Spekulation über türkische Militärintervention

25. November 2011, 13:26
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Türkische Soldaten bis nach Homs? Ankara weist Idee einer Militärintervention in Syrien (noch) zurück

Istanbul - Die Debatte über die von Frankreich geforderte Einrichtung eines humanitären Korridors in Syrien beflügelt in der Türkei die Debatte über eine mögliche Militärintervention gegen das Assad-Regime. Syrische Deserteure in der Türkei verlangen schon seit längerem eine von der Türkei bewachte Schutzzone in Syrien, in der Presse ist über einen Vorstoß türkischer Truppen bis in die Aufständischen-Hochburg Homs die Rede. Die türkische Regierung weist solche Überlegungen weit von sich. Doch die Ablehnung einer Intervention wird möglicherweise nicht das letzte Wort Ankaras bleiben, sagen Beobachter.

Gerüchte über ein mögliches militärisches Eingreifen in Syrien machen nicht erst die Runde, seit der französische Außenminister Alain Juppe vor wenigen Tagen die Idee eines humanitären Korridors in Syrien ins Gespräch brachte. Schon ein Manöver der türkischen Streitkräfte an der syrischen Grenze im Sommer und ein kürzlicher Überraschungsbesuch des türkischen Heereschefs Hayri Kivrikoglu bei den Grenztruppen hatten die Debatte über diese Frage angefacht.

Die "Freie Syrische Armee" (FSA), eine Gruppe syrischer Deserteure, die von der Türkei aus ihren Kampf gegen die Truppen von Bashar al-Assad in Syrien steuern, hatte ebenfalls die aktive Hilfe der Türken verlangt. Der FSA geht es vor allem um die Einrichtung einer türkisch bewachten Schutzzone auf syrischem Gebiet. Die syrischen Muslimbrüder, Todfeinde des Regimes in Damaskus, erklärten sich mit einer türkischen Intervention ebenfalls einverstanden.

Für die Regierung in Ankara ist all das offiziell kein Thema. Die Türkei werde weder an einer Militäroperation in Syrien teilnehmen, noch eine solche Aktion zulassen, sagte Vizepremier und Regierungssprecher Bülent Arinc am Freitagabend im Fernsehen. Zwar fordert die Türkei den Rücktritt ihres früheren Partners Assad und unterstützt die Exil-Opposition. Auch den geplanten Wirtschaftssanktionen der Arabischen Liga gegen Damaskus wollen sich die Türken anschließen. Aber weiter will Ankara laut Arinc nicht gehen.

Das könnte sich bald ändern, sagen einige Beobachter. In der regierungsnahen Zeitung "Yeni Safak" war von einem militärischen Vorstoß bis zur syrischen Stadt Homs die Rede, die eine Hochburg des Widerstandes gegen Assad ist. Nach einem Bericht der israelischen Zeitung "Haaretz" ist die israelische Führung zu dem Schluss gekommen, dass eine türkische Intervention näher rückt. Möglich sei die Errichtung türkischer Pufferzone zum Schutz der Assad-Gegner von der FSA.

Die Risiken eines türkischen Eingreifens liegen auf der Hand. Das syrische Regime hat mehrere hunderttausend Mann unter Waffen, eine Intervention von außen könnte den Iran als Partner Syriens mit in den Konflikt hineinziehen, Assad selbst hat mehrmals mit einem regionalen Flächenbrand gedroht.

Aus Sicht einiger Experten wird eine Intervention der internationalen Gemeinschaft dennoch immer wahrscheinlicher. "Die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in Syrien haben angefangen, sich zu bewaffnen", sagte der Syrien-Experte Veysel Ayhan vom Polit-Institut Orsam in Ankara auf Anfrage. "Wenn Syrien in einem Bürgerkrieg versinkt, in dem alle gegen alle kämpfen wie im Libanon, dann wird die Türkei das nicht zulassen."

Als direkter Nachbar sei die Türkei daran interessiert, dass sich die Lage in Syrien so schnell wie möglich wieder normalisiere, sagte Ayhan. Ein ausgewachsener Bürgerkrieg in Syrien würde unter anderem den türkischen Handel mit dem Nahen Osten über den Landweg unmöglich machen. Ayhan hält eine gemeinsame türkisch-arabische Intervention für möglich.

Türkische Zeitungen zitierten Außenamtsbeamte mit der Einschätzung, dass ein militärisches Eingreifen zwar unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen sei. Eine riesige Flüchtlingswelle aus Syrien oder großflächige Massaker syrischer Sicherheitskräfte an Zivilisten wären demnach Entwicklungen, die eine Intervention auslösen könnten.

Anders als sein Regierungssprecher Arinc hat es Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bisher vermieden, eine Intervention klipp und klar auszuschließen. Er hütet sich, das Thema öffentlich von sich aus anzusprechen, und bei seiner kürzlichen Antwort auf die Frage von Reportern nach einer möglichen Intervention beim Nachbarn hielt er sich alle Türen offen: "Derzeit" seit das kein Thema, sagte er. (Susanne Güsten/APA)

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