Es ist Schnupfensaison

27. November 2011, 17:18
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Viren im Nasenrachenraum haben Hochsaison - Chronisch wird das Ereignis, wenn sich dort Biofilme festsetzen - Sie überfordern das Immunsystem und machen aus Schnupfen Sinusitis

Wenn die Nase trieft und der Griff zum Taschentuch zur Routine wird, sind es meist Viren, die ihr Spiel treiben. Kein Grund zur Beunruhigung. Schon nach wenigen Tagen wird es besser. Den Erregern ist in der Nasenhaupthöhle normalerweise kein längerer Aufenthalt vergönnt. Antibiotika? "Überflüssig", betont der HNO-Arzt Kurt Neuwirth-Riedl. Virenpartikel sind unempfindlich dagegen, aber der Körper wird sich bald selbst heilen.

Ganz anders ist dagegen oft die Lage in den Nasennebenhöhlen. Dieses verzweigte System aus Hohlräumen erweist sich bei vielen als dauerhaft krankheitsanfällig. Es gibt insgesamt drei paarig angelegte Nebenhöhlen in der Stirn, im Oberkiefer und am Keilbein in der Schädelmitte, sowie das kleinere Siebbeinzellsystem. Die seltsamen Kavernen sind Restposten der Evolution. Sie haben keine physiologische Funktion, müssen aber durchlüftet bleiben. Sonst kommt es zu Entzündungen, Sinusitis.

Wenn die Nasenschleimhäute anschwellen, zum Beispiel infolge einer Erkältung, können die Verbindungsgänge zwischen Nasennebenhöhlen und dem Hauptnasenraum blockiert werden. Eventuell vorhandene Polypen verschlimmern die Lage. Bei fehlender Ventilation werden die Nebenhöhlen schnell zu einer Brutstätte für ganze Menagerien aus Mikroorganismen. Schon vor einigen Jahren wiesen Mediziner der Hals-, Nasen- und Ohren-Klinik an der Med-Uni Graz nach, dass verschiedene Pilzarten die Nase besiedeln, auch bei gesunden Personen. Im Normalfall hält unser Immunsystem die ungebetenen Untermieter in Schach, doch sie können sich auch aggressiv ausbreiten, vor allem bei immungeschwächten Menschen wie HIV/Aids-Patienten. In diesen Fällen entfalten Pilze mitunter tödliche Wirkung.

Langwieriger Verlauf

Solche dramatischen Verläufe sind selten. Die meisten Nebenhöhlen-Infektionen und -Entzündungen verlaufen harmlos, wenn auch oft quälend und manchmal über Monate hinweg. Doch über die genauen Ursachen dieses weit verbreiteten Krankheitsbildes sind sich Experten noch immer nicht einig. Potenziell krankheitserregende Mikroorganismen tummeln sich schließlich überall. Ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren kommt deshalb als Auslöser infrage, darunter immunologische Störungen, allergische Reaktionen oder sogar Aspirin-Intoleranz. Aus mikrobiologischer Sicht besonders interessant ist eine Studie, die Forscher der Universität Debrezin unlängst im Fachblatt European Archives of Oto-Rhino-Laryngology (Bd. 268, S. 1455) veröffentlichten. Die Experten nahmen Gewebeproben von Patienten mit chronischen Nebenhöhlenentzündungen. Sie wussten, wonach sie fahnden. Es hatte bereits frühere Hinweise gegeben, und man wurde auch prompt fündig. Bei 44 von insgesamt 50 Testpersonen zeigten sich typische Strukturen von Biofilmen. Ein beunruhigender Befund. Biofilme sind komplexe Ökosysteme im Mikroformat. Sie bestehen aus verschiedenen Bakterien- und Pilzarten, die eine feste Lebensgemeinschaft bilden. Die Mikroorganismen bauen gemeinsam eine schützende Schleimhülle, die extrazelluläre Matrix, aus langkettigen Zuckermolekülen und Proteinen auf und können sich so dem Zugriff von Feinden, auch unseres Immunsystems, entziehen.

Die Entdeckung der ungarischen Forscher könnte erklären, warum sich eine Sinusitis oft hartnäckig hält. Die zähe Matrix eines Biofilms lässt sich kaum auflösen, und Antibiotika haben es schwer, dort einzudringen. Dass sich die Mikro-Ökosysteme aber so häufig bei Betroffenen mit Polypen finden, lässt noch etwas anderes vermuten: Womöglich sind Biofilme auch für die Bildung solcher Schleimhaut-Auswüchse verantwortlich. Die Mikroorganismen könnten Zellschichten zum Wuchern anregen, meinen die Wissenschafter.

Sinusitis und Kopfschmerz

Neuigkeiten zum Thema Nebenhöhlenentzündung gibt es auch aus dem Iran. Kopfschmerzen gelten als das häufigste Sinusitis-Symptom, eine aktuelle Studie von Medizinern der Universität Mashhad zeigt, dass es diesbezüglich zu Fehldiagnosen kommen kann. Fast alle Untersuchten litten unter Migräne oder Verspannungsschmerzen, doch dies wurde vorher nicht diagnostiziert. Ähnliche Befunde liegen aus den USA vor. Anscheinend steckt so mancher Hausarzt Kopfschmerzen zu schnell in die Sinusitis-Schublade und übersieht damit das eigentliche Migräne-Problem. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 28.11.2011)

Wissen:

Beim Schnupfen im engeren Sinne, medizinisch Rhinitis genannt, handelt es sich um eine Entzündung der Nasenhaupthöhle, vor allem der Schleimhäute. In den meisten Fällen liegt dem eine Infekt zugrunde. Viren verursachen in der Regel nur kurzfristige, akute Formen der Rhinitis, die üblichen Erkältungen. Auf ein kurzes, trockenes Vorstadium folgt die katarrhalische Phase mit Schleimhautschwellungen und Sekretfluss. Normalerweise ist er nach einer Woche vorbei. Chronische Rhinitis dagegen kann viel länger dauern. Verursacher können Schimmelpilze, Tuberkulose oder Bakterien sein. Chronischen Schnupfen können durch erhöhte Aktivität der Schleimhäute als nichtallergische Reaktion auf Umwelteinflüsse (Rauch, Chemikalien), Medikamentenmissbrauch oder durch starke Verkrümmung der Nasenscheidewand entstehen.

Entzündungen im weitverzweigten Nasennebenhöhlen-System bezeichnen Ärzte als Sinusitis. Sie treten ebenfalls akut oder chronisch auf, oft infolge einer vorangegangenen Rhinitis. Als Erreger spielen Bakterien und Pilze die Hauptrolle. Nasenpolypen Polyposis sind Schwellungen und Auswüchse von dauerhaft gereizten Nasenschleimhäuten, die den Luftstrom und den natürlichen Schleimabfluss mitunter ernsthaft blockieren. Sie sind oft für schwerer Sinusitis verantwortlich. Polyposis tritt bei Kindern nur selten auf und ist nicht mit geschwollenen Tonsillen ("Mandeln") zu verwechseln.

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Mit der Nase an der Flasche

  • Der akute Schnupfen klingt in aller Regel nach einer Woche ab.
    foto: derstandard.at/marietta türk

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