Elf Tonnen CO2-Ausstoß verursacht Herr Österreicher pro Jahr, 2,5 Tonnen sollten es sein. Edmund Brandner wurde zum Klimamönch
Linz - Jean-Pierre musste gehen. Nach sechs Jahren Beziehung war
plötzlich alles vorbei. Was innig im Internet begann endete an einem
kalten Jännermorgen einsam am Straßenrand. Nein, die Liebe war nicht
verflogen, die Gefühle waren stark wie am ersten Tag. Vielmehr war es
eine Vernunftentscheidung, die Edmund Brandner im Jänner 2010 traf. Der
blitzblaue Peugeot 306 (Cabrio), familienintern liebevoll Jean-Pierre
genannt, musste zum Autohändler. 175 Gramm CO2 pro Kilometer, aufs Jahr
gerechnet also rund zwei Tonnen CO2. Deutlich zu viel für einen
Klimamönch. Edmund Brandner, Redakteur der "Oberösterreichischen
Nachrichten" im Salzkammergut, fällte nämlich Ende 2009 eine
folgenschwere Entscheidung: Ein Jahr lang zu leben, wie Klimaschützer es
empfehlen. Und die (Mess-)Latte liegt hoch: Will man die Erwärmung der
Atmosphäre bei zwei Grad deckeln, sollte die weltweite Pro-Kopf-Emission
jährlich rund 2,5 Tonnen nicht überschreiten.
Radl und Bratl
365 Tage CO2-Entzug - Edmund Brandner wollte es wissen. Doch vor dem
Verzicht kam noch einmal die Völlerei: "Silvester 2009 gab's morgens
warmen Leberkäse, mittags Surripperln und abends Lammcurry. Dazwischen
lange Autofahrten."
Aber dann: Das Auto wird mit einem Fahrrad samt Anhänger getauscht. Die
Ehefrau ist begeistert, der 13-jährige Sohn muss nicht ins
Klima-Kloster. Brander: "Ich wollte ihm nichts aufzwingen." Das
Eigenheim der Brandners in Gschwandt bei Gmunden kann mit einer
Pelletsheizung und Solaranlage unverändert Teil des Klima-Experiments
werden. Und der Lokaljournalist sucht bewusst die Öffentlichkeit:
Regelmäßig erscheint ab ersten Jänner 2010 die Kolumne "Brandner rettet
das Klima". Das Wesentliche sei in der ersten Woche passiert. Brandner:
"Ich habe gewusst, dass ich mein Leben total entrümpeln muss. Es ist
spannend, worauf man nicht verzichten kann." Der Journalist wirft also
auf dem Weg zum Klimamönch Ballast ab - und gewinnt an Lebensqualität.
Brandner: "Man lebt bewusster. Früher bin ich mit dem Auto in die
nächste Stadt gefahren, heute fahr ich mit dem Rad zum Greißler. Und der
ist genial. Da kann ich mit der Kassiererin über Fußball reden, was im
Supermarkt nicht geht."
Doch schnell wird dem 42-Jährigen klar, dass auch ein Klimamönch nicht
völlig enthaltsam leben kann. "Man darf und muss Kompromisse eingehen.
Meine Frau hat ihr kleines Auto behalten, ich benutze für weite Strecken
den Dienstwagen", erzählt Brandner. 6000 Fahrradkilometer belegen aber,
dass der Dienstwagen oft in der Garage bleibt.
Einen wohldosierten Verzicht legte sich Brandner übrigens beim Thema
"Fleisch" auf. Ganz ohne wäre nicht gegangen, auch wenn die Produktion
von einem Kilogramm Schweinefleisch 3,2 Kilogramm CO2 freisetzt. Die
morgendliche Leberkäsesemmel wurde gestrichen, und Fleisch wurde auf dem
Wochenspeiseplan weitgehend durch Biogemüse ersetzt. Brandner: "Da
freust dich dann am Wochenende so richtig auf ein feines Bratl." Doch
das öffentliche CO2-Fasten hat auch seinen Preis: "Die Leute beobachten
dich beim Einkaufen, schreiben dir dann böse E-Mails, wennst was
Falsches kaufst. Manche haben mich auch beschimpft, wenn sie mich im
Dienstwagen gesehen haben."
Katzenglück
Edmund Brandner hat durchgehalten. Sein Ziel hat er nicht erreicht: "4,5
Tonnen CO2-Emission habe ich geschafft, damit kann ich gut leben. Und
wir haben ein schöneres Leben als zuvor. Ich bleib auf jeden Fall weiter
Klimamönch, denn Klimaretter leben einfach unverschämt gut."
Was auch Hauskater Luigi freut: Mit dem Experiment flogen nämlich die
Katzenfutterdosen aus dem Regal, Luigi bekommt jetzt Innereien vom
Bauernmarkt. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)