Geschichte einer Flucht

Widerstand gegen Pinochet: In Chile verfolgt, in Simmering zu Hause

Reportage | Bianca Blei, 1. Dezember 2011, 06:15
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/blei

    Juan Neira flüchtete mit Hilfe der katholischen Kirche nach Österreich.

  • Der Musiker wurde verfolgt, weil er Protestlieder gegen das Regime geschrieben hatte.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/blei

    Die Wohnanlage Macondo in Simmering ist seit Juans Ankunft sein Zuhause.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/blei

    Auch Pepe schaffte 1976 die Flucht nach Österreich - heute lebt er immer noch in Simmering.

Juan Neira schrieb Protestlieder gegen das Regime - auch nach der Flucht nach Österreich hörte er damit nicht auf

Juan lässt sich auf die abgesessene Ledercouch fallen und zieht Zigarettenpapier und Tabak aus seiner Tasche. Er dreht die Zigarette ohne Filter ruhig zwischen seinen Fingern. Vor ihm stehen ein lauwarmer Filterkaffee und Waffeln. Für ihn muss es gemütlich sein, bevor er zu sprechen beginnt. 

Nach dem ersten Schluck Kaffee und dem ersten Zug von der Zigarette beginnt Juan Neira zu erzählen. Geboren wurde der 58-Jährige mit dem freundlichen Gesicht in Santiago, der Hauptstadt Chiles. "Obwohl die Leute in der Hauptstadt nichts mit der indigenen Bevölkerung am Land oder der Peripherie zu tun haben möchten, übte deren Kultur immer eine spezielle Anziehung auf mich aus", erzählt er. Durch sie habe er die Liebe zur Musik entdeckt und das Verständnis für die Einheit der Welt gelernt.

Von der Geheimpolizei verfolgt

Gerade deshalb wollte er nicht tatenlos zusehen, als sich 1973 das Militär rund um General Augusto Pinochet an die Macht putschte. Er ging in den Untergrund. Durch seine Protestlieder geriet er ins Visier des Geheimdienstes der Diktatur. Wenn Juan davon erzählt, dass immer mehr seiner Kameraden verschwanden oder aus den Militärgefängnissen als gebrochene Menschen zurückkamen, legt er immer wieder eine Pause ein. 

Künstler, Sozialarbeiter, Musiker - sie alle wären für die Machthaber verdächtig gewesen. Juan und seine Freunde wurden als kommunistische Terroristen bezeichnet. Sieben Jahre lang war er auf der Flucht, zog alle paar Wochen um und wurde nicht gefasst. "Und das, obwohl ich nicht einmal ein besonders guter Guerilla bin", sagt Juan und muss zum ersten Mal grinsen. Dann wäre es ihm aber zu viel geworden. Er hätte nicht gewollt, dass seine Kinder unter dem Regime aufwachsen. Also beschloss er, sein Heimatland zu verlassen. Wie? "Das ist geheim", sagt der Musiker bestimmt und fügt dann doch hinzu: "Die katholische Kirche hat mir geholfen."

Macondo in Simmering

1980 kam Juan nach Österreich und wusste sofort, dass er sich hier zu Hause fühlen würde. Ein Grund dafür war Macondo, ein Gebiet am Stadtrand Wiens, zwischen der Kläranlage Simmering und dem Industrieviertel. Das umzäunte Areal, auf dem auch die ehemalige k.u.k.-Kaserne Zinnergasse steht, wurde nach einem fiktiven Ort aus dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" des lateinamerikanischen Schriftstellers Gabriel García Márquez benannt. Im Simmeringer Macondo leben anerkannte Flüchtlinge in Wohnungen und kleinen Reihenhäusern. 1980 befand sich dort eine große südamerikanische Community. Dort hatte Juan auch zum ersten Mal keine Sprachschwierigkeiten in Österreich. 

Obwohl er heute fließend Deutsch spricht und nahezu kein Akzent bemerkbar ist, fühlte er sich zu Beginn wie ein kleines Kind, das mit der Außenwelt nicht kommunizieren konnte. In der Straßenbahn etwa, wurde er von einem Schaffner aufgehalten und konnte seine Fahrkarte nicht finden. In diesem Moment hätte er sich so hilflos und verzweifelt wie niemals zuvor gefühlt.

Politischer Flüchtling

Bei den österreichischen Behörden sei es dann schon leichter gewesen. Obwohl die Polizeibeamten Juan immer wieder die gleichen Fragen stellten, um seine Geschichte zu überprüfen. "Man hat befürchtet, dass ich ein linker Terrorist bin", sagt er und nimmt seine Zigarette wieder in die Hand, die bereits ausgegangen ist. Er könne aber verstehen, dass man skeptisch war. Immerhin war er erst sieben Jahre nach dem Putsch aus dem Land geflüchtet: "Aber ich hatte das Gefühl, dass ich meine Heimat nicht im Stich lassen kann." Zwei Monate nach seiner Ankunft in Österreich hatte Juan aber bereits rechtliche Sicherheit: Er war ein anerkannter politischer Flüchtling. 

