Al Gores Wahrheit bleibt weiter eine unangenehme

Die Warnungen des früheren Vizepräsidenten Al Gore prallen in den USA immer wieder an den Interessen der Industrie ab, während er selbst als "Carbon Billionaire" diffamiert wird.

Im Wettlauf gegen die Zeit scheint US-Präsident Barack Obama konkrete Maßnahmen zum Thema Klima erst einmal taktisch bis zur anstehenden Wahl auf Eis zu legen.

Al Gore hat indes einen Vortrag zur Erderwärmung durch das Medienevent 24 Hours of Reality 24 Stunden lang wiederholt in 13 Sprachen ausgestrahlt. Schon Anfang der 1990er forderte er in seinem Marshall-Plan ein rasches Umdenken sowie Entwicklung angemessener Technologien.

Seine Gegner nahmen dies zum Anlass, den ehemaligen Vizepräsidenten als "Carbon Billionaire" zu beschimpfen, der mittels getürkter Daten Panikmacherei zugunsten seiner eigenen Geschäftsinteressen im  Alternativenergie Sektor betreibe. Dessen ungeachtet hat er mit seinem Doku-Kassenschlager An Inconvenient Truth (2006) in den USA beachtliche Aufklärungsarbeit geleistet.

Ein Jahr später hat der vierte Sachstandsbericht der UN Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die Aussicht bestätigt. Die Freisetzung von Emissionen ist zwischen 1970 und 2004 um rund 80 Prozent gestiegen.

USA nicht beunruhigt

Das scheint die USA, neben China der weltweite Spitzensünder, nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil: Erst unlängst hat der Präsident wohl das traurigste Zeichen in seiner Amtszeit gesetzt, als er sich gegen die  Festsetzung eines strikteren Standards zur Smogverringerung ausgesprochen hat. Wieder einmal wurde der Industrielobby nachgegeben. Enttäuschten Wählern wird dies, wenngleich nicht ganz zu Unrecht, mit der Sorge um ihren Arbeitsplatz kommuniziert. Aus republikanischen Zirkeln wird laut, dass es sich die "USA nicht leisten kann, für die ganze Welt den Thermostat herunterzudrehen".

Es sieht sich in seinen wirtschaftlichen Methoden, die schnellen Profit bringen müssen, gefangen. Investitionen in nachhaltige Techniken, die sich erst in 20 Jahren amortisieren, sind wie die sprichwörtliche Taube auf dem Dach.

Mit dem Fehlen einer festgelegten Emissionsobergrenze, die unter anderem das Kioto-Protokoll vorsieht, unterbindet die Regierung jedoch das Bemühen vereinzelter williger Großkonzerne. Ein vielversprechendes Projekt der American Electric Power, ein Kohlekraftwerk mit einem teuren Versuchstank auszustatten, wurde wegen fehlender Subventionen eingestellt. Der Energieversorger experimentierte seit ein paar Jahren mit einem Verfahren, das bisher ungefähr zwei Prozent (rund 37,000 metrische Tonnen) des freigesetzten Kohlendioxids mittels gekühlten Ammoniums tief in unterirdischen Gesteinsschichten lagert. Mit einer vollen Inbetriebnahme der Anlage wurde ab 2015 gerechnet.

Energiepreise für Endverbraucher

Ein weiteres Argument war auch die Sorge um die 35-prozentige Erhöhung des Energiepreises für den Endverbraucher. Eine Harvard-Studie belegt indes, dass ein ausgereiftes System die Kosten pro Kilowattstunde von einem anfänglichen Maximum von zwölf auf fünf Cent reduziert. Nun will das Unternehmen durch neue Absatzmärkte dessen wirtschaftliche Fähigkeit unter Beweis stellen, um mehr Unterstützung auf seine Seite zu bekommen.

In den Runden der Klimaschützer wird viel hin- und herdiskutiert; Auf dem Yale360-Blog etwa über Technologien, die CO2 aus der Atmosphäre saugen - aber Lösungen zur Bekämpfung der Ursache ausklammern. Einzig und allein das von jeher bekannt progressive Kalifornien setzt Schritte für notwendige Langfristziele. Ende letzten Monats ratifiziert, setzte es als erster Bundesstaat mit 2013 einen "Cap und Trade"-Emissionsrechtehandel in Kraft. Das gibt Hoffnung für einzelne andere Bundesstaaten, in denen regional bereits Handelssysteme und Kohlendioxidsteuern umgesetzt wurden. (Sandra Pfeifer aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. November 2011)

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