Der irische Finanzminister Michael Noonan hält es für unwahrscheinlich, dass sich im Land eine Mehrheit für eine Änderung der EU-Verträge findet
Für den irischen Finanzminister Michael Noonan hat Irland seine Hausaufgaben gemacht. Er fordert für Irlands Bankschulden niedrigere Zinsen der EU-Partner.
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STANDARD: Herr Noonan, machen Sie sich auf den Zusammenbruch der
Eurozone gefasst?
Noonan: Nicht im Detail. Natürlich haben wir über Notfallpläne
nachgedacht, aber die Möglichkeit, dass es dazu kommt, ist doch sehr
gering. Der Euro hat sich ja als starke Währung gezeigt und den
EU-Binnenhandel angeregt. Ich würde unterscheiden zwischen der Währung
und dem derzeitigen Schuldenproblem. Das müssen wir lösen.
STANDARD: Irland musste vor einem Jahr um Hilfe bitten.
Noonan: Durch das IWF/EU-Paket sind wir vor dem derzeitigen Sturm
geschützt. Wir Iren haben unsere Aufgaben erledigt. Jetzt müssen wir in
der Eurozone einen Weg finden, wie wir eine Firewall bauen können, um
der derzeitigen Krise Einhalt zu gebieten. Die Rolle der Europäischen
Zentralbank bietet sicher Stoff für Diskussionen. Es soll da ja
rechtliche Schwierigkeiten geben. Vielleicht kann sie in Kombination mit
dem Rettungsschirm EFSF oder dem Internationalen Währungsfonds agieren.
STANDARD: Der Zinssatz für das irische Hilfspaket von durchschnittlich
5,8 Prozent ist im Juli gesenkt worden.
Noonan: Der ursprüngliche Deal enthielt einen Strafzins von drei
Prozent. Das war eine Narretei und eine harte Lektion für die irischen
Steuerzahler. Unser Land hat im vergangenen Jahr eine übermäßig schwere
Last auf sich genommen, um das europäische Bankensystem vor der
Ansteckung zu bewahren. Wir möchten unsere Schuldenlast reduzieren und
erwarten von unseren Partnern, dass wir gemeinsam nach Wegen suchen. Es
ist doch so: Wo immer es unverantwortliche Schuldner gibt, gibt es auch
einen unverantwortlichen Gläubiger.
STANDARD: In Irlands Fall waren dies vor allem Banken in Deutschland,
Frankreich und Großbritannien. Wie könnte diese Schuldenreduzierung
aussehen?
Noonan: Es gibt da verschiedene Wege. Wir haben ja unterschiedliche
Kredite bekommen, teils bezogen auf Staatsschulden, teils auf die
Banken. Zum Beispiel könnte man den Schuldschein bezüglich der Anglo
Irish Bank ...
STANDARD: ... der inzwischen abgewickelten schlimmsten Pleitebank
Irlands ...
Noonan: ... neu formulieren und dabei die Zinslast erleichtern. Darüber
führen wir technische Gespräche. Es ist doch so: Ein Großteil des
Desasters ist unsere Schuld, das bestreitet ja niemand. Aber ein
übergroßer Schuldenberg wird das Wachstum behindern, von dem die
Erholung Irlands abhängt.
STANDARD: Frankreich und Deutschland entwickeln Pläne für eine innere
oder nordeuropäische Eurozone. Wird Irland dabei sein?
Noonan: Ich weiß davon nichts. In den europäischen Gremien war davon nie
die Rede. Es hat also keinen Sinn, darüber zu spekulieren.
STANDARD: Deutschland wünscht sich für die Zukunft der Eurozone neue
vertragliche Regelungen. Was halten Sie davon?
Noonan: Unsere Verfassung schreibt vor, dass EU-Verträge dem Volk
vorgelegt werden müssen. Premierminister Enda Kenny hat ja in Brüssel
schon sehr deutlich gemacht: In der derzeitigen Stimmung wäre es äußerst
schwierig, eine Volksabstimmung zu gewinnen. Wir sollten nach Wegen für
eine Lösung der Probleme suchen, die unterhalb der Schwelle neuer
Verträge liegt. Unserer Meinung nach können 95 Prozent der angestrebten
Änderungen innerhalb bestehender Verträge gemacht werden.
STANDARD: Ihre mittelfristige Finanzplanung sieht vor, dass die
Staatsschulden bis 2014 auf 118 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
steigen. Kann Ihre Volkswirtschaft genug wachsen, um diesen Schuldenberg
abzubauen?
Noonan: Das können wir schaffen. Aber niemand unterschätzt die
Schwierigkeiten. In den Achtzigerjahren war unsere Schuldenlast schon
einmal höher.
STANDARD: Die Löhne im öffentlichen Dienst sind durchschnittlich um 14
Prozent gefallen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 14,5 Prozent, die
Steuern mussten erhöht werden. Kann das so weitergehen, ohne dass die
Bürger protestieren?
Noonan: Die Realität ist doch die: Es gibt keine schmerzfreie, einfache
Lösung. Hier in Irland müssen wir die Staatsausgaben weiter kürzen und
dabei auf Fairness achten. Wir hatten bisher keine Szenen von
Straßenschlachten wie in Griechenland. Das soll auch in Zukunft so
bleiben. (Sebastian Borger, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)
Person Michael Noonan (68) war, wie Irlands Regierungschef Enda Kenny, Lehrer,
ehe er in seiner westirischen Heimatstadt Limerick in die Politik ging.
Früheren Regierungen diente er als Justiz- und Gesundheitsminister. Der
fünffache Vater war kurzzeitig auch Chef der liberal-konservativen
Fine-Gael-Partei.