Juan Neira schrieb Protestlieder gegen das Regime - auch nach der Flucht nach Österreich hörte er damit nicht auf
Juan lässt sich auf die abgesessene Ledercouch fallen und zieht Zigarettenpapier und Tabak aus seiner Tasche. Er dreht die Zigarette ohne Filter ruhig zwischen seinen Fingern. Vor ihm stehen ein lauwarmer Filterkaffee und Waffeln. Für ihn muss es gemütlich sein, bevor er zu sprechen beginnt.
Nach dem ersten Schluck Kaffee und dem ersten Zug von der Zigarette beginnt Juan Neira zu erzählen. Geboren wurde der 58-Jährige mit dem freundlichen Gesicht in Santiago, der Hauptstadt Chiles. "Obwohl die Leute in der Hauptstadt nichts mit der indigenen Bevölkerung am Land oder der Peripherie zu tun haben möchten, übte deren Kultur immer eine spezielle Anziehung auf mich aus", erzählt er. Durch sie habe er die Liebe zur Musik entdeckt und das Verständnis für die Einheit der Welt gelernt.
Von der Geheimpolizei verfolgt
Gerade deshalb wollte er nicht tatenlos zusehen, als sich 1973 das Militär rund um General Augusto Pinochet an die Macht putschte. Er ging in den Untergrund. Durch seine Protestlieder geriet er ins Visier des Geheimdienstes der Diktatur. Wenn Juan davon erzählt, dass immer mehr seiner Kameraden verschwanden oder aus den Militärgefängnissen als gebrochene Menschen zurückkamen, legt er immer wieder eine Pause ein.
Künstler, Sozialarbeiter, Musiker - sie alle wären für die Machthaber verdächtig gewesen. Juan und seine Freunde wurden als kommunistische Terroristen bezeichnet. Sieben Jahre lang war er auf der Flucht, zog alle paar Wochen um und wurde nicht gefasst. "Und das, obwohl ich nicht einmal ein besonders guter Guerilla bin", sagt Juan und muss zum ersten Mal grinsen. Dann wäre es ihm aber zu viel geworden. Er hätte nicht gewollt, dass seine Kinder unter dem Regime aufwachsen. Also beschloss er, sein Heimatland zu verlassen. Wie? "Das ist geheim", sagt der Musiker bestimmt und fügt dann doch hinzu: "Die katholische Kirche hat mir geholfen."
Macondo in Simmering
1980 kam Juan nach Österreich und wusste sofort, dass er sich hier zu Hause fühlen würde. Ein Grund dafür war Macondo, ein Gebiet am Stadtrand Wiens, zwischen der Kläranlage Simmering und dem Industrieviertel. Das umzäunte Areal, auf dem auch die ehemalige k.u.k.-Kaserne Zinnergasse steht, wurde nach einem fiktiven Ort aus dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" des lateinamerikanischen Schriftstellers Gabriel García Márquez benannt. Im Simmeringer Macondo leben anerkannte Flüchtlinge in Wohnungen und kleinen Reihenhäusern. 1980 befand sich dort eine große südamerikanische Community. Dort hatte Juan auch zum ersten Mal keine Sprachschwierigkeiten in Österreich.
Obwohl er heute fließend Deutsch spricht und nahezu kein Akzent bemerkbar ist, fühlte er sich zu Beginn wie ein kleines Kind, das mit der Außenwelt nicht kommunizieren konnte. In der Straßenbahn etwa, wurde er von einem Schaffner aufgehalten und konnte seine Fahrkarte nicht finden. In diesem Moment hätte er sich so hilflos und verzweifelt wie niemals zuvor gefühlt.
Politischer Flüchtling
Bei den österreichischen Behörden sei es dann schon leichter gewesen. Obwohl die Polizeibeamten Juan immer wieder die gleichen Fragen stellten, um seine Geschichte zu überprüfen. "Man hat befürchtet, dass ich ein linker Terrorist bin", sagt er und nimmt seine Zigarette wieder in die Hand, die bereits ausgegangen ist. Er könne aber verstehen, dass man skeptisch war. Immerhin war er erst sieben Jahre nach dem Putsch aus dem Land geflüchtet: "Aber ich hatte das Gefühl, dass ich meine Heimat nicht im Stich lassen kann." Zwei Monate nach seiner Ankunft in Österreich hatte Juan aber bereits rechtliche Sicherheit: Er war ein anerkannter politischer Flüchtling.
