Absage an die Ostalgie

25. November 2011, 18:12
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Romandebütant Simon Urban entwirft ein schräg-vertrautes Bild der DDR - in einem Buch, das alternative Weltgeschichte schreibt

Es beginnt und endet im Wald. Hier, im Laub, trifft und verlässt man als Leser Hauptmann Martin Wegener, Kripo Köpenick, bei der Entleerung seiner Blase. Ist er am Beginn von Simon Urbans Roman Plan D jedoch noch bemüht, sein Schuhwerk trockenzuhalten, lässt er elf Tage und 550 Seiten später alles einfach nur in die Cordhose laufen.

Kein Zweifel, der Mann ist am Ende, seine Welt hat sich grundlegend verändert - und Urban kommt gar nicht erst in Versuchung, uns allzu sanft zu dieser Erkenntnis zu stupsen.

So treffsicher, wie er den Vorschlaghammer zumeist schwingt, hat der Romandebütant freilich auch keinen Grund für falsche Zurückhaltung. Es wird Geschichte gemacht, eine Alternativweltgeschichte: Oktober 2011 in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland wurde 1989 zwar geöffnet, einige Monate später im Zuge der sogenannten Wiederbelebung jedoch wieder geschlossen. Egon Krenz hat die Nachfolge Erich Honeckers angetreten und das Amt nicht mehr abgegeben, ihm zur Seite stehen unter anderem Gregor Gysi und Otto Schily, die Stasi arbeitet unvermindert effektiv.

Es ist einiges faul im Staate der Arbeiter und Bauern, mehr noch als die nach Frittierfett stinkende Luft - der Grund hierfür ist der mit Rapsöl betriebene Trabi-Nachfolger namens Phobos - erahnen lässt. Ein ehemaliger Politberater wird erhängt im Wald vor Berlin gefunden. Alles deutet auf einen Politmord hin, der nun die heiklen energiepolitischen Verhandlungen zwischen DDR und der von Oskar Lafontaine regierten BRD gefährdet.

Mit der Unterstützung seines wohlparfümierten westdeutschen Kollegen Richard Brendel liegt es es nun an Hauptmann Wegener, den Fall aufzuklären und die Zukunft des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernparadieses zu retten. Dieser Krimi- und Verschwörungsplot macht allerdings den geringeren Reiz des Buches aus. Es gibt zwar spannende Momente, in Summe geht die Ermittlungsarbeit aber zu schleppend dahin, vermag Urban trotz einiger gut gesetzter Cliffhanger nicht ausreichend Interesse an des Rätsels Lösung zu wecken.

Gewitzt herbeigezimmert

Was dafür umso mehr in Bann zieht, ist die Beschreibung dieses imaginären Staates in seiner schrägen Vertrautheit. Simon Urban ist Jahrgang 1975 und ein Kind des Ruhrgebiets, entsprechend gering sind seine Erfahrungen mit dem Realsozialismus. Dafür zimmert Urban, der bei einer großen Werbeagentur arbeitet, die DDR der Gegenwart so gewitzt und selbstbewusst herbei, wie man es von einem Mann seiner Branche erwartet. Da ist Bionier-Brause in den Geschmacksrichtungen Rhabarber und Walderdbeere ein begehrtes Gut, um sich den Wart-Burger von Buletta runterzuspülen. Da trainiert Matthias Sammer die Fußball-Nationalmannschaft, singt die verwirrte Margot Honecker im Feierabendheim Lieder von Wolf Biermann und bekämpft Sahra Wagenknecht den kapitalistischen Weihnachtsmann nicht als Politikerin, sondern als Actionheldin Laura Kraft im Blockbuster Red Revenge.

Anzurechnen ist Urban dabei, dass er die Diktatur in dieser grellen Satire nicht herunterspielt, sondern immer auch verdeutlicht, wie fatal sich diese auf das Leben ihrer Bürger auswirkt. So fällt es auch weniger ins Gewicht, wenn der Autor den Bogen gelegentlich ein wenig überspannt, etwa indem er sämtlichen Figuren den gleichen bissigen Witz wie seiner Erzählstimme gönnt und bei Liebesdingen - Hauptmann Wegener leidet nebenbei an einer gescheiterten Beziehung - gerne in einen unangenehmen Pornosprech verfällt. Trotz aller Kraftmeierei bleibt der das Schreckliche der Lächerlichkeit preisgebende Roman aber eine ebenso komische wie gelungene Absage an jede Form von Ostalgie. Diese verspricht nämlich nur Wolfgang Lippert ein glamouröseres Leben. ( Dorian Waller, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26./27. November 2011)

  • Simon Urban, "Plan D". € 24,95 / 552 Seiten. Schöffling, Frankfurt/M. 2011
    foto: schöffling

    Simon Urban, "Plan D". € 24,95 / 552 Seiten. Schöffling, Frankfurt/M. 2011

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