten.

Noonan: Durch das IWF/EU-Paket sind wir vor dem derzeitigen Sturm geschützt. Wir Iren haben unsere Aufgaben erledigt. Jetzt müssen wir in der Eurozone einen Weg finden, wie wir eine Firewall bauen können, um der derzeitigen Krise Einhalt zu gebieten. Die Rolle der Europäischen Zentralbank bietet sicher Stoff für Diskussionen. Es soll da ja rechtliche Schwierigkeiten geben. Vielleicht kann sie in Kombination mit dem Rettungsschirm EFSF oder dem Internationalen Währungsfonds agieren.

STANDARD: Der Zinssatz für das irische Hilfspaket von durchschnittlich 5,8 Prozent ist im Juli gesenkt worden.

Noonan: Der ursprüngliche Deal enthielt einen Strafzins von drei Prozent. Das war eine Narretei und eine harte Lektion für die irischen Steuerzahler. Unser Land hat im vergangenen Jahr eine übermäßig schwere Last auf sich genommen, um das europäische Bankensystem vor der Ansteckung zu bewahren. Wir möchten unsere Schuldenlast reduzieren und erwarten von unseren Partnern, dass wir gemeinsam nach Wegen suchen. Es ist doch so: Wo immer es unverantwortliche Schuldner gibt, gibt es auch einen unverantwortlichen Gläubiger.

STANDARD: In Irlands Fall waren dies vor allem Banken in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Wie könnte diese Schuldenreduzierung aussehen?

Noonan: Es gibt da verschiedene Wege. Wir haben ja unterschiedliche Kredite bekommen, teils bezogen auf Staatsschulden, teils auf die Banken. Zum Beispiel könnte man den Schuldschein bezüglich der Anglo Irish Bank ...

STANDARD: ... der inzwischen abgewickelten schlimmsten Pleitebank Irlands ...

Noonan: ... neu formulieren und dabei die Zinslast erleichtern. Darüber führen wir technische Gespräche. Es ist doch so: Ein Großteil des Desasters ist unsere Schuld, das bestreitet ja niemand. Aber ein übergroßer Schuldenberg wird das Wachstum behindern, von dem die Erholung Irlands abhängt.

STANDARD: Frankreich und Deutschland entwickeln Pläne für eine innere oder nordeuropäische Eurozone. Wird Irland dabei sein?

Noonan: Ich weiß davon nichts. In den europäischen Gremien war davon nie die Rede. Es hat also keinen Sinn, darüber zu spekulieren.

STANDARD: Deutschland wünscht sich für die Zukunft der Eurozone neue vertragliche Regelungen. Was halten Sie davon?

Noonan: Unsere Verfassung schreibt vor, dass EU-Verträge dem Volk vorgelegt werden müssen. Premierminister Enda Kenny hat ja in Brüssel schon sehr deutlich gemacht: In der derzeitigen Stimmung wäre es äußerst schwierig, eine Volksabstimmung zu gewinnen. Wir sollten nach Wegen für eine Lösung der Probleme suchen, die unterhalb der Schwelle neuer Verträge liegt. Unserer Meinung nach können 95 Prozent der angestrebten Änderungen innerhalb bestehender Verträge gemacht werden.

STANDARD: Ihre mittelfristige Finanzplanung sieht vor, dass die Staatsschulden bis 2014 auf 118 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Kann Ihre Volkswirtschaft genug wachsen, um diesen Schuldenberg abzubauen?

Noonan: Das können wir schaffen. Aber niemand unterschätzt die Schwierigkeiten. In den Achtzigerjahren war unsere Schuldenlast schon einmal höher.

STANDARD: Die Löhne im öffentlichen Dienst sind durchschnittlich um 14 Prozent gefallen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 14,5 Prozent, die Steuern mussten erhöht werden. Kann das so weitergehen, ohne dass die Bürger protestieren?

Noonan: Die Realität ist doch die: Es gibt keine schmerzfreie, einfache Lösung. Hier in Irland müssen wir die Staatsausgaben weiter kürzen und dabei auf Fairness achten. Wir hatten bisher keine Szenen von Straßenschlachten wie in Griechenland. Das soll auch in Zukunft so bleiben. (Sebastian Borger, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)

Person Michael Noonan (68) war, wie Irlands Regierungschef Enda Kenny, Lehrer, ehe er in seiner westirischen Heimatstadt Limerick in die Politik ging. Früheren Regierungen diente er als Justiz- und Gesundheitsminister. Der fünffache Vater war kurzzeitig auch Chef der liberal-konservativen Fine-Gael-Partei.

