"Klimaretter leben einfach unverschämt gut"

25. November 2011, 17:05
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Elf Tonnen CO2-Ausstoß verursacht Herr Österreicher pro Jahr, 2,5 Tonnen sollten es sein. Edmund Brandner wurde zum Klimamönch

Linz - Jean-Pierre musste gehen. Nach sechs Jahren Beziehung war plötzlich alles vorbei. Was innig im Internet begann endete an einem kalten Jännermorgen einsam am Straßenrand. Nein, die Liebe war nicht verflogen, die Gefühle waren stark wie am ersten Tag. Vielmehr war es eine Vernunftentscheidung, die Edmund Brandner im Jänner 2010 traf. Der blitzblaue Peugeot 306 (Cabrio), familienintern liebevoll Jean-Pierre genannt, musste zum Autohändler. 175 Gramm CO2 pro Kilometer, aufs Jahr gerechnet also rund zwei Tonnen CO2. Deutlich zu viel für einen Klimamönch. Edmund Brandner, Redakteur der "Oberösterreichischen Nachrichten" im Salzkammergut, fällte nämlich Ende 2009 eine folgenschwere Entscheidung: Ein Jahr lang zu leben, wie Klimaschützer es empfehlen. Und die (Mess-)Latte liegt hoch: Will man die Erwärmung der Atmosphäre bei zwei Grad deckeln, sollte die weltweite Pro-Kopf-Emission jährlich rund 2,5 Tonnen nicht überschreiten.

Radl und Bratl

365 Tage CO2-Entzug - Edmund Brandner wollte es wissen. Doch vor dem Verzicht kam noch einmal die Völlerei: "Silvester 2009 gab's morgens warmen Leberkäse, mittags Surripperln und abends Lammcurry. Dazwischen lange Autofahrten."

Aber dann: Das Auto wird mit einem Fahrrad samt Anhänger getauscht. Die Ehefrau ist begeistert, der 13-jährige Sohn muss nicht ins Klima-Kloster. Brander: "Ich wollte ihm nichts aufzwingen." Das Eigenheim der Brandners in Gschwandt bei Gmunden kann mit einer Pelletsheizung und Solaranlage unverändert Teil des Klima-Experiments werden. Und der Lokaljournalist sucht bewusst die Öffentlichkeit: Regelmäßig erscheint ab ersten Jänner 2010 die Kolumne "Brandner rettet das Klima". Das Wesentliche sei in der ersten Woche passiert. Brandner: "Ich habe gewusst, dass ich mein Leben total entrümpeln muss. Es ist spannend, worauf man nicht verzichten kann." Der Journalist wirft also auf dem Weg zum Klimamönch Ballast ab - und gewinnt an Lebensqualität. Brandner: "Man lebt bewusster. Früher bin ich mit dem Auto in die nächste Stadt gefahren, heute fahr ich mit dem Rad zum Greißler. Und der ist genial. Da kann ich mit der Kassiererin über Fußball reden, was im Supermarkt nicht geht."

Doch schnell wird dem 42-Jährigen klar, dass auch ein Klimamönch nicht völlig enthaltsam leben kann. "Man darf und muss Kompromisse eingehen. Meine Frau hat ihr kleines Auto behalten, ich benutze für weite Strecken den Dienstwagen", erzählt Brandner. 6000 Fahrradkilometer belegen aber, dass der Dienstwagen oft in der Garage bleibt.

Einen wohldosierten Verzicht legte sich Brandner übrigens beim Thema "Fleisch" auf. Ganz ohne wäre nicht gegangen, auch wenn die Produktion von einem Kilogramm Schweinefleisch 3,2 Kilogramm CO2 freisetzt. Die morgendliche Leberkäsesemmel wurde gestrichen, und Fleisch wurde auf dem Wochenspeiseplan weitgehend durch Biogemüse ersetzt. Brandner: "Da freust dich dann am Wochenende so richtig auf ein feines Bratl." Doch das öffentliche CO2-Fasten hat auch seinen Preis: "Die Leute beobachten dich beim Einkaufen, schreiben dir dann böse E-Mails, wennst was Falsches kaufst. Manche haben mich auch beschimpft, wenn sie mich im Dienstwagen gesehen haben."

Katzenglück

Edmund Brandner hat durchgehalten. Sein Ziel hat er nicht erreicht: "4,5 Tonnen CO2-Emission habe ich geschafft, damit kann ich gut leben. Und wir haben ein schöneres Leben als zuvor. Ich bleib auf jeden Fall weiter Klimamönch, denn Klimaretter leben einfach unverschämt gut."

Was auch Hauskater Luigi freut: Mit dem Experiment flogen nämlich die Katzenfutterdosen aus dem Regal, Luigi bekommt jetzt Innereien vom Bauernmarkt. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.11/27.11.2011)

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    foto: standard/corn
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