Algen fressen Kohlendioxid - und liefern Sprit

29. November 2011, 17:09
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In einer Versuchsanlage in Brandenburg reinigen Algen die Abgase eines Kohlekraftwerkes. Danach können die Algen zu Biotreibstoff verarbeitet werden. Eine Produktion im großen Stil wäre auch in Wüstengebieten möglich

Senftenberg/Bruck a. d. Leitha - Keine aufwändige Filtertechnologie und auch kein riskantes und teures Runterpumpen des CO2 in tiefe Erdschichten: Der schwedische Energieriese Vattenfall lässt die Abgase eines Braunkohle-kraftwerkes bei Senftenberg neuerdings durch Wasser blubbern. Und dort wird ein Gutteil des Kohlendioxids schlicht und einfach aufgefressen. Von Algen.

Bei diesem Forschungsprojekt im brandenburgischen Senftenberg wird vorerst einmal untersucht, welche Algenarten sich für die Aufnahme von Kohlendioxid besonders eignen und wie die Klimabilanz ausfällt. Dabei werden die Abgase durch einen Bioreaktor geleitet, der mit Grünalgen in einer flüssigen Nährlösung gefüllt ist. Das Prinzip dieser zwölf sogenannten Flachplattenreaktoren wurde am Fraunhofer-Institut entwickelt - hergestellt wurden sie allerdings in Österreich: In dem jungen Technologieunternehmen ecoduna im niederösterreichischen Bruck an der Leitha.

Die nur wenige Zentimeter dicken, hängenden Tanks bestehen aus transparentem Kunststoff. Auf diese Weise erhalten die Algen genügend Sonnenlicht für die Fotosynthese, bei der der Kohlenstoff aus dem Treibhausgas in Biomasse umgewandelt wird. Die Senftenberger Anlage mit rund 50.000 Litern an fotoaktivem Volumen ist nicht nur extrem platzsparend - sie ist auch das bisher zweitgrößte geschlossene Algenzuchtsystem weltweit.

Lebensmittel, Futtermittel oder Kunststoffe

Der Clou daran: Die durch das CO2 und Licht wachsenden Algen können dann weiterverarbeitet werden. Aus ihnen können Lebensmittel, Futtermittel oder Kunststoffe hergestellt werden. Sie könnten auch als Grundstoff für Biogasanlagen zur Stromproduktion genützt - oder in Biotreibstoffe umgewandelt werden.

Schon im kommenden Frühjahr will ecoduna die weltweit größte industrielle Anlage zur Produk-tion von hochwertigen Omega-3-Fettsäuren aus Algen in Bruck an der Leitha in Betrieb nehmen. Zwei weitere ecoduna-Anlagen sind ebenfalls für 2012 gemeinsam mit dem Cluster Biofuels Denmark und dem britischen Unternehmen Greenacres Energy fixiert.

Damit nicht genug: Die beiden ecudonia-Gründer Franz Emminger und Martin Mohr verhandeln schon unter anderem mit der OMV und dem Flugzeughersteller EADS über weitere Projekte. Emminger selbst hatte früher als Techniker für Flugzeughersteller gearbeitet - als Experte für die Optimierung industrieller Prozesse.

Algenoption zur Schadensbegrenzung

Im Fall von Vattenfall, dem größten thermischen Energieproduzenten Europas, ist die Algenoption natürlich in erster Linie eine Möglichkeit der Schadensbegrenzung - mit der die Laufzeit von Kohlekraftwerken trotz Klimaschutz langfristig ermöglicht würde.

Allerdings: Das ganze funktioniert natürlich auch, ohne dass vorher erst einmal fossile Brennstoffe in den Ofen wandern. CO2 als Nahrung für Algen gibt es in der Atmosphäre ja inzwischen mehr als genug.

Und Platz zur Produktion auch - wie es etwa Christoph Chorherr, Energiesprecher der Wiener Grünen, in seinem kürzlich erschienenen Buch Verändert! beschreibt: Eine Energieproduktion mit Algen könne überall dort stattfinden, "wo es keine Humusschicht gibt, in den trockenen Gebieten auf der ganzen Welt". Allerdings würde dazu Wasser benötigt. Chorherr: "Gibt es genug Wasser in diesen trockenen Regionen? Natürlich, im Meer rundherum." Und Sonne gäbe es in diesen Regionen auch mehr als ausreichend.

Chorherr betont, dass damit die gesamte Energiediskussion vom Dilemma der "Tank oder Teller"-Frage befreit werden könne. Da die Produktion auf Flächen stattfinden würde, die für eine agrarische Produktion ohnehin ungeeignet seien.

Dazu kommt, dass die Produktivität bei Algen deutlich höher ist als bei herkömmlichen Biosprit: Auf einem Hektar mit Algenbecken in der Wüste kann in etwa achtmal so viel Biosprit gewonnen werden wie beispielsweise mit Energiemais, wie der Journalist Philip Bethge kürzlich auf Spiegel online vorrechnete.

Billiger als Rohöl

Einer der Pioniere in dieser Entwicklung ist das Unternehmen Sapphire, das bereits eine Kleinalgenanlage in New Mexico betreibt. Ziel ist es, eine Algenproduktion auf einer Fläche von 120 Hektar zu errichten - bezeichnenderweise sind auch der Agrarkonzern Monsanto und der CO2-Produzent Linde bei diesem Projekt mit an Bord. Ein Barrel grünes Rohöl von Sapphire soll laut Bethge künftig zwischen 70 und 100 Dollar kosten - das wäre ein mehr als ernsthaftes Konkurrenzprodukt zu Rohöl.

Die Forschung geht inzwischen sogar noch weiter: Wissenschafter versuchen, Algen zu entwickeln, die das Öl nicht mehr nur in ihrem Inneren produzieren - das danach erst isoliert werden muss. Die gezüchteten Algen der Zukunft sollen das Öl gleich "ausschwitzen", sodass es dann direkt geerntet werden kann.

Das große Paradoxon dabei: Für diese Mikroalgen ist der CO2-Anteil in der Luft zu gering. Womit die Standorte dieser Biospritanlagen wieder sinnvollerweise in der Nähe von CO2-Schleudern errichtet werden müssten. Etwa bei Kohlekraftwerken. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. November 2011)

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    Durch CO2 und Licht wachsende Algen können weiterverarbeitet werden. Aus ihnen können Lebensmittel, Futtermittel oder Kunststoffe hergestellt werden.

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