"Einnahme von Antibiotika bei Viren sinnlos"

Interview27. November 2011, 17:24
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Wie interessant ein Schnupfen trotz aller Banalität sein kann, beweist HNO-Facharzt Kurt Neuwirth-Riedl

Standard: Sobald die Tage kurz und kälter werden, beginnt die alljährliche Schnupfensaison. Die krankheitserregenden Viren gibt es jedoch ganzjährig. Warum also haben wir vor allem im Herbst und Winter schnell die Nasen voll?

Neuwirth-Riedl: Dazu gibt es noch keine sichere Theorie. Eine These ist, dass es eine immunologische Umstellung von Sommer auf Winter gibt. Während dieser Phase ist die Nasenschleimhaut vielleicht zeitweilig nicht so gut durchblutet, wodurch dann die Viren Platz greifen können. Auch könnten die häufigen Wetterwechsel im Herbst unsere Empfänglichkeit für die Infektion erhöhen. In stabiler Kaltwetterlage gibt es weniger Erkrankungen.Wenn das Wetter stabil ist, auch im Winter, sind wir gesünder. Das wäre eine mögliche Erklärung für die Schnupfenwelle im Herbst, wenn die Witterung häufig unbeständig ist. Wir werden allerdings viel öfter von solchen Erregern infiziert, als wir tatsächlich erkranken. Die Viren nutzen den Schnupfen und den Husten nur als Verbreitungsmechanismus, zum Beispiel über die Tröpfcheninfektion, und befallen im Wesentlichen eher gesunde Menschen, die sich gut für die Virenvermehrung eignen. Schwerkranke Krebspatienten mit einem wirklich geschwächten Immunsystem bekommen eher keine Erkältungen.

Standard: Was ist dann die beste Prophylaxe gegen solche Erkrankungen?

Neuwirth-Riedl: Ein bisserl mehr Bewegung, ein bisserl Sport und gesunde Ernährung. Abgesehen davon: Wenn man Einsiedler ist, bekommt man natürlich auch keinen Schnupfen, weil man sich nicht anstecken kann. Aber das ist selbstverständlich keine Lösung, also sollte man sich häufiger die Hände waschen.

Standard: Und wenn es einem trotzdem erwischt? Medikamente, Antibiotika nehmen oder doch lieber nur Kamillentee?

Neuwirth-Riedl: Die Einnahme von Antibiotika ist bei Erkältungen sinnlos, weil sie gegen Viren wirkungslos sind. Der Verlauf dieser grippalen Infekte ist nicht zu beeinflussen. Der übliche Gang ist: Es beginnt mit Halsweh, Abgeschlagenheit und Frösteln. Danach kommt der Schnupfen, eventuell mit Heiserkeit und Husten, und dann folgt die Heilung. Mittels Medikamenten kann man nur die Symptome lindern. Nasentropfen und Paracetamol. Das wirkt schmerzstillend und entzündungshemmend. Die Wirksamkeit von Schleimlösern gegen den Husten ist dagegen sehr umstritten.

Standard: Manche Menschen leiden allerdings unter Nasenverstopfungen, ohne dass Krankheitserreger im Spiel sind. Was sind in diesen Fällen auslösende Faktoren?

Neuwirth-Riedl: Ein ganzjähriger Nasenverschluss kann allergisch bedingt sein, aber sehr häufig gibt es auch den nichtallergischen chronischen Schnupfen. Ich sehe das oft in meiner Ordination. Die Leute bekommen durch die Nase keine Luft und leiden darunter. Vermutlich ist die Ursache in vielen Fällen eine Hyperreaktivität der Schleimhäute, zum Beispiel beim Eintritt aus der Kälte in einen warmen Raum. Die Schwellkörper werden durch parasympathische Nerven gesteuert, und diese lösen die Überreaktion aus. Der Reiz ist dann jedoch ein unspezifischer und keine konkrete Substanz. Die Mechanismen sind wahrscheinlich sehr unterschiedlich und individuell. Manche Menschen haben sogar bei sexueller Aktivität verstärkt die Neigung zu niesen. Chronische Nasenverstopfungen können zwar auch durch Nebenhöhlenentzündungen, mit oder ohne Polypen, verursacht werden, aber das ist wiederum gar nicht so häufig. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 28.11.2011)

  • Kurt Neuwirth-Riedl ist Facharzt für Hals-, Nasen- Ohrenkrankheiten in Klosterneuburg.
    foto: kurt neuwirth-riedl

    Kurt Neuwirth-Riedl ist Facharzt für Hals-, Nasen- Ohrenkrankheiten in Klosterneuburg.

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