Völkerwanderung der Wörter

25. November 2011, 18:07
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Patrick Tschan erzählt im Roman "Keller fehlt ein Wort" die Geschichte eines Mannes, der versucht, seine Sprache wiederzuerlangen

Der Schweizer Patrick Tschan beherrscht sein Handwerk: Er legt einen Debütroman vor, der mit sicherer Sprache schildert, wie ebendiese in Schutt und Asche liegt. Sprachlosigkeit lautet die Diagnose für seinen Helden Ralph Keller.

Nach zwei Gehirnschlägen kann der ehemals eloquente Mittvierziger nicht mehr mitreden, und das berühmte "Es liegt mir auf der Zunge"-Gefühl wird zum Dauerzustand. In der Fachsprache heißt das Aphasie, doch mit treffsicheren Fachwörtern ist es erst recht vorbei: Nach den Unruhen im Sprachzentrum befürchtet Keller die Dauerabsenz seines kompletten Wortschatzes. Er zieht in den Krieg, um die einfachsten Termini zurückzuerobern und zur Wanderung in die gesunde Hirnhälfte zu bewegen. Seine Waffen: gelbe Klebezettel, die Alltagsgegenstände benennen.

Nach dem ersten, leichteren Schlag kann er Verwechslungen noch abwiegeln: Der Schulraumbeauftragte wird zum Kantonsarchäologen, aber passiert das nicht jedem einmal? Der zweite hinterlässt endgültig einen Krater im Gehirn des schlauen Mannes, der einst mitten im Leben stand. Klopfzeichen auf die Sprechmuschel sind ein Telefonat mit dem Arzt, der als Eingeschworener die Zeichen versteht.

Die Zuversicht nach dem ersten Therapieerfolg verebbt schnell, denn dass Keller die Ausführungen seiner Zeitgenossen mühelos versteht, erleichtert die Lage nicht. Vielmehr führt es ihm schmerzhaft vor Augen, wie sehr er aus dem Alltag ausgeschlossen ist. Nur bruchstückhaft sprechen zu können bedeutet einen frustgeladenen, nach innen gekehrten Alltag. Schließlich überwindet Keller die Versuchung, sich permanent als Stummer zu tarnen, und ergreift wieder zaghaft das Wort. Er sucht den Kontakt zum pubertierenden Sohn und zum anderen Geschlecht.

Tschan erschafft einen Charakter, der mehr Nachbar ist als Kunstfigur und den wir bis aufs stille Örtchen begleiten. Bildlich schildert er Kellers Ringen mit sich und seinen Stimmbändern angesichts der vagen Heilungschancen: Ein Aphasiker kann seinen Wortschatz zwar zurückgewinnen, doch benutzt er ihn so kritisch wie den einer Fremdsprache. Ein Happy End lässt sich angesichts der Tatsachen also kaum verwirklichen, und auf knapp 300 Seiten schon gar nicht.

Keller fehlt ein Wort bricht an der richtigen Stelle ab: nämlich dort, wo die Weichen für ein Leben gestellt sind, in dem sich Keller wieder als ganzer Mann fühlt. Leider kommt der Schluss abrupt und merkwürdig okkult. Die Geschichte eines steinigen, nicht endenden Weges in holder Bergeshöh abzuschließen, ist zweifelsohne eine Herausforderung, die Tschan anders hätte meistern können.

Auf den zweiten Blick transportiert der magische Moment jedoch, wie ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Maßnahmen erfordern. Und sich denen hinzugeben passt zur Kriegstaktik von Patrick Tschans stillem Helden. (Lisa Arnold, DER STANDARD - Printausgabe, 26./27. November 2011)

Patrick Tschan, "Keller fehlt ein Wort". € 21,90. Braumüller Verlag, Wien 2011

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