Einen Hauch von Chile gibt es in Macondo aber immer noch. So besucht Juan regelmäßig den 87-jährigen Pepe, der ebenfalls der Pinochet-Diktatur entkommen konnte. Pepe wohnt gleich ums Eck: Raus aus dem ehemaligen Kasernengebäude, in dem sich Juans Wohnung befindet, unter den Starkstromleitungen durch, die ständig summen, und schon ist man bei einem kleinen Reihenhaus mit gepflegtem Garten. Dort wohnt "Don Pepone", wie Pepe von den alteingesessenen Bewohnern Macondos gerufen wird.

15 Tage Folter

Rum, Cola und chilenisches Hausbrot stehen am Esstisch für den Besuch bereit. Daneben ein großes Bild des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und gleich darunter ein Foto Peter Alexanders. Pepe fühlt sich in Österreich mittlerweile heimisch. Vor 35 Jahren verließ er Chile. Die Vereinten Nationen hatten ihm die Flucht nach Europa ermöglicht.

Anders als Juan wurde Pepe aber vom chilenischen Geheimdienst wegen seiner kommunistischen Gesinnung festgenommen und 15 Tage in einem Gefängnis gefoltert. Elektroschocks. Immer wieder. Während Juan die Erzählungen der Folterqualen übersetzt, dreht Pepe den Fernseher immer lauter - bis er fast dröhnt. "15 Tage waren genug, er war gebrochen", übersetzt Juan, während Pepe die Moderatorin im chinesischen Staatsfernsehen küsst. "Dann wurde er von einem Polizisten gerettet", fährt Juan fort. Pepe lacht über eine Entengruppe am Fernsehschirm - er vergisst und verdrängt, sagt Juan.

Protest in Österreich

Juan selbst will aber nicht vergessen. Auch nach seiner Ankunft in Österreich engagierte sich der politische Flüchtling gegen das Regime. So trat er 1980 in einen Hungerstreik vor dem Bundeskanzleramt und der Staatsoper, weil der österreichische Staat 112 Panzer an die Militärjunta in Chile geliefert hatte. "Die wurden gegen Demonstranten und die eigene Bevölkerung eingesetzt - und nicht, wie versprochen, zur Landesverteidigung", erzählt Juan.

Außerdem gibt der Musiker immer wieder Benefizkonzerte für Familien, die in Österreich in Not geraten sind. Aber auch für die indigene Bevölkerung Chiles und die Studentenproteste in seiner Heimat hat er ein offenes Herz. Selber nach Chile reisen darf Juan aber nicht. In seinem Reisepass ist vermerkt, dass "ich alle Länder dieser Erde besuchen darf, nur meine Heimat nicht". Nachdem er noch immer den Titel "politischer Flüchtling" trägt, darf er in jenes Land, in dem er verfolgt wurde, nicht mehr reisen. Das soll sich nun aber ändern: Juan will österreichischer Staatsbürger werden. Die dafür erforderlichen Unterlagen und Prüfungen hat er bereits abgeschickt: "Jetzt heißt es warten". (Bianca Blei, derStandard.at, 28.11.2011)

Juan Neira ist außerdem im Vorstand des chilenischen Kulturzentrums in Simmering "Centro Once". Dort werden bis zu 70 kulturelle Veranstaltungen pro Jahr organisiert. Dabei werden nicht nur südamerikanische Künstler eingeladen, sondern es wird auch Wert auf österreichische und multikulturelle Einflüsse gelegt. Das Zentrum wird zum Teil durch die Einnahmen bei Veranstaltungen und zum Teil durch Förderungen der Stadt Wien finanziert. "Normalerweise gehen die Leute weg aus Simmering, um Spaß zu haben. Wir bringen die Leute wieder in den Bezirk", sagt Juan.

Kommentar posten
19 Postings
penderecki
00
1.12.2011, 19:44
Oh ja, ich kann mich an Juan sehr gut erinnern

Wir waren 1995 StatistInnen im Opernstück "Die Teufel von Loudun" im Theater auf der Baumgartnerhöhe, Juan war sehr sehr nett und der ruhigste von uns allen. Liebe Grüße an Dich, Juan! Damals hat jeder von uns 5.000 Schilling bekommen (3 Wochen Probe und 3 Aufführungen)...

Krani12
00
1.12.2011, 14:37
Hm

Eigendlich kann man der Religion nichts vorwerfen.
Da muss man auch was in der Birne haben, wenn man die verfolgt

Walther von der Vogelweide, der 1.
13
1.12.2011, 12:43
So nebenbei

Bauchmäßig ist er bereits ein echter Wiener!

