Die Kunst der Konzertkritik

25. November 2011, 17:15
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Glück und Unglück lagen diesmal vor der Stadthalle eng beisammen

Glück und Unglück lagen diesmal vor der Stadthalle eng beisammen. All jene, die sich Montagabend schon auf dem Weg zur Wiener Stadthalle gemacht hatten, standen leider vor verschlossenen Türen. In allerletzter Minute musste George Michael sein Wien-Konzert der "Symphonica"-Tour absagen, berichtete die "Kronen Zeitung" am Dienstag. So weit das Unglück - und gleich daneben das Glück: Es handelte sich um eine glatte Falschmeldung, die auf der Annahme beruhte: Bereits seit Sonntag war George Michael in Wien und versuchte, sich zu erholen - doch leider umsonst. Statt zu singen musste er das Bett hüten.

Alles nicht wahr, gilt in der "Kronen Zeitung" doch die Maxime: Wahr ist auch das Gegenteil, wenn es das Geschäft befördert. Wie immer allen anderen Blättern bis ins letzte Polizeiwachzimmer voraus - nicht grundlos gilt in Österreich der kategorische Imperativ "Schau in die Krone!" -, hatte sie schon in der ersten Ausgabe einen ganzseitigen detaillierten Bericht über George Michaels in der Stadthalle abgelieferte Musikperlen samt Fotos, mit dem die vor der Stadthalle aufwartenden "Krone"-Kolporteure den Fans, die leider vor verschlossenen Türen standen, die Augen öffneten für den Genuss, den sie erhofften, als sie sich auf dem Weg zur Wiener Stadthalle gemacht hatten: Superstar George Michael begeisterte Montagabend beim "Krone"-Konzert in Wien mit ganz besonderen Liedern.

Eine dunkle Ahnung mag die Verfasserin dieses Tatsachenberichts durchzogen haben, als sie ihn mit den Worten begann: Man muss schon ein ganz Großer sein, wenn man sich seine eigenen Wünsche und nicht die der Fans erfüllen kann. Nur dass die Erfüllung der eigenen Wünsche für den ganz Großen darin bestand, das Bett zu hüten, konnte sie nicht erkennen im Taumel der Begeisterung darüber, dass George Michael auch den Fans mit diesem Konzert einen Wunsch erfüllt, von dem sie nur noch nicht wussten, dass sie ihn hatten. Als sie die "Krone" lasen, wussten sie es, denn für den getreuen Leser dieses Blattes gilt ehern das als wahr, was drinsteht, und nicht das, was draußen vorgeht. Die Leserbriefe beweisen es täglich.

Er groovt, swingt und jazzt sich mit seiner Gänsehautstimme durch Musikperlen wie Nina Simones "My Baby Just Cares For Me", Terence Trent D'Arbys "Let Her Down Easy" und Stings legendären Hit "Roxane". Vor Amy Winehouse verneigt er sich mit einer berührenden Version von "Love Is A Losing Game" und sogar aus "Russian Roulette" von der R&B-Queen Rihanna macht er seinen ganz eigenen Song. Wer könnte bei so vielen Sachbeweisen für eine gelungene Veranstaltung noch daran zweifeln: Bei "Freedom" und "I'm Your Man" bebt die Halle.

Das Beben setzte sich bis zur Konkurrenz fort. Peinlich! "Krone" hatte falsche Kritik, stöhnte "Österreich" auf. Dazu jubelte man den Lesern alte Tour-Fotos als vermeintlich neue Wien-Bilder unter. Eine Kritik eines Konzertes, das es nie gab - so etwas findet man auch nur in der "Krone". Wer könnte berufener sein, ein solches Urteil zu fällen, als "Österreich"? Immerhin blieb Christoph Dichand die Qualifizierung Bettnässer erspart.

"Die Presse", das Blatt, dem man nichts vormachen kann, klärte ihre Leser gewohnt souverän über die "Krone"-Technik des Konzertberichts auf. Zu erklären ist dieser Bericht über ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat, wohl mit der in österreichischen Boulevardzeitungen üblichen Praxis, schon für die Abendausgabe über ein Kulturereignis zu schreiben, das zur Zeit des Erscheinens der Zeitung (geschweige denn zur Zeit des Verfassens des Artikels) noch gar nicht stattgefunden haben kann. Wenn der Bericht über ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat, zu einer Zeit geschrieben wird, in der das Ereignis noch gar nicht stattgefunden haben kann, liegt zweifellos ein ernstes Problem vor.

Vielleicht liegt Berichterstattung dieser Art in der Familie. Der "Kurier" berichtete Mittwoch genüsslich von einem Model namens Patricia Kaiser, das in "Heute" zu einem zwei Jahre zurückliegenden Unfall mit den Worten zitiert wurde: "Ich hatte einen Schutzengel. Aber Gustl war sofort tot. Ich wollte Hilfe holen - bin auf der Straße gestanden -, aber erst das sechste Auto hielt an." Dazu das Model: "Weder hat die Zeitung "Heute" je ein Interview mit mir gemacht noch würde ich je eins geben!" Vor allem: "Ich würde Gusti nie Gustl nennen." Entschuldigen wird sich "Heute" ebenso wenig wie die "Krone". Die meldete bloß die Absage des Konzerts - in der zweiten Ausgabe und ohne Bedauern. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.11.2011)

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