Einen Hauch von Chile gibt es in Macondo aber immer noch. So besucht Juan regelmäßig den 87-jährigen Pepe, der ebenfalls der Pinochet-Diktatur entkommen konnte. Pepe wohnt gleich ums Eck: Raus aus dem ehemaligen Kasernengebäude, in dem sich Juans Wohnung befindet, unter den Starkstromleitungen durch, die ständig summen, und schon ist man bei einem kleinen Reihenhaus mit gepflegtem Garten. Dort wohnt "Don Pepone", wie Pepe von den alteingesessenen Bewohnern Macondos gerufen wird.
15 Tage Folter
Rum, Cola und chilenisches Hausbrot stehen am Esstisch für den Besuch bereit. Daneben ein großes Bild des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und gleich darunter ein Foto Peter Alexanders. Pepe fühlt sich in Österreich mittlerweile heimisch. Vor 35 Jahren verließ er Chile. Die Vereinten Nationen hatten ihm die Flucht nach Europa ermöglicht.
Anders als Juan wurde Pepe aber vom chilenischen Geheimdienst wegen seiner kommunistischen Gesinnung festgenommen und 15 Tage in einem Gefängnis gefoltert. Elektroschocks. Immer wieder. Während Juan die Erzählungen der Folterqualen übersetzt, dreht Pepe den Fernseher immer lauter - bis er fast dröhnt. "15 Tage waren genug, er war gebrochen", übersetzt Juan, während Pepe die Moderatorin im chinesischen Staatsfernsehen küsst. "Dann wurde er von einem Polizisten gerettet", fährt Juan fort. Pepe lacht über eine Entengruppe am Fernsehschirm - er vergisst und verdrängt, sagt Juan.
Protest in Österreich
Juan selbst will aber nicht vergessen. Auch nach seiner Ankunft in Österreich engagierte sich der politische Flüchtling gegen das Regime. So trat er 1980 in einen Hungerstreik vor dem Bundeskanzleramt und der Staatsoper, weil der österreichische Staat 112 Panzer an die Militärjunta in Chile geliefert hatte. "Die wurden gegen Demonstranten und die eigene Bevölkerung eingesetzt - und nicht, wie versprochen, zur Landesverteidigung", erzählt Juan.
Außerdem gibt der Musiker immer wieder Benefizkonzerte für Familien, die in Österreich in Not geraten sind. Aber auch für die indigene Bevölkerung Chiles und die Studentenproteste in seiner Heimat hat er ein offenes Herz. Selber nach Chile reisen darf Juan aber nicht. In seinem Reisepass ist vermerkt, dass "ich alle Länder dieser Erde besuchen darf, nur meine Heimat nicht". Nachdem er noch immer den Titel "politischer Flüchtling" trägt, darf er in jenes Land, in dem er verfolgt wurde, nicht mehr reisen. Das soll sich nun aber ändern: Juan will österreichischer Staatsbürger werden. Die dafür erforderlichen Unterlagen und Prüfungen hat er bereits abgeschickt: "Jetzt heißt es warten". (Bianca Blei, derStandard.at, 28.11.2011)
Juan Neira ist außerdem im Vorstand des chilenischen Kulturzentrums in Simmering "Centro Once". Dort werden bis zu 70 kulturelle Veranstaltungen pro Jahr organisiert. Dabei werden nicht nur südamerikanische Künstler eingeladen, sondern es wird auch Wert auf österreichische und multikulturelle Einflüsse gelegt. Das Zentrum wird zum Teil durch die Einnahmen bei Veranstaltungen und zum Teil durch Förderungen der Stadt Wien finanziert. "Normalerweise gehen die Leute weg aus Simmering, um Spaß zu haben. Wir bringen die Leute wieder in den Bezirk", sagt Juan.