Briefmarkenkleber
04
1.12.2011, 10:38
Lesenswert

nonkonformist
66
1.12.2011, 10:14
Solche mutigen Menschen braucht die Welt!

Pinochet wurde nie wegen seiner Verbrechen zur Verantwortung gezogen. Er gehört trotz seines hohen Alters vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Das ist man den abertausend Opfern schuldig!

byron sully
00
1.12.2011, 15:14

leider kann man aber tote nicht mehr vor ein irdisches gericht stellen...

Trauminet Mognet
05
1.12.2011, 10:57
Pinochet ist seit 5 Jahren tot.

Dein Wunsch kommt zu spät.

nonkonformist
01
2.12.2011, 10:19

autsch. entschuldige mich!
aber nobelpreise werden auch posthum verliehen.
warum also ihm posthum nicht den titel " unmensch in der menschheitsgeschichte" und einen aufklärungs-aufarbeitungsprozess anstrengen, wo auch seine mittäter zur verantwortung gezogen werden können. von denen werden ja noch zahlreiche am leben sein?

techrise
 
00
2.12.2011, 16:47

nobelpreise werden eigentlich nicht posthum verliehen, nur wenn derjenige noch gelebt hat zum zeitpunkt der nominierung können sie imho posthum vergeben werden

Der Vater Staat
210
1.12.2011, 10:06

Das waren noch Zeit, als Österreich politisch Verfolgten einen sicheren Hafen bot ... heutzutage würde man ihn wohl kaum aufnehmen bzw. bald wieder abschieben.

Ernst Guevara
35
1.12.2011, 09:55
also soweit mir bekannt ist sind die panzer letztlich eben nicht an die chilenische diktatur geliefert worden, weil es starke proteste gab. das wurde meines wissens verhindert, ein grosser erfolg der zivilgesellschaft in österreich.

insofern stimmt der artikel nicht. ausserdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass "die katholische kirche" den juan aus chile herausgeholt hat, sondern wenn schon, dann irgendeine teilorganisation wie die caritas. die kirchliche hierarchie hat sich nachweislich nicht für die politisch verfolgten eingesetzt und war definitiv auf der seite der diktatur in chile. die rettung von juan u.a. ist dem engagement der kirchenbasis zu verdanken, zb befreiungstheologischen pfarrern. und last not least verklärt der artikel die situation der politischen flüchtlinge. macondo war nicht "ein grund", sich hier wohl zu fühlen, sondern *der* wesentliche hauptgrund. österreich war nämlich auch schon damals ein rassistisches und flüchtlingsfeindliches land.

porteño1
10
1.12.2011, 14:11

Du hast recht, es wurden keine Panzer geliefert. Was geliefert wurde, waren nur Kettenfahrzeuge (Diktion Kreisky), übrigens auch aus Simmering, dank der internationalen Arbeitersolidarität.

Ernst Guevara
14
1.12.2011, 14:57
Sie mißverstehen mich

es geht hier nicht um klugscheisserei und wortklauben, sondern es geht darum, dass die aussage sachlich nicht der wahrheit entspricht. weder wurden damals kettenfahrzeuge noch panzer an chile geliefert. nach herbert berger: "Den größten Erfolg verzeichnete die Chile-Solidaritätsfront in dieser Hinsicht 1980 in der Verhinderung des von der Regierung Kreisky bereits genehmigten Panzerexports ins Chile Pinochets."
http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilun... _4_03.html
(und ich poste die information gerne noch ein paar mal, wenn der gestapo-beamte beim standard es so will..)

Ernst Guevara
01
1.12.2011, 13:29
dazu Herbert Berger

"Den größten Erfolg verzeichnete die Chile-Solidaritätsfront in dieser Hinsicht 1980 in der Verhinderung des von der Regierung Kreisky bereits genehmigten Panzerexports ins Chile Pinochets."
http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilun... _4_03.html

GarciaLorca
27
1.12.2011, 09:47
Vielen Dank für diese Reportage!

Habe selbst viele Flüchtlinge aus Chile und Paraguay kennen gelernt, die vor allem in den 70ern nach Österreich gekommen sind. Die meisten sind wieder in ihre Heimat zurückgegangen, einige geblieben. Damals war es noch eine Selbstverständlichkeit, dass politische Flüchtlinge aufgenommen werden - und arbeiten durften die meisten auch. In den letzten 3 Jahrzehnten haben wir uns - Haider und der Kronen Zeitung sei Dank - wieder zurückentwickelt. Asylanten wie Neira stehen jetzt kollektiv unter Betrugsverdacht und werden als Schmarotzer diffamiert.

marcopolo1971
 
33
1.12.2011, 09:11

"weil der österreichische Staat 112 Panzer an die Militärjunta in Chile geliefert hatte" - Passt ins Bild.

andreas reichl
18
1.12.2011, 08:27

ein großes danke für reportagen wie diese!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.