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10 Postings
Der Schärdinger
 
00
27.11.2011, 17:02
Der Schärdinger

Man sollte nie jemanden etwas unterstellen, schauma mal was kommt, alle Vertragsänderungen sollten dem Volke vorgelegt werden, so hat man es verlautbart, so hat es auch eingehalten zu werden, wenn der Herr Bundeskanzler dies vergißt, so wird ihn das nächste Wahlergebnis beim Sch....lafen verfolgen.
Ich denke doch , dass ihm daran gelegen ist, dass Strache nicht die Wahl gewinnt, zweiter wird er sowieso. Leider!!!!!!!!!!!!!!!!

derunbestechliche
02
27.11.2011, 10:12

Die Iren sollen die Unternehmenssteuern halbwegs auf EU-Niveau heben, dann reden wir weiter. Ich habe ja nichts dagegen, einmal einem krisengeschüttelten EU-Land in der €-Zone zu helfen, aber dann auch noch weiterhin die niedrigen Unternehmenssteuern zu sponsoren, geht dann doch etwas zu weit.

Vera Rschung
 
00
27.11.2011, 10:05
Aufgaben erledigt

Gute Nachricht! Wurden die skandalös niedrigen Unternehmenssteuern (Stichwort: Steuerdumping) also schon angehoben? Wurde die Steuerbefreiung für Künstler und Schriftsteller - „tax exemption“ - bereits aufgehoben?
Nichtzuletzt, sind Christoph Ransmayr und Felix Mitterer immer noch in der schönen Steueroase Irland ansässig, wo sich auch die Multimillionäre von U2 keinen Cent fürs Gemeinwohl abzwacken, oder zahlen sie wieder in Österreich Steuern?
Vom tiroler Heimatdichter Mitterer ist bei Wikipedia zu lesen: "Er hat 2010 zwecks Übersiedlung nach Österreich im Weinviertel in der Nähe von Wien einen Bauernhof gekauft."
Was Wirtschaftskrisen und Steuerrechtsänderungen so alles bewirken.

franz der freie
 
01
27.11.2011, 08:45
man sucht eine lösung, die unterhalb der schwelle neuer verträge liegt.

im klartext: man hat angst das volk zu befragen, und versucht dies zu verhindern> mit illegalen und undemokratischen mitteln. wird in österreich auch nicht anders sein. bei etwaigen vertragsänderungen wird sich faymann mit sicherheit nicht an sein versprechen, das volk zu befragen, erinnern.

Adolf Ogi
01
26.11.2011, 17:16
Devisenbewirtschaftung

wär die beste Firewall, gleichzeitig ein Jobmotor innerhalb der Eurozone.

Peter_23
02
26.11.2011, 16:52
"Unsere Verfassung schreibt vor, dass EU-Verträge dem Volk vorgelegt werden müssen."

In Österreich hat der Failmann das auch versprochen: Jede weitere EU-Vertragsänderung Bedaf einer Volksabstimmung. Nur wird Failmann das Versprechen wohl brechen und so tun als wüsste er von Nichts. Wie jemand ohne Rückgrat.

Und leider steht das auch nicht in der Österreichischen Verfassung. Da schreibt man nur sowas wichtiges wie Taxilizenzen und Kreditbremsen rein.

Bakunin
00
26.11.2011, 15:18
aber er steht vor einer ungarischen Aufschrift

erös (eur-)opa ... starkes (eur)opa

Waldorf and Statler
 
06
26.11.2011, 10:48

Ein Land welches seine Bürger nun zur Kasse bittet, aber Unternehmen immer noch mit 12.5% besteuert, verdient es nicht besser.

budowitz
00
25.11.2011, 23:29
da ...

...spricht ein kluger, informierte mann. 'Unserer Meinung nach können 95 Prozent der angestrebten Änderungen innerhalb bestehender Verträge gemacht werden. ' und keine bevölkerung europas würde etwas anderem zustimmen. angestrebt... von wem eigentlich???

black jack
00
26.11.2011, 11:26

Deutschland und Frankreich ... um deren "praktische" Hegemonie auch "theoretisch" zu institutionalisieren und abzusichern.

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